Die Filmkritik: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Die letzten Monate der DDR: Selten hat man sie so deutlich filmisch in Szene gesetzt bekommen. Die Tristesse der Wohngebäude mit ihren viel zu billigen Mieten, die Leere der schlecht beleuchteten Straßen, die Skurrilität der eigenproduzierten Automobile, die dürftige Ausstattung der Blumensträuße, die Abwesenheit von Farbe.

Feste feiern mit Routine

Aber auf der anderen Seite auch der Stolz der Linientreuen, der aufrechte Gang der Frauen mit Beruf, die Üppigkeit der Fresskörbe und Buffets, die Zielgerichtetheit des Alkoholkonsums.

Und natürlich das, was zum Spott einlädt und doch nicht verspottet werden kann, weil es so traurig ist: die Hohlheit der Floskeln, die diesen niedergehenden Staat feiern sollen und wollen. Und deren Spiegelung in den immer sich wiederholenden Sentenzen des alten Kämpen, den Bruno Ganz so unnachahmlich mimt: nervtötend, stur und doch auch liebenswert.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler

Fabelhaft sind die Leistungen der Schauspieler: Bruno Ganz alt alternder, starrsichtiger Kommunist und Stalinist, Hildegard Schmahl, seine durch und durch verbitterte Ehefrau, sein sich windender Sohn (Sylvester Groth) und dessen angeheiratete russische Verwandtschaft, die Frau (Evgenia Dodina) und deren Mutter (Nina Antonowa).

 

Ein bisschen derb sind allenfalls die Metaphern: der zusammenbrechende Tisch mit seiner ins Bild ragenden schiefen Ebene, der immer bösartiger bellende Hund hinter dem Zaun, das üppige Dekolleté der Hausangestellten – das Abrutschen des Staates, der Zorn des eingesperrten Volkes, die Gier.

Und ein seltener Spaß

ist die Erkenntnis,  dass „Wodka“ im Lied etwas ganz, ganz anderes bedeutet als man gemeinhin meint… und dass das Russische, wenn mit Ruhe und Deutlichkeit und Sanftmut gesprochen, äußerst poetisch für unsere Ohren klingt.

Regisseur Matti Geschonneck

macht aus dem Familienroman (über 4 Generationen!) von Eugen Ruges gleichnamigem Bestseller einen wunderbar dichten Film.

Fröhlich geht man nicht aus dem Kino, aber nachdenklich. Man wurde Zeuge der Tatsache, dass immerwährende Kampf-und Kriegsrhetorik am Ende doch nur Sieger und Verlierer erzeugt, dass gegen Altersstarrsinn keine Kraut gewachsen ist, dass Frauen schon immer viel verstanden, aber wenig zu sagen hatten und dass der Abschied vom Saat DDR für manche auch ein wahres Trauma gewesen sein muss.

 

Sehr, sehr sehenswert! Mehr und ausführlichere Kritiken gibt es hier und da.

>nicht ins sowjetische, sondern ins zaristische Russland? Bitte sehr, hier gehts nach Sankt Petersburg!

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