Vielleicht ist das Schenken ja wirklich eine Kunst. Möglicherweise auch eine Wissenschaft, eine Leidenschaft – oder ein Machtspiel. Mag sein. Vor allem ist Schenken Imagewerbung in eigener Sache: ein aufschlussreiches Statement des Schenkers über sich selbst. Betrachten wir doch einfach einmal die Typologie der Schenkenden aus dieser Perspektive …
1. Der Das-bist-du-mir-wert-Schenker*
Er wählt ein völlig überteuertes Geschenk, das den Rahmen des Angemessenen gewaltig sprengt. Mit viel Getöse natürlich, das leicht mit Paukenschlag und Fanfarengeschmetter verwechselt wird. Tatsächlich aber eine Ohrfeige für den Beschenkten ist, der eher beschämt denn erfreut ist.
Imageaussage: Na, du Wicht, da staunste? Ich kann mir das eben leisten, ich Erfolgsmensch!
2. Der Wir-hatten-zwar-ausgemacht-nichts-zu-kaufen-aber- ist-ja-nur-ne-Kleinigkeit-Schenker
Er hält sich nicht an Absprachen. Aus Sturheit, Trotz oder weil er so konditioniert ist, dass er kurz vor Weihnachten automatisch irgendwelche Präsente kauft. Damit verunsichert er den Beschenkten und bringt ihn in eine einigermaßen peinliche Situation. Was ihm eine Sekunde zu spät erst klar wird …
Imageaussage: Regeln sind was für Angsthasen. Ich steh da drüber. Jetzt freu dich – los!
3. Der Du-hast-doch-eh-schon-alles-deshalb-hier-ein-netter-Gutschein-Schenker
Ganz gleich, ob für Fußpflege, Dessousladen, Candlelight-Dinner, Thaimassage oder Tankfüllung: ein Gutschein ist und bleibt das Unromantischste, was man verschenken kann. Er ist die Fortsetzung von Geld mit anderen Mitteln –mit dem Unterschied, dass man mit Geld wenigstens die freie Wahl hätte.
Imageaussage: Zu dir fällt mir irgendwie einfach nichts ein. Sorry. Du bist eben langweiliger als ich.
4. Der Ich-kenne-deine-Wünsche-genau-Schenker
Auf den ersten Blick ist er perfekt: Er macht sich viele Gedanken um die zu Beschenkenden, hört genau zu, was seine Mitmenschen übers Jahr so an Wünschen so äußern, merkt sich ihre Vorlieben und besorgt genau das richtige Präsent – übrigens Monate im Voraus, nicht erst an Heiligabend.
Imageaussage: Auch beim Schenken zählt nur Top-Leistung. Ich hab’s drauf. Du musst mich lieben!
5. Der Wenn’s-dir-nicht-gefällt-behalt-ich’s-eben-selber-Schenker
Er liebt es, Geschenke einzukaufen! Solange er dabei nicht daran erinnert wird, dass er sie für andere aussucht. Denn das ist schade – schließlich liebt er niemanden auf der Welt so sehr wie sich selber. Am Ende verschenkt er sie doch, mit großer Geste und viel Tamtam.
Imageaussage: Mein Geschmack ist viel exklusiver als deiner – wie war noch dein Name?
6. Der Nie-würde-ich-dich-vergessen-Schenker
Er läuft an Weihnachten zur Hochform auf – denn jetzt kann er alles, was er sich im Laufe des Jahres an Oberflächlichkeit, Rücksichtslosigkeit oder Nachlässigkeit geleistet hat, ausgleichen. Schenken ist für ihn eine Herausforderung an sein Pflichtbewusstsein. Gefühle haben dabei nichts verloren.
Imageaussage: Ich bin korrekt und gewissenhaft. Die Quittungen hebe ich sicherheitshalber auf.
7. Der Geben-ist-seliger-denn-Nehmen-Schenker
Ja, es gibt ihn wirklich – den Heiligen, der lieber etwas verschenkt als Geschenke zu bekommen. Und das, obwohl man sich bei der Auswahl seiner Präsente durchaus viel Mühe gibt. Handelt er aus purer Selbstlosigkeit? Im Gegenteil: eher aus Selbstverliebtheit und Selbstgerechtigkeit …
Imageaussage: Wärest du ein so guter Mensch wie ich, wüsstest du, wie großartig ich mich fühle.
8. Der Ich-bin-mal-gespannt-wo-du’s-hinstellst-Schenker
Er stellt die Selbstbeherrschungs seiner Mitmenschen auf die Probe – und baut dabei ganz auf ihre gute Kinderstube. Die scheußliche Vase, der selbstgebastelten Fotokalender, die kitschige Tischdecke ist sein persönlicher Stachel im Fleisch seiner geschmackssicheren Mitmenschen. Ha!
Imageaussage: Du sollst mich nie vergessen. Niemals. Und sei es aus Abscheu.
9. Der Huch-schon-wieder-Weihnachten-Schenker
Er kauft am 24. Dezember kurz vor Ladenschluss ein. Krawatten, Schmuck, Parfum. Die Klassiker eben. Oder noch schlimmer: praktische Haushaltsgeräte, Blumen von der Tankstelle, etwas von der Amazon-Wunschliste oder irgendeine Überraschung. Inklusive der damit verbundenen Risiken.
Imageaussage: Wer so wichtig ist wie ich, hat keine Zeit für Kinkerlitzchen wie Geschenkekaufen.
10. Der Hoffentlich-freust-du-dich-Schenker
Da ist er ja endlich! Er schenkt, um seine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen, um jemandem ganz ehrlich eine Freude zu machen, um zu überraschen und zum Strahlen zu bringen. Oder vielleicht sogar zu Tränen zu rühren. Beim Auspacken ist er aufgeregter als alle anderen …
Imageaussage: Keine. Einfach Gefühl. Liebe. Freundschaft. Respekt. Dankbarkeit. Weihnachten.
*Seien wir heute einmal faul und verzichten wir auf die weibliche Form. Frauen schenken sowieso ausschließlich aus reinstem Edelmut.


Liebe Heike,
ich bin begeistert! Kenne übrigens fast alle Schenker-Typen – und verrate jetzt mal nicht, wo ich mich einordnen würde
… aber für diesen Fall gibt es ja den Super-Sternchenzusatz.
Toll, toll, toll.
Überhaupt die ganze Blogwichtelaktion vom Texttreff.
Danke für die Erheiterungsmöglichkeiten im Vorweihnachtsstress.