Stille Tage in der Provinz, Teil II

Achtung: Alles, was in dieser Geschichte vorfällt, ist erfunden, auch die Personen. Ähnlichkeiten mit real existierenden Persönlichkeiten wären rein zufällig.

Fortsetzung von Teil I:

Der nächste wie der übernächste Morgen verlaufen friedlich oberschwäbisch. Man frühstückt mit Laugenbrezeln, Seelen und Dinkelbrötchen. Technikstudenten aus Malaysia lassen mit gebieterischen Gesten Autofahrer an örtlichen Zebrastreifen anhalten, Sozialstudenten aus Afrika rätseln über den Mysterien der Kehrwoche und deutsche Wirtschaftstudenten träumen noch süß, wenn die letzten Hausfrauen mit wohl gefüllten Körben vom Markt nach Hause eilen. Die Hochschule erwacht allmählich, füllt sich mit Leben, verfällt in Mittagsruhe, diskutiert und laboriert, ächzt in Seminaren, öffnet und schließt Türen, wird müde.

“Wo ist Herr Emmerich?”,  lautet am folgenden Morgen die allgemeine Frage im Hauptgebäude. Der Kanzler furcht die Stirne. Hat der gute Mensch verschlafen? Ist er nach Karlsruhe zurückbeordert worden? Hat er seinen Job gemacht und zusammengepackt, ohne sich zu verabschieden? Aber nein, auf seinem Schreibtisch liegen noch die zu untersuchenden Zahlenkolonnen und der solarbetriebene Tischrechner. Man ruft in der Akademie an. Sein Bett sei unberührt, ist die Auskunft. Man entschließt sich, noch nicht in Karlsruhe nachzufragen. Vielleicht gönnt sich der Mann ja eine Auszeit, nur keine schlafenden Hunde wecken, unnötig Wirbel machen. Er wird schon wieder auftauchen.

Weniger gelassen wäre der Kanzler gewesen, wenn er gewusst hätte, was nächtens unbemerkt vonstatten ging: Professor Marx traf Dr. Dr. Kieferle rein zufällig auf einem Flur im Verwaltungsgebäude. Mit Ordnern unter dem Arm. Nachts um zwei? Höchst seltsam. Ein längeres Gespräch zwischen Kollegen, die sonst gerne gegeneinander sticheln, folgte. Und anschließend klingelten Telefone unter deutschen Dächern mit Ziegeln und Solarzellen, in W., in R. und in der Akademie auch.

Was verbirgt sich hinter bunten Deckeln? (*)

Auf dem Säntisgipfel liegt Altschnee – in den letzten Jahren kommt der Schnee immer später im Jahr, der Klimawandel hat auch Mitteleuropa erfasst. Riss, Mindel, Günz und Würm – die Zeugen vergangener Eiszeiten liegen in der Region.

Tempora mutantur, würde Professor Schönhuber sagen, wäre er zugegen. Aber da kommt er ja gerade!

Altweiß sind die Gesichter der drei Professoren, die wir eben jetzt bei dem alten Bunkereingang im Welfencampus entdecken – sie stehen geradezu konspirativ zusammen und besprechen etwas. Wir können nicht nah genug herankommen, denn sie werfen immer wieder Kontrollblicke in die Runde. Wortfetzen dringen an unser lauschendes Ohr. “Motivgemenge”, sagt Professor Marx gerade, “Cessante causa cessat effectus” murmelt Professor Schönhuber und Frau Professorin Dr. Dr. Kieferle flüstert etwas von „Alibi“ und „Aussage verweigern“. Der Name eines bekannten Rechtsanwaltes fällt, Professor Marx holt seinen Schlüsselbund hervor und schüttelt ihn, Schönhuber wippt in den Knien und Kieferle bietet rundum nicht rezeptfreie Kopfschmerztabletten an. Ein Schatten fällt auf die Gruppe, die Sonne sticht schon wieder ein wenig. Haben wir es richtig gesehen oder uns nur eingebildet? Die drei Menschen reichen einander die Hände wie Kinder – es sieht aus, als fände ein Schwur statt wie seinerzeit auf der Rütliwiese. Campusgerecht.

