Gegenwind – Krisen und Chancen

Brief-Abos vom Autorenexpress

Frank Albers von einfach-effektiv hat zur Blogparade aufgerufen, Thema: „Gegenwind“. Das ist ein Thema, das uns gefällt, mögen wir doch Wind in jeder Form! Möglicherweise passt der folgende Artikel auch zu Christina Wenz von Mediation, die ebenfalls zur Blogparade aufruft. Ihr Thema Konflikte als Chance liegt zumindest nahe bei.

2015-01-18 09.21.07

Es war so eine gute Idee damals. Sie flog mir zu, als ich im Gebirge beim Langlaufen war. So ist es oft. Wenn der Körper mit einer mechanischen Arbeit beschäftigt ist, geht der Geist auf Reisen.

Ein altes Problem, das jeder kennt

Das Problem, das es zu lösen galt, war nicht neu: Ein alter Mensch in meiner Umgebung klagte über zu wenig Ansprache, zu wenig Eingebunden-Sein, zu wenig emotionalen Input – kurz, so dachte ich damals im Schnee, zu wenig von dem, was früher Familien leisteten. Die Generation, die jetzt alt ist, hat das noch selbst erlebt und erlitten: die Eltern, die für ihre Kinder sorgten und hernach die Kinder, die für ihre Eltern sorgten. Jetzt aber sind die Kinder in alle Welt verstreut und leben dort ihre eigenen Leben. Und diese Leben sind so randvoll, dass für die Kommunikation mit den Alten wenig Raum bleibt.

Die alte Welt, die neue Welt

Natürlich gibt es die modernen Kommunikationswege, aber werden die von den Älteren beherrscht? Gibt es da nicht noch viel Berührungs- und Versagensängste? Wer will denn als Idiot dastehen, der schon wieder nicht begriffen hat, was die Enkelin so rasend schnell erklärt? Wie gemailt, geskyped, gefacebooked, gewhatsappt wird? Schnell schwirrt der Kopf. Und andrerseits: Der Gang zum Briefkasten, der früher immer für eine (schöne) Überraschung gut war, ist heute eher ein Unmutsgang: Werbung, Rechnungen, Werbung, Rechnungen. Nicht einmal Urlaubspostkarten werden noch geschrieben.

Die Fake Family

Ja und da kam nun meine Idee ins Spiel: Die Fake Familiy. Eine Familie, die es nur virtuell gibt. Die nicht lästig werden kann. Deren Mitglieder nur geben, nicht nehmen. Die schreiben, Briefe, Postkarten, Bilder schicken und ein bisschen von sich erzählen… Schnell waren drei (renommierte) Autorinnen gefunden, die mitmachen wollten. Wir entwarfen also eine Familie – eine Mutter und drei Töchter (Männer sind ja meist nicht so mitteilsam) nebst diversen Enkeln und Enkelinnen – und befeuerten eine Gruppe von Testleserinnen und Testlesern mit Kommunikation. Auf dem Postwege. Durch Briefe.

gegenwind

Gegenwind und Krise

Und nun der Gegenwind: Zu wenige der Testpersonen (und danach der Abonnentinnen) – darunter unsere imaginierte Wunschkundin, eine lesefreudige Frau um die Siebzig ohne Familienanhang – konnten sich für ihre virtuelle Familie wirklich interessieren. Das war eine große Überraschung für uns. Einige fanden die Normalgeschichten um Enkel und Ehemänner, um Job- und Liebesprobleme sogar langweilig. Sie mochten die neuen Familienmitglieder nicht besonders und hatten gar Schwierigkeiten, die auseinander zu halten. Der Gegenwind pustete unser familiäres Kartenhaus regelrecht zusammen.

Nathalies  Erkenntnis

Und nun? Wie sagt die Illustratorin unserer LuftPost-Geschichten, Nathalie Bromberger: „Ich begreife (…) die Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten als den Kern der kreativen Arbeit. Wenn ein Produkt zu einfach zu verwirklichen ist, habe ich es mir meistens zu leicht gemacht, habe den Kern des Themas noch nicht gefunden. Die besten Sachen entstehen, finde ich, wenn man alles hinterfragt, und wirklich Neues ausprobiert.“

Tja, wir hatten es uns wohl zu einfach gemacht.

