Rache kann dauern

Und nun wieder eine Kurzgeschichte, bebildert mit den bemerkenswerten Fotos, die uns die Seite UNSPLASH dankenswerterweise zur Verfügung stellt.

Rache kann dauern

Immer, wenn Sidney den dunklen Fleck sah, musste sie an Kyriakos denken. Kyriakos, so nannte sie ihn bei sich, obwohl sie diesen Namen niemals von ihm selbst gehört, noch jemals selbst zu ihm gesagt hatte. In diesem Punkt musste sie sich ganz auf ihren Mann verlassen, auf Sokrates. Sokrates hatte seinen Namen gewusst – oder es zumindest behauptet.

Der Fleck hatte eine längliche Form, ein dunkles erhabenes Herz und einen helleren, unscharfen Rand. Er sah längst nicht so böse aus wie er war (Sidney kannte sich damit aus). Ganz im Gegenteil, Sidney lächelte in sich hinein, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern (eine lang geübte Kunst) – der Fleck war schön, weil er die Umrisse von Sokrates‘ geliebtem Eiland hatte. Der Fleck sah aus wie Kos. Wer Kos noch nie aus der Luft betrachtet hatte, konnte es natürlich nicht erkennen. Wer noch nie in Kos gewesen war, hätte stattdessen vielleicht die Silhouette eines Fisches ausgemacht: die Einschnürung zwischen Rumpf und Schwanzflosse am rückwärtigen Ende, genau dort, wo die Stadt Kefalos lag, die Bauchflosse, die sich da ausbuchtete, wo das weiße Badeörtchen Kardamena am Fuß des Gebirges glänzte. Und natürlich das große geäderte Fischauge oben: das Straßengeflecht der Inselhauptstadt Kos.

Kos, Kefalos und Kardamena – Beschwörungsformel für Sokrates. Von dort, von dieser Dodekanes-Insel mit ihren ärmlichen Inselorten, war er ausgewandert, vor über fünfzig Jahren, nach Australien, wo sie heute lebten. Sokrates war und blieb Grieche, Sidney war britischer Herkunft und Haut, aber eine echte Australierin. Als sie vor vierzig Jahren geheiratet hatten, der stattliche schnauzbärtige Dreißigjährige und die zarte Blonde, die kaum zwanzig war, hatte er diese Beschwörungsformeln (und andere) in ihr langes Haar gemurmelt und ihr versprochen, die Hochzeitsreise nach Europa zu machen. Sobald er das Geld zusammen hätte, ginge es nach Griechenland, nach Kos. Er wolle ihr zeigen, wo er herkam, welches Land ihn zu dem gemacht habe, der er war – und zu dem, den sie liebte. Sie freute sich darauf.

Sidney rückte mit dem Zeigefinger ihre Lesebrille zurecht. Sie machte sich im Spiegel große runde Augen, während Sokrates sich ächzend vom Fußnägelschneiden wieder aufrichtete. Der Fleck, der aussah wie die Insel Kos, verschwand in der Falte unterhalb seines Gesäßes. Sokrates wusste nichts von ihm. Er stieg bedächtig in seine Hosen.

Sidney schielte absichtlich ein wenig, um ihr Spiegelbild unscharf zu machen. Man konnte sich dann besser zurückträumen in die erste Zeit ihrer Ehe, als Sokrates ihr kleines dummes Herz noch ganz und gar ausgefüllt hatte.

Kos im Februar vor vierzig Jahren.

Wie breitbrüstig er seine neue Ehefrau seinen griechischen Freunden vorgeführt hatte – die hellhäutige Nymphe aus Übersee, die er, sooft es möglich war, voller Besitzerstolz an sein Herz zog, betastete, streifte, streichelte, knuffte, küsste. Natürlich hatte sie es genossen. Natürlich hatte sie es ebenso genossen, wenn Sokrates sie im Dunkeln im Bett schamlos überall berührte, voller Feuer und mit grenzenlosem Triumph. Und natürlich hatte sie die scheuen Blicke der Männer aufgefangen mit ihren weiblichen Antennen – und einen weiteren Blusenknopf aufgemacht, ein dünn bestrumpftes Bein über das andere geschlagen, sich beim Gehen ein wenig mehr in den Hüften gewiegt als notwendig. Oder (oh ja, an diese Pose erinnerte sie sich noch ganz genau; sie hatte sie vom australischen Werbefernsehen gelernt) sie hatte eine Haarsträhne sinnlich durch die Lippen gezogen wie ein verträumtes Kind.