Der Kanzler, weit vom Schauplatz entfernt und sicher ahnungslos, ruft nun doch in Karlsruhe. an. Dort in der Behörde zeigt man sich erstaunt. Oberregierungsrat Emmerich sei ein treuer, versierter Beamter und man habe ihn in diesen letzten Tagen an seinem Arbeitsplatz in W. vermutet, seine Abwesenheit sei ganz und gar unverständlich, werde sich aber sicher in Kürze aufklären. Zum Mittagessen gibt es in der Kantine Zürcher Geschnetzeltes. Dazu den letzten Ackersalat der Saison aus der nahen Umgebung. Citynaher Obst- und Gemüsebau, wie das in der Fachsprache der Wirtschaftswissenschaftler heißt.

Der Emmerich taucht nicht auf. Auch nicht am folgenden Tag. Man beginnt eine unauffällige Suche auf dem Campusgelände.

In den Werkstätten in der alten Panzerreparaturhalle wird mit Starkstrom gearbeitet. Kann er dort verunfallt sein?

In den Bunkergängen unter den ehemaligen Kasernengebäuden ist es dunkel und voll von Spinnweben – kann er sich dort verirrt haben? Kann ein Roboter des RoboCup Projekts Amok gelaufen sein? Kann die Hospiz-Bewegung der Sozialen, die sich mit den Tabu Tod befasst, etwas damit zu tun haben? Wo ist der Mann? Wo?

der alte Bunker (*)

Eine nervöse Erregung breitet sich auf dem Campus aus, auch die Studenten werden davon angesteckt. Sie öffnen Materialschränke, in die schon lange keiner mehr hineingesehen hat, sie tuscheln auf den Fluren, sie inspizieren die große Presse in der Halle, die sogar Eisenträger verbiegen kann, sie spähen in jeden Winkel. Witze machen die Runde, von den Vampiren, die die Studenten aus Cluj in Rumänien mitgebracht haben könnten, von todbringenden Permafrostflechten, die bei der letzten Exkursion aus Sibirien unbemerkt mit eingeschleust worden sein könnten, von bösen Geistern aus Malaysia ist die Rede. Ein kleiner pickliger Student aus Niederösterreich sagt beständig “Spermafrost” und alles grinst. Natürlich sind dies Scherze, die keiner ernst nimmt, die Riege der siebzig Professoren schon gar nicht. Aber ungemütlich ist es doch.

“Das Haus verliert nichts”, sagt der neue Rektor beschwörend. Seine sonst geradezu sprühende Energie wirkt merkwürdig gedämpft. Natürlich kommt ihm in den Sinn, ob das die erste Krise seines Rektorats ist, das er vor mehr als einem halben Jahr angetreten hat? Doch als Maschinenbauer hat er gelernt, klar und strukturiert zu denken. Deshalb fügt er hinzu: “Früher oder später taucht der Mann wieder auf. Sie werden sehen, alles findet eine natürliche Erklärung.”

Die Damen und Herren Marx, Kieferle und Schönhuber trommeln beifällig mit allen anderen auf die Tischplatte des Konferenzzimmers, aber sie vermeiden, das fällt dem Kanzler sehr wohl auf, sorgfältig Blickkontakt. Der Kanzler beschließt, sich die Akten dieser drei angelegentlich vorzunehmen, aber nicht jetzt, erst später. Zunächst muss er wohl, so unangenehm ihm das ist, die Polizei verständigen.

Am darauf folgenden Vormittag fahren drei grüne Polizeiautos auf den idyllischen Parkplatz vor dem Hauptgebäude. Der Pressesprecher der Hochschule nimmt sie in Empfang.