Die Fehler-Analyse

Neben anderen Gründen, so vermute ich, war die Tatsache, dass heute kein Mensch mehr Briefe schreibt, also auch kein Familienangehöriger, ein Grund dafür, dass man die neue Fake Family nicht annehmen konnte. Es wirkte einfach zu unecht. Ein anderer war vielleicht, dass Alltägliches in unserer (geradezu mordlüsternen…wenn man an ARD Und ZdF denkt) Sensations-Zeit einfach nicht mehr zu fesseln vermag. Gut: neu nachdenken. Den Interessenskonflikt identifizieren und benennen. Konflikte als Chance begreifen…

Der Konflikt

Was ist der Grundkonflikt, des Themas Kern – wie Nathalie so schön gesagt hat? Jemand wünscht sich individuelle Zuwendung und bekommt stattdessen ein standardisiertes Produkt?

Aber gilt das nicht auch für Filme, Musikstücke, Bücher? Dinge, die wir uns kaufen und konsumieren können, um uns weniger einsam zu fühlen? Dinge, die zu uns sprechen, obwohl sie tot sind? Briefe zählen da zum Beispiel (alte Liebesbriefe?) dazu, oder etwa nicht? Wenn der Gegenstand durch die Person, die ihn gemacht oder geschenkt hat, geadelt (und zum Leben erweckt) wird, warum dann nicht auch durch unsere Verfasserinnen? Liegt es daran, dass sie den Brief-Empfängerinnen als Personen fremd bleiben und damit auch ihre Texte? Konflikte bergen Chancen, heißt es. Worin also lägen die Chancen?

Die Chancen, I

Ein Konflikt ist ja auch immer eine Chance. Eine Chance, etwas Neues zu  machen. Stark war also die Versuchung, das Projekt ad acta zu legen und einfach etwas ganz anderes zu machen. Kreative Geister haben ja immer eine Fülle von Möglichkeiten in der Schublade… Aber gerade noch rechtzeitig las ich diesen Satz bei Maren Martschenko von Zehnbar in ihrem empfehlenswerten Newsletter: „Wer ständig das Rad neu erfindet, bekommt nie etwas Fahrbares auf die Straße.“

Gegenwind – das Bild zeigt jemanden, der sich dagegen stemmt, nicht wahr? Gerade notorische Fahrradfahrer wie ich kennen das Phänomen nur allzu gut.

NA Schiffsfriedhof

Die Chancen, II

Das Produkt beibehalten, aber verändern. Individueller machen. Schöner. Wirkungsvoller, einmaliger. Dem potentiellen Kunden, der potentiellen Kundin mehr entgegenkommen…

Die Chancen, III

Vielleicht kann das Produkt ja auch das Bedürfnis kommunizieren, das hinter dem Angebot steckt: der Wunsch nach mehr Kontakt, mehr Zuwendung, mehr Menschlichkeit. Hier hätte der Konflikt seine schönste Chance: Das Produkt würde sich überflüssig machen, wenn jemand anstelle von Briefen seine eigene Zeit schenkte. Vielleicht wären die Briefe ja ein (Um-)Weg hin zu dieser Lösung. Indem man gemeinsam über den Inhalt der Briefe nachdenkt und darüber spricht, könnte klar werden, worum es wirklich geht.

Drei Möglichkeiten gibt es also, den Konflikt in eine Chance umzuwandeln:

  • man gibt den Plan auf und macht einen anderen
  • man verbessert den Plan
  • man betrachtet den Plan als einen Zwischenschritt

Die Beharrlichkeit

Ich mochte die Idee nicht so einfach aufgeben. Es gefällt mir nach wie vor, etwas Schriftliches zu erschaffen, das wegführt vom eingepressten Raum zwischen zwei Buchdeckeln oder dem eReader, die ja beide Vervielfältigungsprodukte sind, und hin zum Persönlich-Individuellen. Deshalb gefällt mir der Brief: Er ist ein Unikat, er kommt zur Haustür, ihm wohnt nichts Maschinelles inne (selbst wenn er ausgedruckt wird). Man kann ihn anfassen. Er besteht aus einem wunderbaren wandlungsfähigen Material, dem Papier.

