Unser Buch des Monats September: Wir sehen alle denselben Mond

Nein, dieses Mal ist es keine Anthologie, sondern ein kleines, feines Taschenbuch, das ich vorstellen will:

Wir sehen alle denselben Mond

Das Buch ist etwas ganz Besonderes, denn es treffen in seiner Mitte zwei Texte aufeinander, die die gleiche anrührende Geschichte erzählen: Der vordere liest sich von vorne nach hinten und ist in deutscher Sprache verfasst und der hintere liest sich von hinten nach vorne und ist auf Arabisch geschrieben. Und es hat auch eine eigene Website: Wir sehen alle denselben Mond. Und einen Flyer dazu gibt es auch. Und demnächst eine Radiosendung!

Und worum geht es?

Es geht um die sogenannte erleichterte Familienzusammenführung, die, wenn sie sich so darstellt wie von Biggi Mestmäcker beschrieben, alles andere als erleichtert ist. Sie ist vielmehr verschwierigt und man kann das nicht anders nennen als Menschenvergrämung. Normalerweise macht man so etwas mit Nagetieren und Maulwürfen.

 

Aber der Reihe nach: Es geht um einen syrischen Familienvater, der nach langer Wartezeit in deutschen Unterbringungen schließlich den erwünschten Aufenthaltsstatus als Flüchtling erhält. Und damit die Berechtigung, seine Familie nachzuholen. Um die Ausreise von Frau und Kind aus Syrien möglich zu machen, muss man – neben Geld und zahllosen Dokumenten, die man in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land zu beschaffen hat – ein Visum beantragen. Bei einer zuständigen Auslandsvertretung der Bundesrepublik. Das sind die Botschaften und Konsulate. Dazu sind sie erfunden und eingerichtet worden.

Wie personell unterbesetzt, unwillig und zäh diese Auslandsvertretungen arbeiten, das kann man bei Biggi Mestmäcker nachlesen. Danach hat man Schwierigkeiten, einer Kanzlerin, die die Parole Wir schaffen das ausgegeben hat, noch gute Arbeit zu attestieren. Was dort nämlich betrieben wird ist das (sicher häufig auch erfolgreiche) Verfahren, die Ausreise so lange zu erschweren bis sämtliche Unterlagen verfallen, Fristen versäumt und Nerven zerrüttet sind. Zum Ersten ist die Botschaft in Syrien – des Krieges wegen, also genau dann, wenn man sie wirklich braucht – geschlossen. Zum Zweiten sind die in den Nachbarländern gefährlich weit weg und völlig überlastet. Und zum Dritten verlangen die meisten einen vorherigen sechsmonatigen (!) Aufenthalt im Land.

Im Detail zeigt sich das Können von politischer Führung und ihren Ämtern und Institutionen. Wer das vernachlässigt, arbeitet nicht gut. Und wer nicht imstande ist, einigermaßen kurzfristig (im August 2015 wurde das Ausmaß der Zuwanderung erkannt!) und flexibel auf die Bedürfnisse der Menschen zu reagieren, der sollte sich fragen, ob er (oder sie) diesem Problemkreis wirklich genug Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Wie lange es dauert, welche Asylrechtsänderungen sich in der Zwischenzeit ereignen und wie es am Ende doch gelingt, die Familie via Indonesien (!!!) ausreisen zu lassen, kann man in diesem die Emotionen strapazierendem Bericht nachlesen.

Zur Leseprobe

Ich verstehe bis heute nicht ganz, weshalb man die unterschiedlichen Zuwanderungsgruppen nicht klarer voneinander unterscheidet und frage mich manchmal, ob die daraus resultierende Verwirrung nicht gewollt ist: Es gibt Asylsuchende, Bürgerkriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten und in allen Fällen auch „Geduldete“. Wenn alle es auf allen Wegen versuchen, ist das Chaos vorprogrammiert.

Nützlich: Das ABC zur Zuwanderung

Der Bericht beschreibt sehr anschaulich, wie man angesichts des Ämterwirrwarrs in Lethargie und Verzweiflung fallen kann – nicht nur ein Problem des Flüchtlings, sondern auch der deutschen Helferinnen und Helfer. Er beschreibt auch; wie die Flüchtlinge angesichts solcher Situationen nach vielen Strohhalmen greifen – zB in in Form von zahllosen Gerüchten oder gar betrügerischen Geldforderungen – die alles nur noch verschlimmern. Und wie man – gut gemeint! – plötzlich selbst in die Illegalität rutschen, sprich: zum Schleuser werden kann.

Lesenswert!

Nun könnte man meinen, dies sei ein sehr kompliziertes Buch, in dem es von amtsdeutschen Fachbegriffen nur so wimmelt. Dies ist nicht der Fall. Biggi Mestmäcker ist es als Texterin gewohnt, sachlich auf den Punkt zu arbeiten. Sie spart persönliche Emotionen nicht aus, aber sie manipuliert den Leser damit nicht. Sie zeigt vielmehr, dass Absagen und Rückschläge auch überwunden werden können, wenn man mental gewappnet ist. Und das sind viele der durch Krieg und Flucht Gebeutelten (um nicht gleich Traumatisierten zu sagen) eben nicht. Weitere Lektüre dazu gibt es in dem Taschenbuch vom Fremdsein.

Dazu brauchen sie deutsche Freunde. Die einen an die Gewissheit erinnern, dass wir alle denselben Mond sehen, in Syrien, im Libanon, in Deutschland… Freunde haben auch bei diesem Buch mitgeholfen. Ich danke ihnen allen für das beeindruckende Engagement!

Am kommenden Dienstag von 10 bis 12 Uhr  – oder in der Wiederholung am Abend von 20 bis 22 Uhr (Und später als Podcast) steht die Autorin in der biographischen Sendereihe „Menschen“ des Domradios zwei Stunden live Rede und Antwort zu ihrem Leben und zu ihrem Buch.

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>Hurra! Wir machen endlich Urlaub!

 

 

 

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