Stille Tage in der Provinz, Teil I

Heute und morgen gibt es einmal wieder eine bebilderte Kurzgeschichte von Nessa Altura für Sie. Weil sie etwas länger ist, wird sie in zwei teile geteilt. Sie werden miterleben, was auf dem neuen Campus Gelände einer kleinen Universität in Deutschland geschieht, wenn…

Stille Tage in der Provinz

Ein sonniger Morgen im April. Der Bodensee liegt schimmernd im Grün, am Südufer die Wipfel der Alpen, am Nordufer braune Vierecke, die später im Jahr Mais und Hopfen, Roggen und Klee produzieren werden. Die gewaltige Masse der Basilika eines oberschwäbischen Städtchens schiebt sich ins Bild. Tau liegt auf den Wiesen, die weißen Häubchen der Lichtschächte des Hochschul-Hauptgebäudes glänzen im Licht wie noch nicht abgetaute Schneehäufen.

Blick auf den Bodensee im April, von Norden aus

Heute ist ein Tag wie alle anderen und doch ein bisschen anders. Heute ist der Tag an dem Oberregierungsrat Irenäus Emmerich an der Hochschule erwartet wird. Der Kanzler hat in weiser Voraussicht das hübsche Büro der Frau Dr. Babett für ihn vorgesehen; diese weilt im Mutterschutz und hat ihre Unterlagen für diese Zeit sorgfältig weggeschlossen.

Ein Rechnungshofbeamter ist ein Kontrolleur, zu fürchten hat man nichts, aber es ist doch nicht verkehrt, derlei Amtspersonen prinzipiell positiv zu stimmen. Wir sehen, wie Emmerich, fast kahlköpfig und ein wenig rundlich, sorgfältig seinen alten Mercedes einparkt, aussteigt, die Aktentasche aus dem Kofferraum holt, abschließt, am T-Shirt-Hausauschnitt ruckelt und nicht zu schnellen und nicht zu langsamen Schrittes auf das Hauptgebäude zu geht. Gleich wird man sich die Hände schütteln – die Emmerichs werden kalt sein wie die Flossen eines Fisches, die des Kanzlers warm und zupackend wie immer.

Emmerichs Oldsmobile: der Daimler

Zur gleichen Zeit verschüttet Professor Thaddäus Schönhuber Kaffee an seinem Frühstückstisch. Seine Frau springt auf, schiebt die Alessi-Kanne, die stylischen Eierbecher mit dem grünen Plastiktuff zur Seite und eilt in die Küche. Ihr Mann ist doch sonst nicht so ungeschickt? Sie kickt ihren kleinen Terrier aus dem Weg.

Professor Schönhuber gehört der Abteilung Wirtschaft an, ein Wissenschaftszweig, der in W. noch im Aufbau begriffen ist. Er ist der Snob unter den Profs und er kultiviert dieses Image sorgfältig. Er trägt nur dunkle Hemden, aus Seide oder Leinen, und sein Steckenpferd sind neben moderner Kunst und Architektur auch die großen Philosophen. Ein Mann alter, doch guter Schule eben. Als Lateiner würzt er seine Vorlesungen gerne mit Zitaten, die keiner versteht, die ausländischen Studenten schon gar nicht: quod licet jovi non licet bovi.

Prof. Schönhuber, Wirtschaft

Ein wenig früher ist Frau Dr. Dr. Rebekka Kieferle aufgestanden. Sie weist eben zwei Studenten im Turbinenraum zurecht. Sie ist eine große starke Frau mit üppigem Busen und dem Beißwerkeug einer Dogge. Wenn sie ihre Zähne entblößt, und das tut sie häufig, denn sie lacht gerne laut und schrill, zucken die jungen Technikstudenten zusammen – sie führt ihnen nur allzu gern vor, wie unfähig sie sind. Ganz besonders die jungen Männer aus Oberschwaben, die voller Stolz auf ihre Tuning- und Tieferlegungs-Erfahrungen das Studium der Fahrzeugtechnik aufnehmen, stutzt sie gleich zu Anfang zurecht. Aber auch mit Frauen kann sie streng sein. Sie ist die meistgefürchtete Professorin auf dem Campus und verweist gerne auf ihre Erfolge beim Aufbau verschiedener Firmen in Fernost. Dort, so kann man sich vorstellen, hat sie alleine mit ihrer physischen Präsenz kleinwüchsige Akkordarbeiter an Förderbändern zu Höchstleistungen angespornt. Frau Dr. Dr. Kieferle macht niemals Fehler, aber heute lässt sie ihre Folien fallen und eifrige Studenten buckeln sich unter Labortische, um sie aufzusammeln.

