Cogitare Aliter – Anders denken

Und die Dienstagsglosse von Gitta Edelmann…

Im Kopf einer Autorin ist irgendetwas anders verschaltet als bei anderen Menschen. Das kann bei Erwachsenen aus ihrem Umfeld zu stummem Kopfschütteln führen, bei ihren Kindern eher zu einem vorwurfsvollen „Aber Mama!“ Dennoch bietet diese Verschaltung enorme Vorteile für das Leben und Arbeiten der Spezies Autorin: Sie wird förmlich überflutet von Ideen.

Ideen, Ideen

Ja – Ideen für Geschichten gibt es nämlich überall. Und je nachdem, wie die Autorin gestrickt ist, wird aus der Idee ein Gedicht, eine Liebesgeschichte, ein Krimi oder auch – nichts. Muss ja auch nicht sein. Manchen Ideen ist es schon genug, eine Weile in einem Gehirn zu verweilen, von allen Seiten betrachtet zu werden und dann in einem ruhigen dunklen Winkel zu verschwinden.

Sie können sich das nicht vorstellen? Ihnen fällt nie etwas ein, über das sie schreiben könnten? Gehen Sie nie einkaufen? Die Autorin schon. Und dabei fällt ihr Blick unwillkürlich auf die Einkäufe im Wagen: zweimal Pizza, Sekt, Wein, Tiramisu, Kaffeepads, Servietten – das schreit doch nach einem Rendezvous und das konzentrierte Gesicht des bebrillten jungen Mannes lässt auf ein allererstes schließen. Wie „sie“ wohl aussieht? Wo haben sie sich kennen gelernt? Welches Problem könnten sie haben? Problem? Na – ohne Probleme keinen Konflikt und ohne Konflikt keine spannende Geschichte, also muss das mit dem Problem schon sein! Nebenbei bemerkt, es macht deutlich mehr Spaß, sich mit den fiktiven Problemen anderer zu befassen als mit den echten eigenen.

20 Päckchen Kaffeesahne?

Warum hat die Frau da vorne zwanzig Päckchen Kaffeesahne in ihrem Wagen, aber keinen Kaffee? Hat sie eine Wette verloren und muss nun für die ganze Firma die Wochenration an Kaffeesahne übernehmen? Oder gibt es Kaffeesahne-Junkies?

Was steckt hinter dem gestressten Äußeren der elegant gekleideten, jungen Mutter mit ihren beiden kleinen Kindern? Sind es gar nicht ihre und sie hat sie nur leichtfertig einer kranken Freundin abgenommen? Das kann heiter werden!

Was hat den alten Mann an der Kasse so ungeduldig und fordernd (besser gesagt: unverschämt) gemacht? Und wie reagieren die Menschen in seiner Umgebung? Hat da schon mal jemand daran gedacht, ihn umzubringen? Die Schwiegertochter zum Beispiel? Sie könnte ihn vergiften, erschlagen, ersticken …

Warum vergesse ich immer, was ich einkaufen wollte und muss alle Regalreihen mindestens zweimal durchlaufen? Ach, der Supermarkt ist voller Geschichten!

Und raus aus dem Supermarkt!

Natürlich braucht man nicht einmal so weit gehen, das Haus zu verlassen. Gerade in einem Haushalt mit Kindern fliegen die Ideen nur so durch die Luft. Da gibt es Wölfe, die nachts so laut heulen, dass das Kind nicht schlafen kann (zugegeben, die Idee gehört eigentlich dem Kind, aber das kann ja noch nicht schreiben), einzelne Socken verschwinden beim Waschen – klarer Fall: Sockenfressende Monster, ein Computerspiel fasziniert so sehr, dass sich die Mutter ernsthaft fragen muss, ob ihr Sohn gleich darin verschwindet, und das Zimmer der Teenager-Tochter würde einen Einbrecher zur Erkenntnis bringen, dass hier vor ihm schon ein Kollege alles durchsucht hat. Ist das nicht eine schöne Idee, sich das enttäuschte Gesicht des Einbrechers vorzustellen? Schon sieht die Autorin das Zimmer mit begeisterten Augen! Kommentar der Tochter: „Aber Mama!“

Naja, zugegeben, nicht jeder kommt bei einem verlorenen Sportschuh in Größe 42 auf die Idee, es könnte sich um die letzte Spur eines Entführungsopfers handeln, aber wenn auf der Titelseite einer Boulevardzeitung steht: „Mörder zum Geburtstag“, dann ist es doch ziemlich klar, dass so ein Mörder ein wirklich außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk ist.

Spuren? Spuren!

Glauben Sie an buchstabenfressende Plüsch-Krokodile, boshafte Wunschfeen und außerirdische Schulkinder? Wussten Sie schon, dass wir Gespenster so selten sehen, weil die meisten eine panische Angst vor Menschen haben? Nein? Für die Autorin sind diese Figuren herrlich real und verstehen sich bestens mit den kleinen Detektiven, die leider noch nicht heraus gefunden haben, wer der Autorin die letzte Schokolade weg gegessen hat. Da weder Ehemann noch Kinder sich zu dieser Schandtat bekannt haben, denkt die Autorin natürlich sofort an die Heinzelmännchen zu Köln. Denen muss man ja bekanntlich Nahrung bieten, damit sie alles aufräumen und putzen. Und sicher mögen Heinzelmännchen Schokolade. Nur: warum fangen sie nicht endlich mit ihrer Gegenleistung an?

Ach, es ist nicht immer ganz einfach anders zu denken als andere! Nicht jeder weiß gereimte Antworten auf alltägliche Fragen zu schätzen.

Und ist da natürlich noch das „Was-wäre-wenn?“ Was wäre, wenn die gefärbte und geliftete Frau im Leopardenmantel da vorne mit dem Punker (wo kommt der her? – hab schon ewig keinen mehr gesehen!) da hinten in einem Fahrstuhl führe und der Strom ausfiele? Was wäre, wenn plötzlich keine Flugzeuge mehr fliegen würden? (Hah! Ich hab’s vorausgedacht, obwohl ich nicht einmal einen isländischen Vulkan in meinem Blickfeld hatte!) Was wäre, wenn das nächste Rheinhochwasser bis zu unserer Haustür käme? Oje, meine Waschmaschine steht im Keller! Was wäre, wenn jetzt hier im Garten eine handtellergroße fliegende Untertasse landete – würden die Aliens sich am Ende mit den Ameisen anfreunden? Spannend, nicht?

Tja, und was wäre, wenn Sie diesen Beitrag kopfschüttelnd gelesen hätten und wissen wollten, was aus all diesem anderen Denken so werden kann? Dann könnten Sie auf meiner Homepage www.gitta-edelmann.de einiges finden.

Und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Denken – so oder anders!

One Response to “Cogitare Aliter – Anders denken”

  1. annette 20. Juli 2010 at 23:31 #

    Hallo Gitta,

    was würdest Du wohl denken, wenn Du in meinem Einkaufswagen 4 oder 5 Rollen mit je 50 Gefrierbeuteln (Größe. 2 Liter) entdecktest?

    Herzlichen Gruß
    Annette

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