A complete Unknown – die Filmkritik

Das Bob-Dylan-Biopic aus Hollywood* (!) habe ich mir letzte Woche angesehen und war sehr angetan. Inwieweit es der Wirklichkeit entspricht, kann ich nicht beurteilen, habe ich doch sein Leben und Wirken kaum verfolgt. Natürlich war auch ich überrascht, als der Songwriter den Literatur-Nobel-Preis zugesprochen bekam.

Weshalb ich so überrascht war, ist mir während des Films klargeworden. Der Sänger hat eine ureigene Art entwickelt, seine Songs zu präsentieren: Diese nasale verquetschte Stimme spricht manche Wörter auf unübliche Weise aus, betont mit Verve normalerweise unbetonte Silben, zieht sie maßlos in die Länge oder verschluckt Wörter ganz oder zwingt sie zu einer Ansammlung von Konsonanten zusammen.

Manche Liedzeile hatte ich gewiss schon zigmal gehört, aber erst jetzt in den Untertiteln zum Film richtig verstanden. Und das, so behaupte ich jetzt mal einfach, ging vielleicht nicht nur Nicht-Muttersprachlern, sondern auch Leuten aus dem echten MidWest so. Er fand einfach wunderbare Bilder, auch solche, die gegen den Strich bürsten…

Bob Dylan and band

Bob Dylan (zweiter von rechts) and Band, Chicago 1974 (***)

Ergebnis ist: Ein geheimnisvoller Text, der den Hörer zu einer eigenen Interpretation des Gehörten zwingt. Und damit in jedem ein eigenes Bild erschafft. Genau das ist es ja, was Lyrik tut und in diesem Sinne ist Dylan (seinem Vorbild nicht unähnlich!) ein großer Dichter.

Vermutlich hat er auch musikalisch die Folk Music weiterentwickelt und erweitert – aber hier maße ich mir kein Urteil an. Eine weitere Erkenntnis hat dieser Film in mir entstehen lassen: Große Talente sind sicher gar nicht so selten, aber nur wenn sie gepaart sind mit einer gewissen Soziophobie gelangen sie auch zur Entfaltung. Man kann eben nicht seinem Genie folgen und noch gleichzeitig Empathie für seine Mitmenschen kultivieren … krass ausgedrückt. Aber Menschen, die freiwillig im Kosmos ihrer eigenen Welt leben, haben eben alle Sensoren nach Innen gerichtet und nehmen dadurch wenig von dem wahr, was „Draußen“ passiert.

In diesem Sinne: Gut, dass wir ihm nicht persönlich begegnen mussten, aber großartig, dass wir seine Musik hören dürfen, wann immer uns danach ist.

*Nicht-hollywoodesk ist vielleicht dieser Film hier, der gestreamt werden kann. Und zu schön, dieser Blick in die Vergangenheit!

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