De Plagio - Vom Plagiieren
Dienstag, März 2nd, 2010
und die Dienstagsglosse heute …
Bildquelle: brauchstwas.com/Fischzucht. Herzlichen Dank!
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Menschenraub
Wenden wir uns nun heute einem schwer wiegenden Thema zu, schwerwiegend, weil justiziabel - dem Plagiat. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet immerhin „Menschenraub“, eine ganz, ganz böse Sache. Sie erinnern sich an das in die römische Geschichte eingegangene Women-Kidnapping? Die Sache mit den Sabinerinnen?
Kidnapping in spe
Oder das zukünftige Women-Kidnapping? (tolle Gelegenheit, das so seltene Futur II mal zu bemühen) Das demnächst in Indien und China zu Regel werden wird („geworden sein wird“), weil dort Millionen von Frauen fehlen? Warum? Pränatale Diagnostik, Ein-Kind-Politik, darum. Fortschritt hat seinen Preis. Aber wir schweifen ab, wie so oft.
Wobei es beim Plagiat neueren Datums nicht um Menschenfleisch, sondern um geistiges Eigentum geht, was meist noch viel schlimmer ist. Das glauben Sie nicht? Na, dann vergleichen Sie mal Eigentums- mit Körperverletzungen und den dazugehörigen Strafmaßen vor deutschen Gerichten…
Die Schöpfungshöhe!
Gut, gut. Menschen kann man anfassen (Vorsicht bei unerlaubten Körperstellen!), Wörter weniger. Ob etwas urheberrechtlich überhaupt geschützt ist, bestimmt hier die Schöpfungshöhe. Texter und Texterinnen, die mit viel Mühe Geflechte aus Alltagswörtern zusammenbasteln, können ein Lied davon singen. Meist schmettern die Gerichte ihre Klagen ab. Vor Gericht und auf Hoher See sind wir alle in Gottes Hand. Dt.SpW No 1.*
Dichter haben es da etwas leichter. Eine eigene Werkwelt, absurd, fantastisch, kriminell, usw, usw. denkt sich so schnell keiner aus. Aber holla, was lese ich da? Man kann sich tatsächlich auch selbst plaigieren. Also aufpassen beim zweiten Band Ihrer Weltraumsaga! Andrerseits: Wo kein Kläger, da kein Richter. Dt.SpW No 2. Nur Prozesshanseln prozessieren mit sich selbst!
Was ist eigentlich ein Plagiat genau?
Wann aber wird ein Wörter-Raub tatsächlich zum Plagiat? Die Meinungen gehen, wie so oft, auseinander.
„Ein Plagiat ist die Benutzung eines urheberrechtlich geschützten Werkes. Eine unerlaubte Benutzung liegt vor, wenn ein Werk ohne Zustimmung des Urhebers unverändert übernommen, umgestaltet oder bearbeitet wird (§ 23 UrhG) Das so veränderte Werk muss dann noch vom Plagiator als sein eigenes ausgegeben werden."
Oder:
Nach anderer Ansicht bedeutet Plagiat nur das Unterlassen der Quellenangabe bei einer sonst erlaubten Benutzung des Werkes. Nach dieser Meinung ist „Plagiator, wer als Inhaber eines Nutzungsrechts die eigene Urheberschaft behauptet oder wer bei zulässigen Zitaten (§ 51 UrhG) das zitierte Werk nicht angibt.“
(Beide Quellen: wikipedia)
Darf ich nun ein Werk verändern und benutzen, wenn ich die Quelle angebe? Oder nur, wenn ich auch die Genehmigung dazu eingeholt habe?
Herr, schmeiß Hirn ra!
Herr, schmeiß Hirn ‚ra! (Wie der Schwabe sagt). Oder: Urheberrechtsspezialisten – bitte klärt mich und meine Kollegen auf!
Auch Johnny Depp ist ein Plagiator gewesen
Plagiate hat es vermutlich immer gegeben. Auch in Hollywood. Ich erinnere mich gut an einen Film mit Johnny Depp, der einen gepeinigten, doch verbohrten Autor spielte, dem der, dessen geistiges Eigentum er infolge eines hartnäckigen Writers‘ Blocks gestohlen hatte, als Geist (oder so) erschien. Ganz, ganz schrecklich. Eine Glanzrolle für unseren verstört blickenden Johnny. Wussten Sie übrigens, dass dessen Bruder jetzt einen gar nicht so üblen Hollywood-Krimi geschrieben hat?
Cooler handhabt das dann schon Herr Lindner, der gleich gesteht und mit hingehaltner Kehle Mitleid heischt. Vielleicht, weil er Schätzing gelesen hat. Der sagt nämlich: „Man kann einen kurzen, kalkulierten Hype auslösen.“ Haben sich Herr L. und Frau H. vielleicht auch gedacht. Aber Schätzing weiter: „Erfolg auf lange Sicht ist nicht planbar.“ Uff, da sind wir aber wirklich froh. Und behalten erleichtert unsere Unterhosen an.