Kos war ja damals nicht so wie das heutige Kos gewesen. Seine Verwandlung vom hässlichen Entlein in die glitzernde Vergnügungsinsel von heute hatten sie beide miterlebt. Sokrates und sie waren – jedenfalls das war der Plan gewesen, der fast immer auch durchgehalten worden war – alle drei Jahre von Perth hinübergeflogen, um den Sommerurlaub auf Kos zu verbringen. Diese Urlaube waren so etwas wie der Gradmesser ihrer Zuneigung zueinander gewesen.

Anfangs hatten sie übermütig und kühn miteinander an der wilden Südspitze gebadet, dann auf einem gemeinsamen großen Badehandtuch in Marmari versteckt in den Dünen beieinander gelegen. Später dann auf getrennten Liegestühlen in Tigaki, und noch später waren sie sorgfältig nacheinander (damit niemand unbeobachtet in ihre Badetasche fassen konnte) ins heiße Wasser der Thermen gestiegen; heute gingen sie kaum mehr an den Strand und wenn, dann nicht gemeinsam. Er saß im Cafenion bei den wenigen alten Freunden, die ihm geblieben waren, spielte Karten oder Tavli und sie langweilte sich. Sie hatte Kos satt. Gründlich satt.

Aber damals! Damals war die Insel ein einziges Abenteuer. Ein düsteres Abenteuer, wie sich herausgestellt hatte.

Sidney klopfte sich Feuchtcreme in die Wangen, während Sokrates in Anzug und Krawatte das Badezimmer verließ, ohne zum Abschied ihren Blick zu suchen. Wenn ich fertig geschminkt sein werde, dachte sie, wird er längst die Wohnung verlassen haben, um seinen (Sidney fand es immer etwas schwer, seine Tätigkeiten ihren Freundinnen zu erklären) Tagesgeschäften nachzugehen.

Sidney war Arzthelferin, das war ein anständiger Beruf, unter dem sich jeder etwas vorstellen konnte.  

Während sie über ihren ersten Inselbesuch nachdachte, fiel ihr das große Schiff ein, das sie damals im Hafen von Kos beobachtet hatten. Es war ein graues Frachtschiff gewesen mit hohen Aufbauten, die aus Käfigen bestanden hatten. Und in jedem Käfigdeck hatte es schmutzige Schafe gegeben, Unmengen von zusammengepferchten Schafsleibern und -mäulern, die ängstlich geblökt hatten, als sich der Transporter dem Betonkai näherte.

>>Schlachtvieh, alte Muttertiere<<, hatte Sokrates ein wenig verächtlich gesagt.

Als Australierin hätte sie der Anblick von Schafen nicht erstaunen sollen, aber sie war immer eine Städterin gewesen, nie ein Landkind. Ihr Fleisch und ihr Gemüse stammten aus dem Supermarkt, und nicht von einer Weide oder Wiese.

Es hatte auch andere Tiere gegeben, die die Inselgriechen, wie sie befand, grausam behandelten: die sandfarbenen wilden Kaninchen, auf die sie aus verbeulten Gewehren ballerten, die mageren Hunde, die sie mit Steinen bewarfen, die schwarzen Schlangen, die sich der Taxifahrer zu überfahren beeilt hatte.

>>Schwarze Vipern<<, hatte er wichtigtuerisch gesagt. >>Gefährlich. Niemals ohne Stiefel in die Büsche, junge Lady!<<

Dabei grinste er Sokrates so verschwörerisch an, als hätten seine beiden Passagiere nichts anderes zu tun, als sich stiefellos hinter den stacheligen Büschen auf dem Boden zu wälzen. Damals hatte sie –

nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal mit einer aufkeimenden Ahnung –

beobachtet, wie die Ader an Sokrates‘ linker Schläfe klopfend anschwoll. Er sagte nichts und sie sagte nichts. Aber Gefahr hatte in der Luft gelegen, das hatten alle drei in der verrauchten Fahrgastzelle des verbeulten Taxis gespürt.