Frau Dr Dr Kieferle

Rural base – global face“, das ist der Wahlspruch der Hochschule. Hübsch. So richtig einlösen kann das ausgerechnet ein Professor aus dem Fachbereich Soziales.

Professor Marx ist ein wahrer Kosmopolit, geboren in Shanghai, aufgewachsen in New York und London, ausgebildet in Paris und Buenos Aires, in der Vergangenheit tätig an den Universitäten von Lagos und Sydney, Gastvorlesungen in Yale inbegriffen, jetzt so etwas ähnliches wie der Doyen von Ravensburg-Weingarten. Er ist eine opulente Erscheinung, liebt französische Austern, russischen Kaviar, italienisches Bollito misto, amerikanischen Bourbon und Zigarren, die in Havanna, so behauptet er  jedenfalls, auf weiblichen Oberschenkeln gerollt werden.

Global Player Prof. Marx, Soziales

Häufig ist er außer Haus, reist zu Kongressen oder trifft sich mit Menschen, die im Medical Management Erfahrungen austauschen. Letzthin kam er gestrafft und gespannt wie eine Feder aus Brasilien zurück – man munkelt auf dem Campus, er habe sich in die Hände eines Schönheitschirurgen begeben, weiß aber nichts Genaues. Man könnte meinen, sein Fachgebiet habe er sich ausgewählt, weil seine Studenten und Studentinnen den größtmöglichen Kontrast zu ihm darstellen: Sie wollen Sozialarbeiter oder Pflegepädagoginnen werden, fühlen orts- und erdgebunden und sind eher bescheiden, wiewohl  gesellschaftskritisch. Allein, Professor Marx kann das nicht aus der Ruhe bringen: Er hat immer ein passendes Argument parat. Was in Deutschland nicht passt, passt eben anderswo. Ein Global Player ist nie um Beispiele verlegen, er braucht sie nur abzupflücken auf der großen Landkarte der weiten Welt.

Manch einer von den Kollegen fragt sich, warum er sich ausgerechnet diese idyllische Hochschule ausgesucht hat, um seinen letzten Job vor dem Ruhestand inmitten grüner Wiesen mit Kühen auszufüllen. Er gibt in unterschiedlichen sozialen Umfeldern unterschiedliche Antworten; so recht lässt er sich nicht in die Karten blicken. Gestern ist es spät geworden in seinem Arbeitszimmer, heute Morgen hat er verschlafen, die Studenten warten, er eilt in blank geputzten Budapestern über die Maulwurfswiese.

Unterdessen hat Emmerich alle Schubladen von Babetts Schreibtisch aufgezogen, hat mit dem angefeuchteten Zeigefinger die Ecken ausgefahren, Bleistifte rechtwinklig auf der Resopalplatte angeordnet, den PC eingeschaltet, den Shirt-Kragen erneut geweitet, an der Brille geruckt, ein gelbblaues Langenscheidt-Lexikon zurechtgelegt und die Sekretärin von Professor Schönhuber angewiesen, ihm den Vorgang “Materialbeschaffung 2004-2006” in Form von Aktenordnern beizubringen.

Alles ist in guter Ordnung, die Arbeit an der Hochschule kann beginnen. Die Sonne steigt sacht ihrem Zenit entgegen, das Dach der Basilika schimmert.

Herr Irenäus Emmerich (Ämärick)

Die ersten Studentenkulis werfen Zahlenkolonnen auf das Papier – bei den Wirtschaftswissenschaftlern; die gestern angelegten Exceltabellen werden mit Pflegeplänen gefüllt – bei den Sozialen; die Werkzeuglisten sind verteilt worden – bei den Mechatronikern; die ersten Putzwagen rollen aus den Kellern – angeschoben vom Reinigungspersonal, das nicht weniger multikulturell ist als die Studentenschaft.

Rein oberschwäbisch sind eigentlich nur die Sekretärinnen, die jetzt ihre Kaffeemaschinen anwerfen. Die beste, eine Jura, steht übrigens in Gebäude A auf dem Kasernengelände, das sich den schönen Namen Welfencampus gegeben hat, bei den Sozialen.

