Von der Zeitungskrise ist allerorten die Rede – die Anzeigen brechen weg, das Internet übernimmt die Nachrichtenbeschaffung. Was also soll die Zeitung noch? Sie hat natürlich eine Menge nonverbale Vorteile: Man kann sich beim Frühstück so schön hinter ihr verstecken, man kann nasse Schuhe oder trockene Mülleimer damit auskleiden, man kann Papierflieger daraus basteln und in der äußersten Not ersetzt sie sogar das Klopa. Am wichtigsten ist aber, glaube ich, das sie ein lebenslanger Gefährte ist, den man einfach kaufen kann – man liebt das gewisse Design, diese gewisse Liebe zur Fotografie, die Meinung des Leitartiklers, des Kolumnisten bei einer ganz bestimmten Zeitung. Und genau deshalb zahlt man im Urlaub willig das Doppelte für sie. Oder für ihn, den Gefährten, der williger und verfügbarer ist als der Mann, die Frau an unserer Seite.
Ergo: Ihrer nonverbalen Eigenschaften wegen bräuchte die Zeitung nicht zu sterben. Aber was ist mit ihrer eigentlichen Aufgabe: der inhaltlichen? Der Nachrichten-Content? Ja, den kennen wir immer schon, wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, denn all das haben wir abends noch im Internet gelesen. Alles Schnee von gestern. Dafür bräuchten wir die Zeitung nun wirklich nicht. Deshalb kommt jetzt die Stunde der Wochenzeitung – brisante schnelle Nachrichten kann die gar nicht haben… vielleicht gäbe es noch eine Nische für eine Zeitung an allen geraden oder an allen ungeraden Tagen? (Aber das nur nebenbei.)
Und was läse man dann darin? Genau das, was Giovanni die Lorenzo, der die ZEIT wieder hoch gebracht hat, sagt: Orientierungsartikel. Sie wissen nicht, ob Sie für oder gegen türkische Schulen sein sollen? Geben die Deutschen eigentlich tatsächlich mehr Geld für ihre Gesundheit aus als andere? Und wenn das so ist, wäre das gut? Die Zeitung sagt es Ihnen. Zeigt Ihnen Pro und Contra. Erklärt. Sichtet Hintergründe. Und dann: Bild dir eine Meinung. Eben nicht mit BILD.
Und dass die ZEIT jetzt auch noch neue Rubriken wagt (etwas zögerlich, wie ich finde), ist auch gut: eine farbige Seite, in der Leser mit winzigen Schnippschnappartikelchen zu Wort kommen und ein neues Buch namens "Glauben & Zweifeln". Wenn’s die Leser nicht mögen, werden sie es schon sagen…
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