Die Saat des heiligen Feigenbaums – die Filmkritik

Ein Dreistundenfilm, der es in sich hat. Er beginnt langsam und wohl in dem Tempo, in dem im Iran die Zeit verrinnt … nicht die der Männer, sondern die der Frauen. Ans Haus gebunden, draußen auf den Straßen nur, wenn es zur Schule oder zum Einkaufen geht. Essen, kochen, putzen, Musik hören, Nägel lackieren. Überhaupt mütterliche Hände – die tauchen als Leitmotiv immer wieder auf. Mal eingecremt, mal eingeseift, mal blutig – mal zärtlich tätig, mal medizinisch tüchtig. Meist aber ein Tee-Tablett balancierend…

Eine ur-bürgerliche Mittelstandsfamilie, die es wohl so in vielen Ländern so gibt, ohne materielle Not, ohne große Aspirationen, gottesfürchtig, doch ohne Religionseifer.

Halt! Doch, doch, der Mann der Familie hat Ambitionen: ein anständiger Jurist, der im Gottesstaat Karriere machen will (die seiner Frau reichen nur bis zu einer neuen Spülmaschine). Nicht zufällig schweift der filmische Blick immer wieder über die Bürowand, an der ernste Männer mit Turban aus Bildern blicken oder den Büroflur entlang, wo diesselben mit der Hand auf dem Herzen stehen. Sola fide, nur durch den Glauben – bedeutet das, wie im Laufe des Films erklärt werden wird. Auch die christlichen Religionen kennen dieses Gebot.

Hier wie dort wird es gerne gebraucht, um Diskussionen zu unterbinden. Oder Macht zu sichern. Der Vater gerät unter Druck, soll Urteile unterschreiben, ohne sie gelesen zu haben. Je mehr er mit dem Rücken zur Wand steht, um so rigider versucht er, seine Frauenfamilie in Schach zu halten, die – da junge Teenagertöchter im Haus sind – ein wenig Revolutionsluft (es spielt in Teheran im Spätsommer des Todes der Mahsa Amini) schnuppert:

Frau, Freiheit, Leben.

Protest in Berlin, 2022 (**)

Vor der schrecklichen Wahl, sich für seine Familie (seine „Frauen“) oder sein Ansehen und seine Karriere entscheiden zu müssen, kapituliert dieser Film nicht; er dekliniert die Folgen gnadenlos durch.

Man verlässt das Kino anders, als man hineingegangen ist. Die Schrecken eines solchen gewaltdurchtränkten Lebens waren dem Kopf bekannt, körperlich ( ja, das kann das Kino, wenn es gut gemacht wird! ) begreift man sie erst jetzt. Das geschieht auch durch die authentischen Videomitschnitte, die den Film durchziehen und die man so – in aller Brutalität – noch nie gesehen hat.

Trost gibt es keinen.

Vielleicht nur den, dass der letzte Schnitt eine junge Frau von hinten zeigt, die den Mittelfinger hochgereckt hat.

PS.: Der Film verhehlt nicht, wie lebenswichtig es für iranische Frauen ist, anonym im Netz surfen zu können. Hier haben wir eine Beschreibung veröffentlicht, wie man auch von Deutschland aus helfen kann.

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Ein Kommentar

  1. zum Film noch ein paar Worte. Auffallend war und vor allem sehr bedrückend die Enge der Wohnung. Die Familienszenen spielen sich vorne auf der Leinwand ab, dicht am Zuschauer. Der Raum ist nach hinten abgeschlossen durch die Wand mit nur einem Fenster, das dazu noch durch einen Vorhang verhüllt ist. Ab und zu wird dieser ein bißchen beiseite geschoben, um vorsichtig nach draußen auf die Straße schauen zu können, doch schnell wieder zugezogen. Eine klaustrophobe Atmosphäre.
    Die großen Ereignisse draußen spiegeln sich innerhalb der Familie wieder, Verdächtigungen, Misstrauen und schließlich auch Gewalt.

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