Procrastination – Probatum est. Vom Aufschieben, die Zweite

die Dienstagsglosse  von Karin Wischnath…

Prokrastination – Probatum est

Schreiben und Zeit

Wie viel Zeit das Schreiben wirklich braucht, ist mir insbesondere im Entstehungsprozess dieser Glosse aufgefallen. Schon vier Wochen vor dem vereinbarten Abgabetermin dachte ich mir: Als Urlaubsvertretung für eine vielbeschäftigte Autorin so eine nette kleine Glosse zu schreiben, das ist schön. Auch beschloss ich, mir viel Zeit für diese Glosse zu nehmen, denn ich wollte bei Ihnen, den Lesern, keinesfalls den Eindruck hinterlassen, dass ich Sie mit einem schnell und unkonzentriert dahingeschluderten Text abspeise. Weil Entspannung eine Grundvoraussetzung für Kreativität ist, beschloss ich eine Woche nach meiner Zusage an Nessa, erst mal selber in den Urlaub zu fahren.

Schreiben und Zweifel

Als ich zwei Wochen später wieder nach Hause komme, kann ich trotz guter Motivationslage leider nicht sofort mit dem Schreiben der Glosse anfangen. Das Buch mit den Lateinischen Sprichwörtern fehlt, ohne Buch kein Glossentitel und ich fange immer mit dem Titel an. Als der Papierstapel auf meinem Schreibtisch ins Rutschen kommt, rutscht etwas schweres hinterher: das Buch! Sofort koche ich mir einen Kaffee, öffne es, und beginne darin zu lesen. Duo quum faciunt idem, not est idem. `Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe.´ Was hat der Lateiner damit gemeint? Kennt er mich? Oder Nessa? Glaubt er etwa, ich sei nicht imstande solch ein Glosse zu schreiben? Diese leise, dumpfe Lähmung macht sich wieder einmal in mir breit, sie befällt meine sonst so professionell und auf Abruf hervorsprudelnde Kreativität. Ich lasse das Lateinerbuch sinken und treffe eine Entscheidung. Ja, ich schreibe diese Glosse. Aber nicht jetzt. Denn ein gesundes Bauchgefühl sagt mir, dass eine enge Korrelation zwischen der Lähmungserscheinung und den 236 zu bearbeiteten E-Mails in meinem Posteingang bestehen muss.

Schreiben und Identität

Schließlich ist man im Leben ja nicht nur Urlaubsvertretungsglossenschreiberin, sondern auch Journalistin, Krimi- und Drehbuchautorin, Crime Dinner (www.die-bittersuessen.de) und Kinderkrimi-Event-Organisatorin. Und, wenn man den eigenen Maileingang so betrachtet, auch noch einiges mehr. Irgendwer hat noch lange vor mir selber herausgefunden, dass ich offensichtlich dringenden Bedarf an einer Überdosis Viagra und geilen Ludern auf Parkplätzen meiner Umgebung habe und verrät mir deren Standort täglich. Wahrscheinlich, weil ich nie auftauche. Sie denken, ich finde sie nicht.

Ein anderer Umstand, einer welchem ich mir vor dem Lesen meiner Mails schon selber bewusst war, scheint sich unter Mailversendern ebenfalls herumgesprochen zu haben: Ich bin ein Mensch, der gerne Petitionen gegen das Böse in der Welt unterschreibt.

Während ich meine Mails studiere, überlege ich, ob es an der Zeit wäre, eine Prioritätenliste anzulegen. Eine, die auch meinen zum Halbtagsjob angewachsenen Email-Verkehr einschließt. Was ist wohl am Wichtigsten? Der Kampf gegen die Homophobie, für den Weltfrieden und die Wale? Der Mailverkehr den ich mit meinen Mörderischen Schwestern (http://www.moerderische-schwestern.eu/) pflege? Oder ist es tatsächlich angeraten, auf einen meiner acht Newsletter zu verzichten? Aber auf welchen? Als sich wieder diese leise Lähmung bemerkbar macht, weiß ich, das es Zeit ist etwas zu verändern.

Schreiben und Struktur

Ich verschiebe also die anstehenden Entscheidungen und wende mich meinem just vor dem Urlaub installierter Tagesstrukturierungsplan nach Harald Martenstein zu. Was mein Lieblingskolumnist auf hellblauen Karteikarten an strukturfördernden Aufschrieben notiert, schreibe ich seit kurzem in meinen computergestützten Tages- und Wochenplan.

Als ich dort alle Handlungsaufforderungen und Termine aus meinen 236 Mails eingetragen habe, geht es mir viel besser. Ich schließe den Plan mit der guten Gefühl, die Aufgaben im Prinzip schon erledigt zu haben.

Die Lähmung weicht, die Glosse naht, die Sonne scheint. Ein gefühltes erstes Mal seit einem halben Jahr, das mit der Sonne. Ich bin hochmotiviert mich an den Schreibtisch zu setzen und beschließe, vorher noch eben schnell Gartenmöbel zu organisieren. Fünf Jahre lang habe ich an der heimischen Veranda geplant und gebaut, seit weiteren zwei Jahren fehlen mir die Gartenmöbel dafür. Die Reihenfolge der anstehenden Arbeiten ergibt sich logisch aus der Faktenlage: Gartenstühle kaufen, Latte Macciato zubereiten, Glosse schreiben. Manchmal ist das Leben einfach.