Die Sekretärin, die den Auftrag hat, Emmerich auf jede nur erdenkliche Weise zu unterstützen, bemerkt, dass der Mann vom Rechnungsprüfungsamt keineswegs kahlköpfig ist. Wie er da so gebeugt über den Inhalten des blauen Ordners sitzt, fällt ein Sonnenstrahl durch das Fenster und erleuchtet seinen Schädel. Er hat rückwärtig einen hübschen Haarkranz, unten herum fein ausrasiert. Sein Kopf nickt, während er mit dem Bleistift auf die Tischplatte klopft. Ist er ungeduldig, frustriert? Findet er nichts, das zu beanstanden wäre?

Der Kanzler in seinem sich stetig erwärmenden Büro telefoniert. Wortfetzen dringen kaum auf den Flur, aber man versteht, dass da etwas Unerfreuliches zu besprechen ist, die Sekretärin zieht im Vorbeigehen den Kopf ein. Ein Fremder im Haus macht automatisch, dass der gemächliche Frieden beeinträchtigt ist – wie zart auch immer.

Der Kanzler spielt, was die Sekretärin natürlich nicht wissen kann, mit zwei Smart-Modellautos, eines davon ein For-Two-Cabrio, auf seinem Schreibtisch. Er fragt sich, ob die Anzahl der von der Hochschule vorgehaltenen Fahrzeuge nicht überdimensioniert ist, und ist deshalb von einer nervösen Energie erfasst worden, die ihn unter Kollegen an anderen Hochschulen telefonisch Blitzumfragen tätigen lässt.

Der Kanzler auf dem Campus

Was ebenfalls niemand wissen kann, ist, dass Frau Kieferles Morgen nicht ganz so ungetrübt ist wie sonst. Heute Nacht ist sie im Schlaf aufgefahren, weil sie sich plötzlich erinnert hat, dass sie nicht alle ihre Nebentätigkeiten angezeigt hat. Und dass sie gelegentlich die Einrichtungen der Hochschule für dieselben nutzt, ohne die Nutzung finanziell zu entgelten. Und ihre eigene teure Reise nach Wellington, Neuseeland, fällt ihr ein, wo sie sich ein  neuartiges Turbinen-Fehler-Diagnose-System hat zeigen lassen … Und im Anschluss daran einen hübschen Urlaub gemacht hat. Ihr war heiß geworden unter den Laken, und weil sie ohnehin zum Schwitzen neigt, hatte sie den Fensterflügel aufgerissen und sich hernach ein wenig verkühlt. In ihrem Hals ist es jetzt rau wie nach der präoperativen Intubation, über die Professor Marx gerade eben in diesem Augenblick in nasalem Ton referiert.

Neuseeland, immer eine Reise wert, nicht wahr?

Professor Marx seinerseits denkt während seines Routinevortrags über seinen wissenschaftlichen Werdegang nach – es ist doch wohl nicht Aufgabe eines Rechnungsprüfers, in den Personalakten der Professoren und Professorinnen herumzuforschen? Was einer gewissenhaften Prüfung des Fachbereichs standgehalten hat, wird doch wohl so ein Emmerichlein nicht anzweifeln?

Dergleichen Sorgen hat Professor Schönhuber nicht. Er nagt an einem anderen Problem: Abschlussarbeiten. In vorangehenden Jahren hatte der Rechnungshof angemahnt, dass Professoren sich die Betreuung von externen Abschlussarbeiten nicht vergüten lassen dürften. Damit sind Bachelor- oder Diplomarbeiten gemeint, die Studierende in der Industrie anfertigen, die aber von einem Professor betreut und bewertet werden. Es hatte damals eine Debatte darüber gegeben, und er, Professor Schönhuber, hatte sich eloquent gewehrt. Die durch die Betreuung von Industrieprojekten seiner Studierenden eingeworbenen Gelder steckt er schließlich nicht in die eigene Tasche, sondern verwendet sie, um neue Gerätschaften für sein Labor zu erwerben. Doch auch das gilt als ungesetzlich. Man hatte sich schließlich darauf verständigt, hier künftig auf eine Vergütung zu verzichten, da diese Betreuung Teil der Dienstaufgabe eines Professors sei – aber er hatte sich nicht an die Absprache gehalten. Wieder einmal – (auch in einer anderen Sache) befanden sich Notizen über zwei Vier-Augengespräche im Kanzlerbüro in seiner Personalakte.

