Die Rezension: Literatur lesen

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Im vergangenen Jahr habe ich ein Buch gewonnen, in Heike Ballers Blog:

Terry Eagleton, Literatur lesen

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Literatur lesen: Eine Einladung

Gleich vorweg gesagt: ein wunderbares Werk. Es fasst  – auf wenig Platz, aber mit sehr vielen illustrierenden Beispielen – die Methoden der Literaturwissenschaft zusammen – so konzise und überzeugend, wie ich das noch nie erlebt habe (und ich habe Literaturwissenschaft an der Uni Tübingen studiert).

Wer will das wissen?

Sie fragen sich, wer will das wissen? Jeder und jede, denke ich, die gerne auf der Meta-Ebene über die Dinge nachdenkt, die sie oder er da liest. Wir lesen ja oft aus Eskapismus, weil wir für kurz aus dieser uns umgebenden, nervenden Welt entfernen wollen. Und dann wollen wir genau diese Dinge nicht wissen:

  • – wie kann es kommen, dass wir das, was wir da lesen, auch glauben?
  • – warum mögen wir den einen Erzähler mehr, den anderen weniger?
  • – warum nimmt uns ein Text – am Ende sind das alles ja nur ein Haufen Buchstaben – emotional mehr mit als ein anderer?
  • – warum weinen wir manchmal, obwohl wir doch ganz genau wissen, dass das alles nur ausgedacht ist?
  • – warum können wir ein Buch nicht aus der Hand legen, weil es so spannend ist, obwohl wir ganz genau wissen, dass nichts davon wahr ist und im echten Leben Konsequenzen haben wird?
  • – wie macht der Autor oder die Autorin das eigentlich, dass den ganzen Text eine mystische Atmosphäre durchzieht?
  • – oder eine fröhliche? Unheimliche? Freche? Besinnliche?

Das Geheimnis

Wenn wir aber Zeit haben und Muße und ein Buch, das uns entzückt, dann fragen wir uns schon, aus welchen Elementen sich die Kunst des Erzählens zusammensetzt…

Terry Eagleton

All solchen Fragen geht Terry Eagleton (Bild oben) mit dem leichten Tonfall eines niemals dozierenden, aber immer detailfreudig informierenden Freundes nach. Immer mal wieder mit typisch englischer Ironie eine gewisse Distanz zwischen uns und ihm herstellend. Diese Distanz braucht es eben, um über Dinge zu sprechen und nicht in sie einzutauchen.

Denn genau das macht der naive Leser, wenn er abhauen will aus seiner Welt. Das wollen wir alle, manchmal oder oft, aber eben auch nicht immer. Manchmal lesen wir ein Gedicht und wir fühlen uns seltsam erhaben danach. Wie das kommt?

Das sagt Ihnen dann Terry Eagleton.

Gönnen Sie sich das Büchlein!

Es sind nur 250 Seiten. Lesen Sie darin. Immer nur ein Kapitel. Und dann lassen Sie es einen Monat liegen. So wie ich das getan habe, deshalb kommt diese Rezension erst heute.

Sie wollen ein paar Beispiele hören? Bittesehr (kursiv gesetzte Textzeilen sind Zitate):

Es heißt, ein Bischof des 18. Jahrhunderts, der Jonathan Swifts Roman Gullivers Reisen las, habe das Buch ins Feuer geworfen und voller Entrüstung erklärt, er glaube kein Wort davon. Offensichtlich glaubte der Geistliche, die Geschichte erhebe den Anspruch, wahr zu sein, vermutete aber sie sei ausgedacht. Und genau das ist sie ja auch. Der Bischof lehnte die Fiktion ab, weil er sie für Fiktion hielt.

Der Erzähler, dem man nicht trauen kann

Oder haben Sie sich schon mal überlegt, ob Sie dem Erzähler der Geschichte, die Sie gerade lesen, überhaupt trauen können?

Vermutlich kennen Sie diese Frau nicht: Das Kindermädchen, das Henry James‘ The Turn of the Screw erzählt, ist mit ziemlicher Gewissheit geistesgestört. James spielt ein verschlagenes Spiel mit dem Leser und liefert ausreichend Gründe, die für die Glaubwürdigkeit der Erzählung des Kindermädchens sprechen.

Auch wenn Sie das Kindermädchen nicht kennen – Gone Girl oder Girl on the Train haben Sie vielleicht im Kino gesehen? Auch da gibt es raffinierte Erzählerinnen, denen man nicht unbedingt alles glauben darf. Und daraus entsteht die ungeheure Spannung, die diese Filme auslösen. Und: Einige Erzähler sind nicht nur unzuverlässig, sondern tatsächliche Betrüger. (…)

Kindliche Erzähler

Oder Kinder, aus deren Sicht erzählt wird: Das mag seinen Reiz haben, wie es das Beispiel des beliebten jugendlichen Erzählers in The Catcher in the Rye belegt, aber es kann auch Nachteile haben. (…).

Vielen Dank, Heike und Terry, ihr habt mir ein wunderbares Geschenk gemacht, das mir einen neuen frischen Blick auf Texte geschenkt hat! Und sogar manches Rätsel gelöst!

Apropos Rätsel: Heike Baller arbeitet auch als professionelle Netz-Rechercheurin, falls Sie mal etwas genau wissen wollen und selbst nicht finden können.

HB

Heike Baller aus Köln, surfen Sie mal hin zu ihrem Blog LESELUST

>Prüfen Sie doch mal, ob unsere Erzähler ehrlich sind!

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