Ein Kommissar mit dem schönen Namen Hopfen, gebürtig in Tettnang, macht sich Notizen. Seine Männer, auch zwei Frauen sind darunter, durchwandern das Campusgelände. Zwei andere schalten den PC des Gesuchten an und öffnen seine Dokumente und lesen interessiert in seinen Mails. Was sie dort finden, verraten sie natürlich nicht; Datenschutz. Aber einmal hört man ein schnalzendes Geräusch, das ein Ermittler mit der Zungenspitze gemacht haben muss. Sonst kennt man diesen Ton nur von Professor Marx, wenn er den Genuss einer Delikatesse dionysisch-akustisch untermalt.

Hopfen heißt der Linke, Kommissar Hopfen (*)

Gegen Mittag meldet sich ein wissenschaftlicher Assistent im Sekretariat. Er bringt zwei Botschaften, die Unruhe auslösen. Zu einen beklagt er einen merkwürdigen Geruch im Labor für Energie- und Strömungstechnik. Zum andern gesteht er verlegen, dass er seinen Gruppenschlüssel vermisst. Letzte Woche sei er noch da gewesen, er deutet auf seinen Schlüsselbund. German Fritz heißt der junge Mann, ist lang aufgeschossen und hat eine eigentümlich wasserblaue Iris.

Zwei Probleme, zwei Lösungen: Die Putzpatrouille wird ins Labor geschickt und zwanzig Studenten werden zum Suchdurchgang bestellt. Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig. Während die erste Truppe dem Boden im Labor so sauber schrubbt, dass man davon essen könnte, sammeln sich die jungen Leute, um im Abstand von drei Metern den Weg vom idyllischen Parkplatz bis zum Eingang abzuschreiten, die Augen auf den Untergrund geheftet. Sie finden den Schlüssel nicht; können sie auch nicht, denn der befindet sich ganz hinten in einer Schreibtischschublade. Und zwar in der von Professor Marx, und nicht in der Hochschule, sondern in einer privaten, in eben jenem Zimmer, in dem vor kurzem noch eine gewisse Rauchentwicklung zu ehelichem Streit geführt hat. Weshalb? Wir wissen es nicht, und Professor Marx wird es uns wohl kaum verraten.

So ein Schlüssel, der kann teuer kommen (*)

Kommissar Hopfen begutachtet wohlwollend die militärische Reihe. Der Pressesprecher versäumt nicht, darauf hinzuweisen, dass er neben einigen sportlichen Professoren der einzige an der Hochschule sei, der mit dem Rad zur Arbeitsstätte fahre, während die Studenten auf ihre fahrbaren Untersätze nicht verzichteten, obwohl das klimatechnisch und wirtschaftlich überaus sinnvoll sei. Hopfen lächelt, er hat eine Tochter an der Pädagogischen Hochschule und weiß wohl, dass Autos nicht nur zum Fahren gebraucht werden, sondern auch, um an lauschigen Plätzchen am Bodensee zu parken. Durchaus energiesparend, das muss angemerkt werden.

Das Labor für Energie- und Strömungstechnik ist nun wunderbar sauber, allein, der ominöse Geruch schafft es innerhalb einer Stunde, den Duft von Citrus, Sagrotan und Chemie wieder zurückzudrängen. Die drei Studenten, die sich über ein Kurvendiagramm beugen, schnüffeln. Der Assistent sieht nach, ob er eigentlich eine private Haftpflicht abgeschlossen hat – der Gruppenschlüssel passt für alle Labore des Maschinenbaus und der Fahrzeugtechnik und ist nur an vier Assistenten und zwei Professoren ausgehändigt worden. Fritz furcht die Stirne; die letzte Reparatur seines Rost-Golfs war nur auf Kredit ausgeführt worden, ein Freundschaftsdienst auf der Hebebühne der Fahrzeugtechniker, Geld hat er keines. Aber eine Freundin aus wohlhabendem Hoteliers-Haushalt droben bei den Sozialen im C-Bau. Er entwirft einen Finanzierungsplan; auch dies lernt man hier.