Der Taxifahrer hatte mit den Schultern gezuckt und sie zu der alten byzantinischen Burgruine gebracht, die Sokrates ihr hatte zeigen wollen. Sie stiegen Hand in Hand hinauf und blickten von ihrem verschütteten Rand hinunter in eine grau-gelbe Wüstenzone. Sanddünen, schütteres Gestrüpp, Eidechsen, ein paar dürre schwarzweiße Ziegen, im Hintergrund das eisgraue Meer. Ein kalter Wind pfiff über die steinige Anhöhe. Von dort hat sie Kyriakos zum ersten Mal gesehen.

Er stand unten, mochte ein Ziegenhirt sein, ein Kräutersammler oder Imker, ein schmaler junger Mann mit einem verlorenen Blick. Er sah zu ihnen hinauf. Ihr Haar wehte im Wind, das wusste sie noch genau. Sokrates hatte demonstrativ den Arm um ihre Schultern gelegt: Wir sind ein Paar, sollte das heißen. Und das waren sie ja auch, damals.

Von allen Tieren auf der Insel hatte ihr der bleiche Oktopus am meisten leid getan. Er wurde im Meer gespeert oder mit einer Harpune gejagt. Wenn ihn der Jäger (oder besser: Taucher) an Land gebracht hatte, siegreich, lachend, hochzufrieden, dann hatten sich Mitleid und Ekel in ihrem Herzen die Waage gehalten. Ekel, weil das Tier so hässlich war, mit seinen schlaffen, beigefarbenen Tentakeln und seinem trüben Glubschaugenblick unter dem ledrigen Lid. Ekel, weil es unvorstellbar war, dass man so etwas Glibbriges, Kraftloses, unendlich Totes mit Gusto aß.

Das Mitleid kam später. Es kam dann, als sie sah, mit welcher Inbrunst die Männer das weiche Tier an die Hauswände und Steinmauern schlugen, klatschend, immer wieder, immer wieder.

 Es sah aus wie Hass.

Wie Hass auf ein armes und freudloses Insel-Leben, in dem es weder Farbe noch Frauen noch Fleisch gab.

Whamm! Peng! Klatsch!

Sidney hatte sich schaudernd abgewandt. Sie hatte gezittert, ob vor Kälte oder weil ihr das alles so fremd und finster vorgekommen war…? Sie wusste im Augenblick nicht, was Erinnerung war und was Interpretation. Aber das Zittern, das physische Elend, die innere Kälte, das spürte sie bis heute.

Auch jetzt noch, dachte sie ein wenig amüsiert, vierzig Jahre später, und streckte ihren Arm ins künstliche Licht der Badezimmerlampe: eine sichtbare Gänsehaut. Kos im Februar in den frühen Siebzigern, nein, das war keine gute Idee gewesen!

Sokrates hatte über ihre Einwände gegrinst: >>Nur so wird er zart, Sidneydarling, das knackt seine Zellen auf…schmecken tut er köstlich, wenn er eingelegt ist, glaub mir.<<

Natürlich hatte sie ihm geglaubt, hatte immer alles geglaubt, was er gesagt hatte. Und nicht zu Unrecht! Noch am gleichen Abend hatte er seinen Freund Michalis dazu überredet, einen quadratischen Olivenölkanister mit in die Taverne zu bringen. Der Deckel wurde feierlich gehoben und Teller und winzige zweizinkige Gabeln verteilt. Alle durften zulangen: weiche, weiße, mit einer Doppelreihe von Saugnäpfen besetzte Fangarme wurden aus dem Kanister geschöpft und auf die Teller gehäuft. Die abgehackten Körperteile waren jetzt blaugerändert (wie Rüschen, hatte sie damals gedacht)  und nicht wirklich unappetitlich. In der Tat, sie hatten delikat geschmeckt, die großen dicken und die kleinen zarten Ringelarme, mit denen der lebendige Krake (der sich, so wurde erzählt, gerne in Höhlen versteckte) seine Opfer umschlang.

