Madeleines Wolfs Projekt Zuflucht: eine Rezension

Im Sommer hatte ich ja Biggis Mestmäckers zu Herzen gehendes Buch Wir sehen alle denselben Mond besprochen. Darin geht es um einen geflüchteten Syrer, dem es in allerletzter Minute noch gelingt, seine Familie aus dem zerstörten Bürgerkriegsland herauszuholen und nach Deutschland einreisen zu lassen.

Immer wieder fragt man sich ja, wie es danach wohl weitergegangen ist. Nun, Frau Mestmäcker wird es wissen und mit der ihr eigenen Energie auch begleitet haben. Die Nachfrage aber ausgeweitet, bedeutet: Was geschieht mit den Flüchtlingen, die die vorübergehenden Kasernierungen überwunden haben und nun mit legalen Papieren bei uns leben, entweder

  • vorübergehend, weil sie Schutz genießen
  • oder dauerhaft, weil sie Asyl erhalten haben.

Unbedingte Leseempfehlung!

Hier nun hilft uns Madeleine Wolf weiter, die in ihrem Roman

Projekt Zuflucht

ein wunderbares Beispiel dafür geschaffen hat, wie es sinnvoll weitergehen könnte. Die Zwangsbewirtschaftung leerstehenden Wohnraums, die sie sich für Köln ausgedacht hat, wird sicher nicht jedermann begeistern. Aber sie dient in dem Roman vielleicht auch nur als Vehikel, um die Einwände und Angstvorstellungen der Alteingesessenen zu bündeln.

Zum Inhalt: Die Erbin einer leerstehenden Miethauses kann davon überzeugt werden, zusammen mit ihrer besten Freundin, einer Architektin, und einem in der Flüchtlingshilfe engagierten Sozialarbeiter das Projekt Zuflucht in Angriff zu nehmen.

Ja, da muss tüchtig renoviert werden!

Etwas, das ich mir selbst immer wieder vorgestellt habe, weil ich es für sinnvoll hielt, wird in großer Sachkenntnis beschrieben: Wie Menschen unterschiedlicher Ethnien und unterschiedlicher beruflicher Vorkenntnisse zusammen ein heruntergekommenes Haus renovieren und bewohnbar machen. Da wird nicht verschwiegen, wie schwer sich die einzelnen Protagonisten tun, wie sehr man sich zusammenraufen muss, wie kontrovers diskutiert wird und wie heftig Vor-Urteile auflaufen, weil der Kopf den Ereignissen immer weit vorauseilt und bei seiner Interpretation dieser Ereignisse auf Altbewährtes zurückgreift…

Fazit des Buches: Es geht. Jeder gewinnt. Aber man muss mit Sachkenntnis und Geduld ans Werk gehen. Und mit den Behörden und nicht gegen sie.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass eine solche Gemeinschaftsleistung auch denjenigen, die in einigen Jahren wieder zurückmüssen (oder zurückwollen) nach Syrien, nach Afghanistan oder in den Irak das nötige Selbstvertrauen und das nötige Know-How vermittelt. Der Wiederaufbau eines zerstörten Landes ist zuallererst Wohnungsbau – mit den Architekten, mit den Bewohnern (die vielleicht auch unterschiedlichen Ethnien oder Religionen angehören), mit den Behörden, mit den (womöglich ausländischen?) Geldgebern.

Dass Madeleine Wolf, selbst Architektin, etwas von der Sache versteht, ist klar. Dass sie aber auch schreiben kann, dass man ihren (professionellen und emotionalen) Ausführungen gerne und gespannt folgt, ist nicht selbstverständlich. Dass das Happy-End am Schluss ein bisschen plötzlich und gewollt wirkt – geschenkt! Wir freuen uns über das gelungene Debut und würde gerne noch mehr von dieser Autorin lesen!

 

Photos von oben nach unten, von Gabor Monori , Toby Wong und (mixed) vom Autorenexpress

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