Der Professor legt eine Aufnahme des wohltemperierten Klaviers in seinen CD-Player. Bach beruhigt ihn immer. Der Rechnungshof würde eben nie begreifen, dass im Bildungssektor andere Werte zählten als bloße Gewinnmaximierung. Sie waren doch keine Erbsenzähler, sie waren Wissenschaftler! Und in der Wissenschaft stand eben nicht Aufwand und Ertrag … Er seufzt laut. Die Engstirnigkeit! Die Dreistigkeit, sich überall einzumischen! Die Macht zur Rüge von einem kleinen Beamten! Universität, arte universalis, und der Rechnungshof! Größere Gegensätze gab es nun einmal nicht.

Die Mittagsstunde naht. Der bescheidene Emmerich packt ein liebevoll von seiner Ehefrau zubereitetes Sandwich aus – Käse und Tomate, ein hart gekochtes Ei. Zuvor telefoniert er noch mit seinem Handy in einer fremden Sprache.

Zwei der Professoren streben nach Hause, Dr. Dr. Kieferle, um ihre verschwitzte Bluse zu wechseln, Professor Schönhuber, um in Anwesenheit seiner Gattin einen leichten Salat einzunehmen und die Kulturseiten der Süddeutschen zu inhalieren, und auch der Kanzler verlässt den Campus, um seine Tochter in Weingarten zu treffen. Nur Professor Marx bleibt auf dem Gelände, um mit einem Internisten einer Schweizer Klinik, Spezialgebiet Sonografie, der sich für den kostspieligen berufsbegleitenden Management-Studiengang interessiert, ein Vorbereitungsgespräch zu führen.

Prof Schönhuber isst nicht immer vegetarisch, aber immer öfter

So weit, so gut. Alles geht seinen gewohnten Gang. Die Studenten und Studentinnen rotten sich vor den schwarzen Brettern zusammen, einige lagern mutig im Aprilgras, andere sitzen an den Internetstationen und klicken, wenn Lehrpersonal hinter ihnen vorbeigeht, blitzschnell die Seiten von Youtube, Instagram und Facebook weg, worauf sie die Teilnehmerinnen der letzten SWR3-Party in Ravensburg fachmännisch begutachtet haben. In der Cafeteria im Hauptgebäude klappert das Geschirr, die Putzfrauen geben den Universalschlüssel zurück, dessen Verlust einen Schaden von 150 000 Euro, in Worten: hundertfünfzigtausend!, verursachen würde, weil dann alle Schlösser in den vielen weit gestreuten Campusgebäuden ausgewechselt werden müssten.

Der Nachmittag verläuft ereignislos, außer wenn man das Auftauchen von Professor Schönhuber in der Turbinenhalle für ein Ereignis hält. Oder das Unwohlsein von Frau Dr. Dr. Kieferle, die ihre Nachmittagsveranstaltung ausfallen lassen muss. Ein kleineres Ereignis allerdings gibt es im Privathaus von Dr. Marx: Seine Frau entdeckt, dass ihr Mann in seinem Arbeitszimmer im Dachgeschoss Papiere verbrannt hat, was sie, resolut und schwäbischen Ursprungs, für eine bespiellose Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber hält. Der Zigarrenrauch in den Vorhängen ist schon schlimm genug, und jetzt kommt auch noch Asche hinzu!

warum verbrennt er was? (*)

Der Kanzler allerdings verlebt einen besonders entspannten Nachmittag. Die Vergleichszahlen, die er eruiert hat, gereichen ihm zum Vorteil – seine Hochschule arbeitet vorbildlich, er hat alles im Griff. Er lässt sich einen Espresso ins Büro bringen, seine Tochter hat es mal wieder eilig gehabt, zu ihrem Freund zurückzukommen.

Was abends und nächtens in den Gebäuden der Hochschule vor sich geht, hat uns nicht zu interessieren. Küsse hinter Pfeilern, ein kicherndes Pärchen in der Zackengrotte des Akustikraums, chillende Studenten in Kneipen, die sich neuerdings Lounges nennen, müde Putzfrauen in den Professorenbüros, schlafende Karteien, eine unabsichtlich eingesperrte Katze, abhängende Ordner in Archiven – alles normal. Im Akademiegebäude der Diözese bettet gegen elf Uhr dreißig Herr Emmerich seinen Eierkopf in die Kissen. Wünschen wir ihm einen guten Schlaf. Das große Glockengeläut der Basilika wird es ihm schwer genug machen.

Die Glocken der Basilika

Fortsetzung folgt morgen!

Bild(er) von unsplash (*) oder wikimedia commons (**) oder selbst geschossen (***), useum (****)danke!

>Alle unsere Angebote auf einen Blick!

2 responses

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.