>>Wir legen an felsigen Meeruferstellen Tontöpfe aus<<, erzählte Michalis. >>Der Oktopus schlüpft dann hinein, weil er glaubt, in diesem Panzer sei sein verletzlicher Körper sicher und schickt nur seine Fangarme hinaus, um sich zu versorgen. Und wenn wir die Tongefäße einsammeln, dann haben wir ihn. Whamm!<<

Er schlug mit der geballten Faust in seine rechte Handfläche und lachte roh. Sokrates übersetzte. >>Whamm!<<, machte auch er.

Die Männer aßen und tranken genüsslich und geräuschvoll, andere Frauen außer Sidney gab es keine. Mehr Wein wurde geholt und konsumiert, Rezina und Domestica, die Gesellschaft war in bester Stimmung. Oktopus war eine Delikatesse, die eingelegt reifen musste und die nicht jeden Tag so freigiebig verteilt wurde wie an jenem Abend.

Draußen vor der Tür sah Sidney zu später Stunde einen Schatten. Er lehnte am Rahmen und verriet einen Menschen, der unschlüssig in den Raum hineinblickte.

Kyriakos.

Niemand bemerkte ihn, niemand forderte ihn auf mitzutun.

Aber Sokrates spürte etwas und zog die buschigen Brauen zusammen. Der Schatten zog sich hastig zurück und Sokrates wandte sich wieder der Runde zu, die sich nun Türkenwitze erzählte. Sidney aber, die wenig von dem verstand, was da geredet wurde, schickte ein winziges Lächeln in Richtung Türrahmen.

Der junge traurige Einzelgänger dauerte sie.

Auf einer Insel ein Außenseiter zu sein, hatte sie gedacht (und daran erinnerte sie sich tatsächlich noch), das musste die Einsamkeit verdoppeln… Aber dann hatte sie mehr getrunken als gut für sie war, und das Wort verdoppeln vervielfältigte sich und sie wusste am Ende nicht mehr, ob dies mathematische Wort wirklich das beschrieb, was sie gemeint hatte.

Sidney strichelte sich nun die Augenbrauen nach. Das musste man mit Hingabe tun, wenn es gut werden sollte. Es war nicht so, dass ihr Aussehen heute eine Rolle gespielt hätte, sie tat es sich selbst zuliebe.

Sie war immer hübsch gewesen und war es nun nicht mehr.

Sokrates hatte ihr das gesagt, mehrmals, und er hatte natürlich recht damit, wenngleich es wirklich nicht besonders charmant war. Aber Charme war noch nie seine Stärke gewesen.

Damals jedoch in Kos war sie ein aufsehenerregender Blickfang. Ihre ungewöhnliche Erscheinung – griechische Frauen blieben im Haus und wenn nicht, trugen sie schwarz, vom Kopftuch bis zum Strumpf – hatte die Männer elektrisiert. (Und sexualisiert, dachte sie jetzt). Ihre Blicke hatten Sidney kokett gemacht und ihre unverdorbene Kokettheit wiederum hatte Sokrates‘ Leidenschaft entfacht. Die und das Wissen darum, wie sehr er von seinen Altersgenossen (und nicht nur von diesen) beneidet wurde.

Und dass sie womöglich beide Gegenstand wilder Phantasien waren.

Kein Wunder, dass dieser Kyriakos sich in sie verliebt hatte. Hatte er sich in sie verliebt? Woher hätte sie es wissen sollen? Alles Spekulation!

Fakt war jedenfalls, dass Kyriakos immer wieder gesichtet wurde, in großer Entfernung, immer stumm, immer fluchtbereit, aber immer da. In unbeobachteten Momenten verschlang er Sidney mit Blicken. Sobald Sokrates in die Nähe kam, löste er sich in Luft auf.

