Hautfarben

Susanne Ackstaller hat in ihrem Texterella-Blog dazu aufgerufen, sich zu augenblicklichen Stresssituation in der Flüchtlingshilfe zu äußern. Ich tu das gerne, weil auch mich neulich eine Situation und meine Reaktion darauf nachdenklich gemacht hat:

Eine Story über 5 Männer, die langsam über die Straße gehen Ich hingegen sitze im Auto und warte. Ich habe es eilig. Ein Arzttermin. Ich bin spät dran, wieder mal. Ich werde ungeduldig, finde, dass man auf dem Zebrastreifen flott zu gehen hat, damit man den Verkehr nicht aufhält. Am liebsten würde ich hupen. Ich beobachte sie. Werde immer ärgerlicher.

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Und dann denke ich: Wenn sie eine Haut hätten wie wir, Haar wie wir, dann dürfte ich ärgerlich werden. Denn dann wüssten sie, dass wir es alle eilig haben und dass man auf einem Zebrastreifen nicht verweilt. Aber so? Was wissen diese Fremden von unserem Leben? Vielleicht ist dies der erste Augenblick seit langem, in dem sie Witze machen können, entspannt sein können, keine Angst haben müssen? Vielleicht sind sie eben gerade aus der Kleiderkammer gekommen und finden das, was man ihnen gegeben hat, lustig ?

Gegen Regeln bewusst verstoßen kann nur, wer sie kennt. Es gibt also überhaupt keinen Grund, ärgerlich zu sein.

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Und warum haben wir eigentlich diese Ablehnung, dieses Unbehagen, diese Angst vor der anderen Hautfarbe? Dass man sich Fremdem, Unbekanntem gegenüber vorsichtig verhält, ist sicher evolutionsgeschichtlich sinnvoll. Warum aber so ablehnend? Warum empfinden wir das Bedrohliche so extrem stark bei den Hautfarben? Das ist doch nur der unterschiedliche Melatonin-Gehalt der Epidermis, oder? Bei mehr UV-Strahlung mehr davon und dunklere Haut, bei geringer UV-Strahlung weniger davon und hellere Haut. Ersteres dient der Vermeidung von Hautkrebs bei starker Sonneneinstrahlung  und letzteres der größeren Vitamin-D-Aufnahme bei geringerer Sonneneinstrahlung. Das ist alles. Der Rest ist Propaganda und Kokolores.

Ja, Propaganda und Kokolores.  Menschengemacht. Unterschiedlichsten Zwecken dienend. Es geht auch anders: Mal nachschauen bei Angelika Dells wunderbaren Fotoprojekt. Sie hat Menschen vor Hintergründen fotografiert, die genau ihrem Hautton entsprechen. Und man sieht sofort, dass die Klassifizierungen von Weiß, Schwarz, Rot und Gelb völliger Unsinn sind. (Und dass Babys am hellsten sind, weil sie am meisten Vitamin D für ihren Knochenbau haben müssen.)

Natürlich wissen wir das alles seit langem. Aber hin und wieder müssen wir es aktiv hervorholen. Vielleicht gelingt es uns eher, wenn wir uns die Bilder in Erinnerung rufen, die Angelika Dell gemacht hat. Da ist manches Gesicht fremd, das ja, aber keines bedrohlich. Und wenn wir das nächstes Mal einem solchen Gesicht auf der Straße begegnen, dann lächeln wir. Auch das ein kleiner, kostenneutraler, aber wirkungsvoller Bestandteil der viel beschworenen Willkommenskultur! Ein Care-Gruß, sozusagen.

Möwe sitzt auf einem Seil zwischen zwei Schiffen

Man kann, muss und soll natürlich auch mehr tun, viel mehr. Hier entlang, auf die Wie-kann-ich-helfen-Seite von Birte Vogel.

PS.: Ich meine schon lange, dass großformatige Anzeigen der Bundesregierung in die Zeitungen müssten, die uns intellektuell aufklären, emotional ansprechen und mit Argumenten versorgen zur Diskussion um eine neue, dringlich notwendige Einwanderungspolitik. Damit die ewigen Stammtischparolen keine Chance bekommen.

>direkt zum Care Paket

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