Susann Sitzler: Bauchgefühle

„Dick« sei ein Wort, so sagt Susann Sitzler, bei dem das Wörtchen „zu“ immer mitgedacht werde: Dick-sein heißt zu-Dick-sein. Wohl wahr, man braucht sich nur selbst zu prüfen. Wer das nicht wolle, sage „mollig“ oder gar „moppelig“ oder – im besten Falle – „sinnlich“. Die Adressatin hört die Botschaft trotzdem wohl: Sie sei zu dick, meint das Gegenüber,  müsse sich nur beherrschen, disziplinieren, nachdenken. Dann klappe es schon mit dem in-Form-bleiben. Im ersten Teil ihres äußerst lesenswerten Buches beschreibt Susann Sitzler die vielfältigen Abwertungen und Kränkungen, die ein Mensch erfährt, den die Natur etwas kräftiger vorgesehen hat als die Modeindustrie das möchte, weil ihre Produkte an kurvenfreien Kleiderstangen besser aussehen. Und der sehnsüchtige Wunsch nach dieser Traumfigur wiederum andere Industriezweige erst möglich macht. Menschen, die mit natürlicher Schlankheit gesegnet sind, können erschrecken, wenn sie
die vielen, ehrlichen und durchaus selbst erlebten Beispiele lesen.

Im zweiten Teil erfahren wir Überraschendes: Warum manche Menschen ihre Dickheit brauchen, um im Konkurrenzkampf zwar nicht mitzuhalten, aber eben sichtbar zu bleiben und eine sichere Nische zu besetzen. Warum Übergewichtige die allgemeinen Krankheitskosten – entgegen aller Annahmen – nicht hochtreiben und weshalb sie gesünder blieben, wenn man sie nicht durch willkürliches Verschieben der Maßeinheiten in die Krankheit triebe. Vielleicht, sagt die Autorin, ginge es allen besser, wenn man die Dicken einfach in Ruhe ließe.

Im dritten Teil des schmalen Büchleins geht es um Lösungs- und Emanzipationsstrategien. Die Ansätze haben mich sehr nachdenklich gemacht. Haben, ich hoffe, ich verspreche da nicht zuviel, neues Verhalten meinerseits ausgelöst. Stichwort: „Fat talk“. Lesen Sie selbst, was es damit auf sich hat. Und inwiefern wir bei uns selbst beginnen müssen – wir Schlanken und wir Dicken.

Zum Buch von Susann Sitzler

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