Sidney fand Zeichen. Eine blaue Distel auf der Straße, als sie um die Ecke bog. Ein Herz, mit der Fußspitze in den Staub gemalt. Ein Stück einer bunten Faschingsschlange auf ihrem Stuhl. Ein rotes Bonbon-Glanzpapierchen, das der Wind herbeiwehte. Eine kandierte Mandel. Einen Kranz getrockneter Feigen auf ihrem Fenstersims.

Und schließlich einen kleinen zusammengefalteten Zettel in ihrer Manteltasche.

Sie bog ihn auf der Toilette auseinander. Es war wichtig, dass

Sokrates nichts davon erfuhr. Er hätte es nicht lustig gefunden.

Ihre Enttäuschung war groß, als sie nur griechische Lettern darauf geschrieben fand, die für wie Hieroglyphen aussahen. Was war die Botschaft? Sie überlegte, wem sie die Nachricht hätte zeigen können. Aber es fiel ihr niemand ein, den sie darum hätte bitten können und der Sokrates gegenüber geschwiegen hätte. Sie spülte den Zettel hinunter, geschmeichelt, erfreut, und mit leisem Bedauern.

Dann wurde das Wetter endlich warm und Sokrates und sie wanderten zu den Thermen, die auf der östlichen Inselseite lagen, auf der die Berge hoch und das Meer tief und dunkelblau und still war. Gegenüber grüßte die türkische Küste, zu der man, obwohl ganz nah, damals nicht gelangen konnte, weil Griechenland und die Türkei einmal wieder miteinander im Zwist lagen.

Man ging einen steinigen Ziegenpfad hinab, marschierte durch eine Felsenschlucht und gelangte zu einem Kieselstrand, in den ein kleines ovales Becken eingegraben war, gegen das offene Meer hin mit einem großen Kranz aus Wackersteinen abgeschottet.

Sie rochen es lange, bevor sie es sahen: Schwefel. Aus dem Berginnern floss ein Rinnsal die Steine hinab, dampfend heiß, und speiste das Becken. Sie tauchten die Füße hinein und spürten die winzigen Sauerstoffbläschen, die an der Haut andockten und sanft (oh, so sanft!) kribbelten. Näher an der Quelle war das Wasser schwefeliger, süß und heiß, weiter weg kühler und salziger, weil mit eindringendem Meerwasser vermischt.

Es war ein zauberischer Ort.

Sokrates war glücklich und stolz.

Sein Kos!

Ein Ort voller Wunder, ein Ort der Heilkraft und der Liebe, Geburtsplatz von keinem Geringeren als Hippokrates, dem Erfinder des ärztlichen Eids. Und all das für seinen Darling Sidney, seine geliebte kleine Krankenschwester (Sokrates, so vermutet sie bis heute, machte keinen Unterschied zwischen Arzthelferinnen und Krankenschwestern). Er umarmte sie und drängte seinen Körper hart an den ihren.

Wie es mit einem kleinen Ganzkörperbad wäre?

Nackt?

Später, wenn es dämmerte? Wenn niemand sie sähe? Sie seien zwar verheiratet, aber hier auf der Insel sei man noch sehr konservativ…

Sie nickte, ja, das wäre wunderbar. Und es war wunderbar. Ein Sichelmond stieg auf, das Meer wurde schwarz, die Berge noch schwärzer, das Wasser murmelte und perlte; sie lagen einander gegenüber in der warmen Wanne, den Kopf im Nacken auf den Steinrand gebettet, die Augen zu den Sternen erhoben. Ihre Leiber wurden vom Quell liebkost und ihre Seelen schwangen sich auf, ihre Zehenspitzen berührten sich, sie atmeten mit der Dünung des Meeres.

Hinter Sokrates‘ Rücken huschte ein gebückter Schatten und verschmolz mit anderen, dunkleren Schatten und sie räkelte sich lustvoll und stellte sich vor, wie sie in Kürze aus dem Wasser steigen würde, nackt, eine silbrig glänzende Schwefel-Seejungfrau, und wie sehr der Unbekannte sie begehren würde…sie hatte so dahingeträumt bis …whamm! … ein unerhörter dumpfer Schlag vom Berg herunter kam und etwas auf den Kieseln aufschlug, die wegspritzten von der Stelle, an der die Bombe eingeschlagen hatte.