Schauen wir mal in die Vergangenheit
Nehmen wir mal keinen aktuellen, sondern einen postaktuellen, ja sogar postmortalen Fall. 1994 reicht eine spanische Schriftstellerin eine Novelle zum Premio Planeta der hochangesehenen Verlagsgruppe Planeta ein – dotiert mit über 600 000 Euro (Silbermedaille, was das Finanzielle betrifft, worldwide). Einreichung unter Pseudonym, wie in der Ausschreibung vorgesehen. Zwei Monate später schickt der berühmte und bereits mit dem Nobelpreis dekorierte Schriftsteller Camilo José Cela seinen Roman ein. „Andreaskreuz“ heißt er und weite Passagen darin ähneln der Novelle der unbekannten Autorin in höchst auffälliger Weise. Behauptet sie. Die Sache kommt vor Gericht. Jetzt schlägt die Stunde der Literaturwissenschaftler. Gutachten über Gutachten. Ein auktorialer Erzähler oder zwei? Diese oder jene Alliteration? Diese oder jene Sequenz, deren Reihenfolge getauscht wurde? Chiasmus, Oxymoron, Anapher? Ein Glück, dass die Universitäten der Welt mit Literaturwissenschaftlern, die endlich ein paar Knochen zum Kauen brauchen, randvoll gefüllt sind. Zweimal wandern die Klagen der Schriftstellerin zu den Akten.
2002 verstirbt Cela. Ein Gottesurteil? Der Schöpfer selbst kann das Geschwätz von der Schöpfungshöhe nicht mehr aushalten? 2002 ordnet ein Gericht an, die Sache wieder aufzunehmen. Ausgang ungewiss. Dt.SpW No 1.
Da kommen wir ja an Goethe nicht vorbei
Könnte sich Cela – wenn er denn noch am Leben wäre – wie Goethe verhalten haben? Als der das Heideröschen abgeschrieben hatte, wurde er von Herder, mit dem er ja befreundet war, öffentlich angegangen. Goethe soll gekontert haben, dass er ein wesentlich bedeutenderer Mensch sei als der kleinliche Schulmeister Herder. Und deswegen … über dem Gesetz stehe. Nein, Kommando zurück, das mit dem Gesetz hat Goethe natürlich nicht gesagt.Das gab es da noch gar nicht und überdies wäre er viel zu schlau für einen solchen Spruch. Der war von mir, sorry. Ich will schließlich hier nicht umgekehrt plagieren…
Und von Goethe zur Gema
Und was war nun Gegenstand der höchstrichterlichen Untersuchungen in Spanien? Inwieweit das Werk verändert wurde. Nicht etwa, dass es überhaupt zur Grundlage genommen wurde. (Wie gelang die Novelle auf den Schreibtisch des Dichterfürsten? Warum hat der Verlag sie weitergereicht, wenn er es denn war?) Darf man ein Werk nun benutzen und verändern und ist es nur strafbar, wenn man sich dazu nicht bekennt? Oder muss man, wenn man das Werk eines anderen verändern will, in jedem Falle anfragen, ob das genehm ist? Wie hält das eigentlich Elfriede Jellinek, eine andere Literaturnobelpreisträgerin? Und wie kann man eigentlich die Chuzpe haben, das so entstandene Werk zu einem Preis einzureichen, für den sich der eigentliche Urheber auch bewirbt? Die Strausschen Erben handhaben das ganz anders: Eine Inszenierung, die missfällt, wird untersagt…wie überhaupt Strauss mit seinem Einsatz für das Urheberrecht letztendlich die Gründung der GEMA vorbereitete…
Fragen über Fragen
Und was ist eigentlich mit Weiterentwicklungen bereits bekannter Werke? Darf man dem Pumuckl eine Freundin hinzuerfinden, die der Rechteinhaber niemals toleriert hätte? Darf man „Vom Winde verweht“ oder den „Fänger im Roggen“ einfach weiterschreiben? Oder ist das eine andere Baustelle?
Haben Sie meine Glosse letzte Woche gelesen? Nein? Jetzt aber husch, husch hin. Und jetzt lösen wir das ein, was wir dort beklagt haben:
Maria Formosa heißt die von Cela solcherart Beklaute. Maria Formosa. Maria Formosa. Maria Formosa. Maria Formosa. Schreiben Sie diesen Namen tausend Mal. Und wenn Sie fertig sind, spitzen Sie den Griffel erneut.
Airen. Airen. Airen.
Setzen.
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* Deutsches Sprichwort. Werden in Zukunft hier durchnumeriert.
Die Pumucklsache interessiert Sie, weil Sie sich auch eine Freundin wünschen? Na, dann hier. Dorten auch weitere Urteile zum Urheberrecht, unten.
Airen schreibt übrigens ein zweites Buch, höre ich gerade.