Gegen Abend, die Schatten sind schon lang, begibt sich eine Gruppe bestehend aus Studenten, Assistenten, Professoren und Uniformierten in das Labor für Energie- und Strömungstechnik. Eine Idee war im Vorzimmer des Kanzlers aufgekommen, ausgehend von einer phantasiebegabten Sekretärin. Im Labor gebe es doch, hatte sie gesagt, den Schacht für die Wasserbevorratung der wassergetriebenen Turbine. Augenblicklich hatte jeder Anwesende das viereckige Loch vor Augen, das in den Boden der Laborhalle eingelassen ist. Es ist gerade groß genug, um einen schmalschultrigen Menschen in aufrechter Position hinunter gleiten zu lassen. Jetzt stehen alle um diese Öffnung herum, in der Tat, der grässliche Verwesungsgeruch scheint hier besonders intensiv zu sein.

Huch, ein Loch, ein finsteres Loch (*)

Fritz schiebt die Klappe beiseite, die das Innere der Turbine aus Lehrgründen enthüllt. Man sieht die goldenen Flügel der Schraube und stellt sich sofort vor, wie verletzlich menschliches Fleisch, menschliche Knochen und menschliche Blutgefäße sind. Niemals könnten sie dem mahlenden Stahl Stand halten. Der Vergleich zu einem modernen Hackfleischwolf drängt sich geradezu auf. Die Sekretärin schluckt. Sie ist schon oft bei McDonald’s gewesen … Sind da nicht eigenartige Flecken? Ist das Wasser nicht rötlich? Es ist zu dunkel, man ruft nach einer Lampe. Fritz produziert ein Stroboskop, aber das hilft hier nicht, irritiert mit seinem Flackern nur; Epileptiker müssen aufpassen. Ein bulliger Professor beeilt sich mit der Aussage, dass kein Fremdkörper – Fremdkörper? – in die Turbine geraten könne, der Turbinenausgang sei durch ein festes Sieb geschützt. Folglich würde ein Körper, so er sich denn in der Kaverne befinde, an das Sieb angesogen … man späht erneut in das Loch. Man angelt mit diversen Gegenständen.

Halt! Hier ist etwas. Ein Raunen geht durch den Raum. Der Emmerich ist mittelbreitschultrig gewesen, gewiss. Seine Brille? Schwimmt hier seine Brille? Ein Netz befördert etwas an die Oberfläche, das ausnahmslos alle der Beteiligten lieber nicht gesehen hätten. Es ist der aufgeblähte Kadaver einer Katze, die vier Beine stehen steif in die Höhe. Die Getigerte! Die Campuskatze! Von allen gestreichelt, von niemand besessen. Schrecklicher Tod – übernacht eingesperrt, durstig, beim Trinkversuch die Balance verloren, das letzte ihrer sieben Leben ausgehaucht. Man beschließt, sie in der Campuserde zu begraben, eine bleiche Studentin der Pflegepädagogik erklärt sich bereit, ein Kreuz aus Lindenholz anzufertigen. Sie ist früher Steinerschülerin gewesen und weiß mit Schnitzmesser und Linde umzugehen.

In dieser Nacht wird unruhig geträumt in und um Weingarten und Ravensburg herum. Manche von den Älteren erinnern sich an angsteinflössende Aktenzeichen-XY-ungelöst-Sendungen mit dem düsteren Zimmermann, andere an den letzten bluttriefenden Kriminalroman, Frauen wiederum an den mutmaßlichen Mordfall von Maddie und manch ein Student denkt an das erste Horrorvideo, zu dem ihn Freunde genötigt hatten, als er noch nicht einmal fünf Jahre alt gewesen war. Es gibt Bilder, die sich nicht vergessen lassen. Keinen gibt es, der derlei nicht hortet für schlaflose Nächte.