Was, wenn man in eine Zeit zurückginge, in der das Briefeschreiben eine wahre Sucht wurde? Zurück zu einer Zeit, in der Briefe noch lange brauchten, um den Adressaten zu erreichen und dieserhalb ganz besonders sehnsüchtig erwartet wurden? Hin zu einer fernen Zeit und hin zu einem Vorfall, der damals wahrhaft unerhört, um nicht zu sagen, sensationell war? Und in höchsten Kreisen stattfand?

swim_lake

Die (vorläufige) Lösung

Ein Kopfsprung in die europäische Geschichte war vonnöten. Und hier fand sich tatsächlich solch ein Fall. Nun denn: Am 1.11.2015 geht unsere historische Briefnovelle an den Start: Post aus Petersburg. Nicht History, sondern HerStory, nicht seine, sondern ihre Geschichte also, wohl gemerkt. Drücken Sie uns die Daumen, liebe Leserin, lieber Leser dieses Beitrags, dass der Gegenwind zum Rückenwind wird.

 

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 >direkt zu PostFürSie! 

Her Story: Eine Novelle in Briefen. Post aus Petersburg. NEU! Ab 1.11.2015   

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4 Antworten

  1. Liebe Nessa,

    nur so als Idee –
    auch mein Sohn wohnt weit weg.
    Wenn ich aber Post bekommen möchte, dann auch von ihm selber. ER ist es ja, dem ich nahe sein will. Und mein Wunsch ist, dass ER MIR auch nahe sein möchte.
    Es ist nicht egal, von wem ein schöner Brief kommt.
    Ein gewhattsappter winkesmiley ohne alles würde mir da mehr bedeuten als ein schöner und gut geschriebener Brief von einer fremden Person.
    Wer eine Familie hat, also Kinder (ich schreibe hier meine Sicht als Mutter), dem kommt’s nur auf diesen einen Menschen an.
    Alles andere wäre kein Trost für mich.

    Und wer nie Familie hatte, aber das als Verlust empfindet, wird durch „gefakte“ Familienpost vermutlich den Verlust noch deutlicher empfinden und das von sich fernhalten und abwehren wollen.

    Ich stelle also die Hypothese auf, dass der Gegenwind nicht deiner Idee, schon gar nicht dir selbst, gilt. Sondern dass Trauer und Verlust nicht noch deutlicher empfunden werden wollen.
    Menschen, die heute um die 70 sind, haben Verdrängen gelernt. Nicht aufdecken.

    Ganz viel Erfolg für das neue Projekt! Klasse Idee!
    Frauen sind unterrepräsentiert.

    Herzliche Grüße
    Elke Kaiser

  2. Danke, Elke, für die ausführliche Beschäftigung mit dem Thema. Kann gut sein, dass du völlig recht hast. Ein bisschen habe ich versucht, der Sache aus einer anderen Richtung beizukommen.

    Nicht Familie fehlt oft, sage ich mir jetzt, sondern vielleicht die beste Freundin. Das ist nicht ganz so nah (und schmerzhaft, wie du sagst), sondern ein bisschen distanzierter. Vielleicht gab es sie mal, aber man hat sie aus den Augen verloren, vielleicht ist sie gestorben, vielleicht waren die Männer dazwischen… mit den Briefen von Ella (Ella meldet sich) gibt es da ein Angebot. Mal sehen, wer damit etwas anfangen kann…
    Liebe Grüße
    Nessa

  3. Liebe Nessa,

    ein außergewöhnlicher Artikel, hinter dem eine außergewöhnliche Idee steckt. Wir sind manchmal so überzeugt von unserer Idee und können dann nicht verstehen, dass es die Anderen nicht genau so sehen. Daran haben wir dann zu beißen.

    Liebe Grüße

    Frank

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