Moonlight – die Kino Rezension

Wenn ein Film Oscars kriegt, ist man ja schon neugierig. Also nix wie hin ins Kino! Schade nur, dass die bezaubernde Wasserszene – teils unterwasser aufgenommen – schon in allen möglichen Nachrichtensendungen als Häppchen serviert worden war…

Tatsache ist,

Moonlight

ist ein wunderbarer Film, den man jedermann und jederfrau ans Herz legen will. Nicht unbedingt wegen des Plots – Junge entdeckt Homosexualität, wird gemobbt und später ein Typ mit harter Schale und weichem Kern – sondern wegen der Hautfarbe der Darsteller.

Schwarze kommen ja in vielen US-Filmen vor, aber meistens nicht ausschließlich. In diesem Film gab es keinen einzigen Weißen. Das fand ich bemerkenswert, weil man als Zuschauerin plötzlich hineingesogen wurde in eine Welt, die sich zwar in unmittelbarer Nähe befindet, aber dennoch völlig unbekannt ist. Großartig war auch, wie ruhig dieser Film erzählte und wie gemächlich er seinen Figuren näherkam, (fast) ohne Interpretation, nur mit dem Spiegel ihrer Gefühle auf ihren Gesichtern, in die man lange ungestört blicken konnte. Weil wir nie länger in schwarze Gesichter sehen – sei es aus Angst, aus Desinteresse, aus Überheblichkeit oder aus Furcht vor Provokation – lernen wir auch nicht, die Formen ihres Mienenspiels zu interpretieren und damit zu verstehen. Das konnte man neben vielem anderen in diesem Film ein wenig üben, um mit dem guten Vorsatz herauszukommen, in Zukunft ein wenig länger und genauer hinzusehen, wenn uns jemand begegnet, der eine andere Hautfarbe hat als die gewohnte. Und womöglich grills* trägt…

moonlight

Der junge Cheron

*Grills – das sind offenbar die goldenen Zahnauflagen, die das Lächeln eines besonders taughen schwarzen Mannes so unheimlich – oder doch vielleicht schön? – machen.

Das hochkarätig besetzte Drama wurde bei den Oscars 2017 unter anderem für den “Besten Film”, die “Beste Regie” und das “Beste adaptierte Drehbuch” nominiert. Zudem hat “Moonlight” bei den Golden Globes 2017 die Auszeichnung in der Kategorie “Bester Film – Drama” gewonnen. Regie führte der Newcomer Barry Jenkins (“Medicine for Melancholy“), dessen Filme oft die Probleme und Herausforderungen von Afro-Amerikanern schildern. Für sein neuestes Werk konnte er so namenhafte Schauspieler wie Mahershala Ali (“Luke Cage“), Naomi Harris (“James Bond – Spectre“) und André Holland (“The Knick“) gewinnen. Die Geschichte basiert auf dem Theaterstück “In Moonlight Black Boys Look Blue” von Tarell Alvin McCraney und verarbeitet das Farbspiel des Theatertitels stilsicher und gekonnt auf der visuellen Ebene.

(siehe oben)

Lesen Sie hierzu auch in der ZEIT eine gelungene Besprechung von Wenke Husmann, danke!

Und ebenso empfehlenswert der ZEIT-Magazin-Beitrag von Tania Witte

Ich bin etwas, was du nicht siehst

Was der Film mit uns als Publikum macht. Als vorwiegend weißes Publikum, wohlgemerkt.

Mich hat der Film auch an ein Buch erinnert, das ich vor einigen Jahren gelesen habe:

On the Run

von Alice Goffman – eine soziologische Studie über das Leben junger Schwarzer im amerikanischen Getto. Näheres dazu steht in der FAZ, ich muss das hier nicht wiederholen. Dass die Erkämpfung der Bürgerrechte (siehe Film: SELMA) in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts eine unglaubliche Aufrüstung der Polizei zur Folge hatte und dass daraufhin junge Schwarze in die zuerst angenomme und danach in die tatsächliche Kriminalisierung getrieben wurden, ist dort anschaulich geschildert. Lesen! Film gucken!

Alice Goffman: „On the Run“. Die Kriminalisierung der Armen in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Noemi von Alemann, Gabriele Gockel und Thomas Wollermann. Antje Kunstmann Verlag, München 2015. 320 S., geb., 19,95 €.

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