Horror sieht immer anders aus und doch erkennt man ihn sofort (*)

Am nächsten Morgen zählt der Kanzler mit seinen beiden Händen die Tage ab, die Oberregierungsrat Emmerich jetzt schon vermisst wird. Seine ausgestreckten Finger erinnern ihn plötzlich an die Akten der drei Professoren, die er sich vor Tagen schon hatte vornehmen wollen: Dr. Dr. Kieferle – die Dame zuerst! -, Professor Schönhuber, Professor Marx. Bei letzterem zögert er. Er hat schon lange den Verdacht, dass bei dessen imposantem Lebenslauf einiges absichtsvoll im Unklaren belassen wurde. Dennoch hat er den Gedanken an Nachforschungen immer verdrängt, das Ende von Marxens Arbeitsleben steht unmittelbar bevor, ein Skandal wäre für den Ruf der Hochschule Ravensburg-Weingarten höchst unerfreulich. Er schiebt die Akte wieder nach unten.

Wem nützt die Wahrheit? Destruktion wäre die Folge … hat nicht Schönhuber neulich so luzide über den Dekonstruktivismus in der Architektur referiert? Als man bei einem Glas Wein auf der Terrasse über moderne Kunst gesprochen hatte und die Rede auf Gehry kam und sein gewagtes Museum in Herford? Herford, auch so ein Provinznest, das nach Höherem strebte? Rural base, global face?

Seine Gedanken wandern ziellos zum letzten Rechnungshofbericht. Die Kapitel über die Hochschuluntersuchungen … Profs, die versuchten, Projektmittel an Familienmitglieder umzuleiten, Profs, die sich Abschlussarbeiten, die ihre Studenten anfertigten, privat bezahlen ließen, Profs, die nicht der Lehre frönten, sondern ins Leere forschten, Experimente, die nur in der Fantasie stattgefunden hatten, aber papierne Ergebnisse erbrachten, getürkte Statistiken, Plagiate allerorten, Töchter und Freundinnen von Töchtern, die plötzlich als Assistentinnen auf Gehaltslisten auftauchten … ach, die Möglichkeiten zur Delinquenz sind unerschöpflich.

Wem schadet da eine Vita, die nicht wasserdicht ist? Yale, Lagos, Sydney? Von Sydney nach Wellington war es nicht weit, war nicht Kieferle letzthin dort gewesen? Diese Turbinenkonferenz? Das neue elektronische Diagnosesystem von Siemens?

Er nimmt die Kieferle-Akte zur Hand und entdeckt, dass eine Menge Seiten darin fehlen. Kann dieser Pfennigfuchser Emmerich sie an sich genommen haben, um sich die Auslandsreisen von der Professorin selbst erklären zu lassen? Und wenn das so war, wo sind diese Seiten jetzt? In den Aktenschränken der Polizei? Hat Hopfen auch Emmerichs Terminkalender konfisziert? Hat Kieferle davon gewusst und tatkräftig das Schlimmste abgewendet? In Südostasien, wo sie früher gewirkt hatte, verschwanden doch auch oft Menschen? Aber gewiss war ein kleines Dienstreisevergehen doch kein Grund, einen veritablen Mord …?

Und Schönhuber, ja, der war auch ein Problem! So anregend seine Ausführungen oft waren, so war es doch kein Geheimnis auf dem Campus, dass er es seit Jahren nicht vermochte, seine Lehrverpflichtungen einzuhalten. Achtzehn Stunden waren obligatorisch, erschienen auch in dem nunmehr nur noch virtuell einzusehenden Vorlesungsverzeichnis. Aber tatsächlich stattfanden immer weniger Stunden, notdürftig kaschiert durch merkwürdige Blockseminare, die immer weniger Studenten besuchten … aber auch dies konnte doch wohl kein Grund sein für eine solche Panikreaktion. Überdies war es unvorstellbar, Schönhubers feingliedrige nervöse Hände in Zusammenhang mit Gewalttaten zu bringen. Diese fein manikürten Finger um einen Hals gelegt? Wuchtige Messerstiche ausführend? Am Abzug einer Waffe? Eine Schlinge knüpfend? Schon eher … der hatte doch früher mal gesegelt, hatte eine Jacht in Friedrichshafen liegen gehabt, verstand sich auf Seemannsknoten … oder war das doch Professor Fabergast gewesen?