Sidney tat einen spitzen Schrei, sah einen Haufen, roch etwas Unbeschreibliches und kletterte hastig aus dem Wasser. Sie floh zu ihren Kleidern, warf sich ein Handtuch um und blickte wild um sich.

>>Sokrates! Ich habe Angst, was…Was kann das gewesen sein?<<

Sokrates sah genauso erschrocken aus wie sie. Er stieg nackt und schnell in seine Hosen, riss ein Streichholz an und näherte sich zögernd dem großen Etwas, das etwa fünfzig Meter entfernt auf den Strand gestürzt oder gefallen war.

Er pfiff leise durch die Zähne.

>>Es ist eine Kuh<<, sagte mit einem ungläubigen Unterton in der Stimme. >>Kühe grasen dort oben an der Bergflanke, ein paar nur, die sind von Simonides, und davon muss eine im Dunkeln abgestürzt sein…<<

Der Geruch wurde intensiver und unheimlicher; nach Blut, nach Gedärmen, nach Halbverdautem, Halbvergorenem, nach Schwefel noch. Und nach Tod. Die Luft kam ihr jetzt viel kälter vor als zuvor und sie begann zu frieren.

>>Lass uns gehen, Sokrates, bitte! Sofort!<<

Sie liefen den ganzen langen Weg zurück, ohne einmal innezuhalten und ohne miteinander zu sprechen.

Als sie später, im einzigen Hotel der Insel, die nassen Handtücher aufhängen wollte, fiel wieder ein zusammengefalteter Zettel aus den Tüchern. Kariert, wie aus einem Rechenblock gerissen. Und diesmal war Sokrates schneller und riss ihn ihr aus der Hand.

Er las ihn, seine Schläfenader schwoll, er zerknüllte ihn, stopfte ihn in die Hosentasche und verließ das Hotel. Er müsse Simonides Bescheid geben, sagte er, eine Kuh sei schließlich ein herber Verlust. Sie solle schon zu Bett gehen, es werde lange dauern.

Es dauerte lange, genau wie er gesagt hatte, und sie schlief ein.

Von diesem Tag an – aber das begriff sie erst später – gab es keinen Verehrer mehr, der ihnen heimlich gefolgt wäre. Oder, sie hielt das auch für möglich, er war so vorsichtig geworden, dass sie ihn nicht mehr bemerkte. Hatte Sokrates mit ihm gesprochen, ihm gedroht? Oder war er ein Schüler oder Student aus Athen gewesen, der zurückfahren hatte müssen, weil sein Semester begann?

Sidney seufzte und löste sich von ihrem Spiegelbild. Die Gedanken, die sich im Normalfall jetzt anschlossen, wollte sie an diesem Morgen nicht zulassen. Sie gehörten in die Nacht, in die small hours, zwischen zwei und drei, wenn sie ihre Wachphase hatte. Dann fielen ihr die Stationen ihres Ehelebens ein, die ihr niemand glauben würde, wenn sie von ihnen erzählte.

 Sokrates‘ ganz und gar unverständliche Eifersucht, die Sidney für pathologisch hielt, hatte sich im Laufe der Jahre zwar ein wenig gemäßigt, aber sie konnte immer noch urplötzlich auflodern und ihn jegliches Maß verlieren lassen.

Sie setzte den Fuß auf die Treppe, die mit weichem mintgrünem Velours belegt war.

Als sie an ihrem dreißigsten Geburtstag beschwipst einen schnauzbärtigen Kellner geküsst hatte, hatte er sie ohne Vorwarnung beim Zu-Bett-Gehen diese Treppe hinunter gestoßen. In der unruhigen und schmerzgeplagten Nacht, die darauf folgte, hatte sie zum ersten Mal diesen düsteren Traum: Sokrates, der den unbekannten Schattenmann die Felsen hinabstieß, mitleidlos und in Tötungsabsicht. Bei dem dumpfen Aufprall, dem Splittern der Knochen, dem Aufklaffen des Fleisches, dem grausigen Geruch war sie schweißnass aufgewacht.

