Other Stories: Small Hours’ Proms

Immer wieder des Nachts, in den Stunden mit den kleinen Zahlen (small hours) – also zwischen eins und vier Uhr morgens – erwischt einen diese Schlaflosigkeit, die zu mäandrierenden Gedanken führt. Mal hierhin und mal dorthin huscht der Geist, verknüpft Erlebnisse mit Erfahrungen, nimmt für real, was man nur gelesen hat, beschwört Bilder herauf, die man weiß Gott wo gesehen hat…

Man kann diese Erlebnisse zwischen Traum und Tag bekämpfen, jedenfalls dann, wenn sie ins Negative driften wollen (man lese die Empfehlungen, die Stella Koch-Cornelius uns gibt). Man kann sich ihnen auch lustvoll hingeben. Aus dieser Überlegung heraus ist die neue Serie entstanden, die wir

Small Hours’ Proms

nennen wollen, weil sie das Schicksal von Prominenten, die man überall, ob gewollt oder ungewollt, zu sehen bekommt, mit dem unseren zusammenstricken wird. Die Story von heute:

Der Hummer

Ich parkte am Straßenrand dort, wo neuerdings die Schnellladesäule für Elektroautos ist. Warum ich das tat, weiß ich nicht, weil ich einen normalen Benziner fahre, aber in Träumen tut man ja manchmal Sachen, die keinen Sinn machen. Während ich einen letzten Prüfblick in den Spiegel auf der Rückseite meiner Sonnenklappe tat, glitt ein großer dunkler Schatten an meiner Fahrertür vorbei. Ich drehte das Gesicht nicht zu ihm hin, aber ich musste an einen Wal denken.

Ich stieg aus. Ich sah, dass der Wal vor mir eingeparkt hatte. Aber es war kein Wal, es war ein Hummer. Ich hatte noch nie einen aus der Nähe gesehen. Solch ein riesiges, langes, gepanzertes, schwarzes Fahrzeug wird Hummer genannt, aber man spricht es wie Hammer aus. Hammer, ein Hummer! Ich hatte gedacht, so etwas gäbe es nur in Amerika. Oder in Russland vielleicht. Vorne hatte der Hummer einen bösartigen Riesen-Chromgrill, der seine Aggressivität noch betonte. Langsam öffnete sich die Fahrertür und ein Mann stieg aus. Er hatte ein kantiges zerknittertes Gesicht, breite Schultern und den Gang eines Eroberers. Er trug Hosen und Hemd in Khaki, was ihm eine militärische Anmutung verlieh – ich glaube, da war sogar eine Nationalitätenflagge auf seiner linken Brusttasche. Es könnte aber auch ein Krokodil oder Polospieler gewesen sein. Er kam mir bekannt vor und auch wieder nicht. Er ging auf mich zu, auf mich, die Besitzerin eines Smarts, den ein Hummer wie seiner niederwalzen würde wie ein lästige Fliege.

Hummer auto
der Hummer (*)

Er hatte rissige Lippen, einen grauen Stoppelbart und eine sonnenverbrannte, narbige Haut. Diese Lippen öffneten sich und sagten zwischen großen etwas gelben Zähnen „Servus“, alpenländisch vertraut und doch mit einem Unterton von etwas Fremdem.

„Arnie!“, sagte ich und breitete meine Arme aus. Er war es, natürlich: Arnold Schwarzenegger! Der Österreicher, dessen Aufstieg ich ungläubig verfolgt hatte: erst Rotznase, dann Gewichtheber, dann Body-Builder, dann Schauspieler, dann Politiker der Republikaner und schließlich Gouverneur von Kalifornien. Von Kalifornien! Von dem glänzenden Sonnenstaat, dessen Bewohner so aufgeklärt und fortschrittlich waren wie nirgendwo sonst auf der Welt.

„Arnie!“

Er zog mich in seine Arme und umarmte mich so hart, das mein Knochengerüst ächzte. Er roch ganz schwach nach Sandelholz, Schmieröl und Tabak.

„My Russian friend“, sagte er.

Es ist wahr, in diesem Augenblick in diesem Traum war ich eine Russin. Vielleicht eine Olga oder eine Swetlana. Aus Moskau oder Wolgograd.

„Ich muss dir die Wahrheit sagen“, fuhr er fort. „Du wirst belogen und betrogen von deinem Präsidenten. Von diesem Putin, der jetzt Tausende deiner Landsleute in einem unsinnigen Krieg ermordet. Und einen Haufen Ukrainer dazu.“

Ich dachte ganz kurz daran, dass Arnie auch schon einmal gelogen und betrogen hatte. Seine Frau Maria Shriver nämlich. Damals, als er mit der Haushälterin ein Baby zuwege brachte.

Aber dann verstand ich, dass diese Kritik an ihm jetzt keine Rolle mehr spielen durfte. Jetzt, da Arnie sich entschlossen hatte, das Richtige zu tun. Ob dieser Selenskyj ihn darum gebeten hat? Von Schauspieler zu Schauspieler?  Oder Biden himself? Von Politiker zu Politiker?

Egal, er hatte es getan. Er war mit seinem Hummer in ein Fernsehstudio gefahren und hatte seine Botschaft, seine Message, wie man in Kalifornien sagt, rübergebracht. Ganze neun Minuten lang. Er hatte von seinem Vater erzählt, der in Leningrad gewesen war und zwar auf der falschen Seite. Und jetzt war er, Arnie, der Sohn, auf der richtigen. Er liebte die Russen, uns Russen, und ich wusste jetzt, ich durfte ihn nicht enttäuschen. Ich musste raus auf die Straße und seine Message weitertragen.

„Fack Puddn“, flüsterte er in mein Ohr. Das hätte er in Amerika niemals aussprechen dürfen. Auch da gibt es nämlich Tabus, aber andere als bei uns in Russland. Ganz in der Ferne hörte ich die winzigen Piep-Laute, die in Amerika über Four-Letter-Words gelegt werden.

Arnie war immer schon einer, der sich nicht um Regeln scherte.

Kreml, Moskau
Vor dem Kreml (*)

Und was, wenn Putins Schergen kämen und mich holten? Na, irgendwann würden mehr Russen die Message herausschreien als es Platz in den Gefängnissen hätte, in Wolgograd oder Moskau. Und in ganz Sibirien.

Und mit diesem nur am Rande beruhigenden Gedanken kämpfte sich Olga in den Schlaf. Nach und nach wurde die Russin in mir weniger, die Silhouette von Moskau mit seiner Kremlmauer verblasste. Ich wurde wieder ich.

Aber Arnies Duft lag noch auf meiner Bettdecke, als ich später am Morgen aufstand.

***

Other Stories: Small Hours’ Proms – der Hummer

inspiriert von einer ShortStory in der SZ über P.

Und woher kommt das?

Na, hiervon, clever gemacht und wirkungsvoll, so hoffe ich wenigstens – danke, Arnie!:

Terrible, terrible things…

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3 responses

  1. Sehr anregend, liebe Nessa! Ein Traum, der vielleicht zur Wirklichkeit wird.

    Es müsste massenhaft Promis geben, die auf die Straße gehen oder öffentlich sich äußern!
    Ich versuche es auch erstmal mal im Traum!

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