Schreiben und Disziplin

Als Stühle, Tisch und Sonnenschirm am nächsten Morgen auf der Veranda stehen, fehlt: Die Sonne. An regnerischen Tagen ist es die bessere Idee Koffer auszuräumen, beschließe ich, und meine Wäsche muss dringend gewaschen werden. Ohne geht gar nicht, nicht bei diesem Wetter, und wer weiß was ich sonst als nächstes lesen muss, wenn ich meine Mails checke. Als ich die Mails eben noch mal checke stoße ich auf eine interessante Forumsfrage, die in der internen Mailingliste meiner Mörderischen Schwestern diskutiert wird: `Wie finde ich einen Titel ?´ Ich bin begeistert. Ich mache mir einen Kaffee. Ich lese. Genau mein Thema. Ich beschließe, doch jetzt sofort mit der Arbeit an der Glosse anzufangen. Trotz fehlender Sonne, in meinem schattigen Büro. Glossen schreiben ist eben etwas anderes als Urlaub machen. Das muss auch mal ohne Sonne gehen. Die Titeldiskussion der Mörderischen Schwestern ist sehr ergiebig. Der Tag ist zu Ende. Das macht aber nichts. Es sind immer noch zwei Tage übrig bis zum Abgabetermin.

Schreiben und externe Beratung

Beim nachmittäglichen Kaffee am darauffolgenden Tag fokussiere ich. „Eigentlich ist Prokrastination doch auch ein schönes Thema“, sage ich zu meinem Gegenüber. „Und so aktuell.“ Das Wort Prokrastination kommt mir dabei total locker über die Lippen. Als hätte ich es heimlich geübt. Mein Gegenüber hat dereinst ein humanistisches Gymnasium besucht. Meinen Schulabschluss nennt er gerne Mal- und Zeichenabitur. Jetzt nickt er aber bestätigend, das spricht für ihn. „Dann fehlt mir jetzt nur noch ein lateinischer Titel für den Text“, sage ich. Er nickt wieder. Sagt dann lässig “Du hast ihn doch schon.“ Zu lässig sagt er das.

Man sollte nicht zu viel mit solchen Leuten verkehren. Aber dosiert und im richtigen Moment kann ihre Meinung manchmal hilfreich sein.

Schreiben und Prokrastination

Tag 0, morgens. Also noch genug Zeit für ausführliche Recherchen. Ich schreibe nie ohne ausführlich zu recherchieren. Das ist auch eine Frage des Berufsethos.

`Was ist Prokrastination?´ frage ich Wikipedia. Die Antwort ist lieblos über der Schmerzgrenze:„Aufschieben, auch Prokrastination, Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten, Handlungsaufschub oder umgangssprachlich Aufschieberitis, ist die Angewohnheit, notwendige, aber unangenehme Arbeiten immer wieder zu verschieben, statt sie zu erledigen.“

Es ist von Teufelskreisen die Rede, von unklarer Prioritätensetzung, neurotischem Verhalten, dem Überbewerten eigener Stimmungen und dergleichen Stigmatisierungen mehr. (http://de.wikipedia.org/wiki/Aufschieben) Das hört sich nicht gut an, denke ich, auch sehr trocken und humorlos. Deshalb schaue ich bei Max Goldt nach. Meinem anderen Lieblingskolumnisten, dem Großmeister des intelligenten Humors. Der wiederum soll Prokrastination als „nicht zeitmangelbedingtes, qualvolles Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung“ beschrieben haben. Was mir wiederum kaum vorstellbar ist. War es nicht Max Goldt, in dessen Wohnung nicht ein einzig Staubkrümelchen zu finden ist, weil er vor dem Gang zum Computer immer immer erst mal die ganze Wohnung putzt? Wer bitte hätte etwas gegen solch einen Mitbewohner im Haus?

Ich fange an, an diesen diffamierenden Positionen zu zweifeln, und suche nach Verbündeten für meine These: Prokrastinierer sind im Grunde sehr liebenswerte, kreative, vielseitige und fleißige Menschen, die durch ihr Vermeidungsverhalten unzählige andere Arbeiten erledigen, die Normalsterbliche nie zustande bringen würden während sie die mit Deadline versehenen Aufgaben zudem erledigen. Pünktlichst auf die Sekunde. Das soll ihnen erst mal einer nachmachen

Trotz besseren Wissens legen sich mir diese lieblosen Worte, diese ungerechte und diffamierenden Weltsicht aufs Gemüt. Und wenn es mir schlecht geht, schreibe ich schlecht. Deshalb gehe ich erst mal einen Kaffee trinken und ein bisschen im Internet surfen. Und finde bei Sascha Lobo und Kathrin Passig den Beweis dafür, das wir doch alle Gottes Kinder sind. Wir Prokrastinierer vielleicht noch ein kleines bisschen mehr als Ihr anderen.

PS: Liebe Nessa,

vor dem Schreiben des letzten Kapitels dieser Glosse habe ich noch eben die Fenster geputzt. Weil doch die Sonne wieder anfing zu scheinen. Als ich die Tischdecke und einen Blumenstrauß für das neue Verandaensemble gekauft hatte, war es leider schon zu dunkel um noch weiter an der Glosse zu arbeiten. Den Stromanschluss für das Außenlicht auf der Veranda werde ich morgen legen. Falls er dann noch nötig ist, denn die Glosse willst Du ja unbedingt heute haben. Schade eigentlich, ich bin gerade in bester Glossenschreiblaune.

Nur diese eine Frage will mir nicht aus dem Kopf: Warum bitte hast Du mich nicht schon vor sieben Jahren gebeten, eine Glossenurlaubsvertretung zu übernehmen? Als ich gerade die Idee hatte, mir eine Veranda zu bauen? Ahnst Du, wie schnell die Veranda hätte fertig sein können?

Trotzdem einen schönen Urlaub wünscht Dir

Kathrin Wischnath

……………………………………………………….

Tolles Comic zur Prokrastination:

Das Buch von Kathrin Passig und Sascha: „Dinge geregelt kriegen- ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Zu Harald Martenstein.

No comments yet.

Hinterlasse eine Antwort