Sie hatte ihn am nächsten Morgen mit einem vom Weinen verquollenen Gesicht zum ersten Mal in ihrer Ehe nach dem Jungen gefragt: >> Wer war das überhaupt, damals auf Kos bei unserer Hochzeitsreise?<<

Er hatte sofort gewusst, von wem sie sprach: >>Kyriakos. Aber frag mich nicht nach ihm. Nie. Nie. Nie.<<

Kyriakos. Ky-ri-a-kos. Damals hatte sie seinen Namen zum ersten Mal gehört. Hatte lautlos die Silben in ihrer Mundhöhle geschmeckt, am Gaumen umher gerollt, mit der Zunge umschmeichelt. Um dann zu sagen: >>Ich weiß, was du in jener Nacht getan hast.<<

Er hatte ihr einen Blick zugeworfen, den sie bis heute nicht beschreiben kann. Und noch weniger deuten: drohend? Schmerzvoll? Reuig? Gequält? Oder böse? Die Schläfenader jedenfalls hatte ganz blau ausgesehen.

Sie schüttelte leicht den Kopf und ging die Treppe hinunter. Am Morgen danach hatten damals dreißig rote Rosen da am Treppenfuß gelegen. Sie hatte sie in eine Vase gestellt und geschwiegen.

Aber von da an war der Name Kyriakos ein Zauberwort für sie gewesen – ein Silbenklang, ein Sirenengesang von etwas, das süß und verboten war. Kyriakos.

Als sie einmal mit einem Strandwächter in einer Kabine eingeschlossen gewesen war (jaja, es hatte einen Kuss gegeben, aber einen unbedeutenden), am Bondi Beach, hatte Sokrates sie mit einer rabiaten Ohrfeige vor allen Leute am Strand bloßgestellt (und den Bademeister mit einem Tritt zwischen die Beine außer Gefecht gesetzt).

Danach hatte sie wieder von Kyriakos geträumt. Er war klein und schmal wie ein Kind gewesen und Sokrates hatte ihn an den Füßen gepackt, umgestoßen und hochgehoben und wieder und wieder kraftvoll gegen eine Mauer geschleudert bis er tot war. Sie wusste sofort, woher dieser Traum kam: das hasserfüllte Schlagen des Oktopus, das sie in Kos gesehen und nie vergessen hatte.

In jenen Nächten, die Sokrates‘ Wutausbrüchen folgten, träumte sie davon, dass er Kyriakos mit dem Auto überfahren hatte.

Oder in einem rostigen Käfig hielt – wie damals die Schafe, die mit dem elenden Seelenverkäufer zur Schlachtbank transportiert worden waren.

Sie träumte davon, dass er ihn gesteinigt hatte. Oder ertränkt. Oder erstochen, erschossen wie ein räudiges Kaninchen. Es gab nichts, das sie ihm nicht zugetraut hätte nach diesem Blick.

Sidney zog sich die neue Alpaka-Winterjacke an. Sie würde jetzt mit dem Bus in ihre Arztpraxis fahren. Sie arbeitete seit fünfundzwanzig Jahren bei einem Dermatologen und war eine unverzichtbare Kraft. Darauf war sie stolz. Dort angekommen würde sie in ihren weißen Mantel schlüpfen und dem Doktor assistieren.

Sie hatten viel zu tun in letzter Zeit. Die Fälle von schwarzem Hautkrebs nahmen zu. Das lag auch am Klimawandel, dem Australien ganz besonders stark ausgesetzt war.

Diese Krebsart war aggressiv – zwar gut heilbar, wenn man rechtzeitig handelte und das kranke Areal ausschnitt.  Den Fleck großräumig mit dem Skalpell entfernte.

Wenn nicht, wuchs der Tumor heimlich in die Tiefe. Wenn man nichts tat, tötete er sein Opfer.

Irgendwann.

Bald.


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