Ein ganz besonderes Geschenk – der Briefroman eines Politikers namens Mitterrand

Ein ganz besonderes Geschenk – der Briefroman eines Politikers

Für mich ist das eine echte Überraschung. Ich war ganz sicher, dass so etwas nicht vorkommen würde: Dass ein Mann der Tat, ein Homo Politicus par excellence, die Zeit erübrigen würde, um einen veritablen Briefroman zu schreiben.

Er hat es getan.

Einen Roman mit Hunderten von Seiten verfasst. Mit Zeichnungen und Illustrationen! Briefe an eine Geliebte. Trotz Staatsempfängen, Staatsreisen, Staatskonferenzen, Staatsgästen, Staatsgeschäften … und völlig wider die Staatsräson. Das ultimative lebenslange ganz besondere Geschenk an eine Frau im Verborgenen.

Wollen Sie ein paar Sätze lesen?

„Ich stelle Ihr Foto auf meinen Schreibtisch und denke so zärtlich an Sie, dass es unmöglich ist, dass Ihr Herz es nicht in diesem Augenblick spürt (…)“ und „Was ist meine Zukunft? Nichts oder fast nichts. Es bleibt das Feld der Seele und des Traums. Und auf beiden bist du.“

Amor und Psyche aus Marmor von Canova, Briefroman als Geschenk

Antonio Canova (Italian, 1757–1822) – Mak Thorpe (1997)

Schöner, poetischer geht nicht, oder?

Der Roman eines ungelebten Lebens mit einer Geliebten, die es nicht geben durfte. Moment mal, ungelebt? Nein, das stimmt so nicht ganz. Der Politiker, der Staatspräsident der Grande Nation, hat sich und sein Liebesleben nicht in die zweite Reihe verweisen lassen. Er hat stolz und bestimmt ein Doppelleben geführt – an den Wochenenden mit Söhnen und Ehefrau Danielle, an den Werktagen mit Tochter und Geliebter Anne – und alle, allem voran die Presse, hat das Geheimnis bewahrt. So etwas wäre bei uns nicht möglich gewesen, oder? Und ist es auch jetzt in Frankreich nicht mehr: Man denke an Carla Bruni (zu schön und zu lang im Auge der Öffentlichkeit) und Sarkozy oder an Hollande und seine blonde Filmschauspielerin (ebenfalls an Publikum gewöhnt – wenn auch im Dunkel eines Kinosaals).

Ein Briefroman

Ein Roman in Briefen ist es dennoch geworden, weil ein Geheimnis einfach nach Niederschrift verlangt. Es muss gefeiert werden, in Worte gebracht werden, auf Papier gekritzelt oder schwungvoll hingeschrieben werden, es muss zusammengefaltet, geküsst und versteckt werden. Erst dann wird es ein Geheimnis, das glüht und glänzt, das leuchtet und stimuliert. Aber woher die Zeit nehmen? Das finde ich, ist das eigentliche Wunder. Denn der Held hat diese Worte nicht etwa randvoll mit Emotionen hingeworfen, sondern sorgfältig ausgewählt und hingedrechselt. So etwas tun nur Schriftsteller und Dichter.

Mitterrand im Profil, Verfasser eines Briefromans und Geschenks an seine Geliebte

Francois Mitterrand

Der Politiker als Dichter?

Ganz unmöglich ist das nicht – dafür gibt es etliche Beispiele. Vaclaw Havel, zum Beispiel, oder auch Churchill, schlichter Manfred Rommel in Stuttgart, oder auch Mario Vargas Llosa aus Peru, immerhin Staatspräsidentenkandidat und Literaturnobelpreisträger, oder der ansehnlich Dominique de Villepin, französischer Außen- und Innenminister. Alle diese aber waren Dichter und Schriftsteller, bevor sie in die Politik gingen, und wurden es nicht während. Darin, immerhin, ist Mitterand ein Mann mit einer ganz besonderen Gabe, einem ganz besonderem Geschenk. Ob die Liebeserklärungen nicht sowohl an die Geliebte als auch an die Nachwelt gerichtet waren? Ich glaube es. Er mag sonst im Handarbeiten nicht so geschickt gewesen sein, unser Monsieur Mitterrand, aber im Federschwingen und Legendenstricken war er genial.

Die Liebe – ein ganz besonderes Geschenk

Das ist sie. Und nicht geliebt zu werden (das hat die Geliebte sicher selbst erfahren – sie hat wohl mehrmals versucht sich aus der übermächtigen Umarmung zu lösen) ist das Allergrößte, sondern zu lieben. Schon Goethe hat das gewusst. Wie aber dieses köstliche, scheue Reh verspeisen und gleichzeitig bewahren? Mit Worten zu verewigen und das Feuer am Lodern zu halten mittels Heimlichkeit und der Aura des Verbotenen – das war Mitterrands ganz große Kunst: „Wenn es schwierig ist, wenn es immerzu schwierig ist, erlöscht die Liebe nicht.“

Wohl wahr.

 

Elyseepalast - Versteck für ein ganz besonderes Geschenk

Wo kann man im Elysee-Palast Briefe verstecken? Oder in Ruhe schreiben?

So schreibt er an seine Anne, die diesen Briefroman des Lebens jetzt veröffentlicht hat. In, wie ich vermute, einem letzten Akt der Liebe. Das Buch wird am 13.10 bei Gallimard in Paris erscheinen: „Lettres pour Anne“, Briefe an Anne.

 

 

>Ihnen schreibt keiner solche Liebesbriefe? Na, dann bestellen Sie doch welche bei uns! Was man nicht bekommt, muss man sich verschaffen…

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