Wer Knoten kann, ist allemal verdächtig (*)

Der Kanzler massiert sich die Schläfen. Wenn doch nur dieser Emmerich wieder auftauchte! Er greift zum Hörer, um sich von Hopfen den Stand der Dinge berichten zu lassen. Es ist unsäglich, wie ein verschwundener Beamter aus Karlsruhe die ganze College-Kollegialität ruinieren kann. Das wirft ein schrecklich Licht auf die Belastbarkeit der Strukturen, ein schrecklich Licht auf fragile Seelen. Das Wort Katalysator kommt ihm in den Sinn, das eher zu den Fahrzeugtechnikern gehört als in sein Verwaltungszimmer.

Der vorletzte Gedanke erinnert ihn an seinen Magen. Die Sekretärin möge ihm doch einen Kaffee und eine Seele bringen, ruft er mit heiserer Stimme gegen die geschlossene Tür. Den notwendigen Telefonanruf wird er gleich erledigen.

Die brummige Stimme Hopfens versteckt ein kleines Lächeln. Man kann es natürlich nicht sehen durch den Telefonapparat, aber der Kanzler kann es spüren.

“Nichts Neues?”, fragt er.

“Emmerichs Ehefrau hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben”, antwortet der Kommissar.

“Die war überfällig”, sagt der Kanzler.

“Schon”, sagt der Kommissar.

“Spuren?”

“Einige.”

Eine Pause entsteht. Was für Spuren können das sein? Der Kanzler will nicht neugierig sein, will sich keine Unruhe anmerken lassen. Schließlich entschließt er sich doch, nach den Unterlagen aus der Hochschule zu fragen.

“Keine Sorge”, sagt Hopfen fröhlich. “Bei uns geht nichts verloren. Sie bekommen in absehbarer Zeit alles zurück. Wenn Sie etwas davon brauchen sollten, ziehen wir Ihnen Kopien. Die Originale müssen wir behalten, das verstehen Sie doch.”

Aha. Fingerabdrücke? Also hat er etwas an sich genommen. Blätter aus den Akten Kieferle, Marx, Schönhuber. Dem Kanzler wird kalt. Auch das Lächeln in Hopfens Stimme ist nicht mehr da. Man trennt sich mit dem Versprechen, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.

Und wieder geht ein Tag auf dem Campus zu Ende. Für die Studenten scheint der Fall erledigt. Professor Marx vergibt ein Referatsthema zum Problem der psychischen Abhängigkeit zu Haustieren bei Sterbenden. Professor Schönhuber füllt einen Dienstreiseantrag aus. Nach Wien, seine Frau wird wie immer den Koffer packen. Dort soll, neben anderen Dingen, eine in den Feuilletons überaus gelobte Ausstellung zum Beamtenapparatus der Assyrer eröffnet worden sein.

Dr. Dr. Kieferle hat eine lange Aufstellung ihrer Nebentätigkeiten gefertigt, die sie jetzt endlich zur Anmeldung bringen will. Des Kanzlers Tochter hat sich von ihrem Freund getrennt. German Fritz attackiert konzentriert das Thema seiner Zulassungsarbeit, die Dame seines Herzens schmollt. Die Jura F 70 ist kaputt. Am Katzen-Lindenkreuz hat jemand den Kranz aus Gänseblümchen entfernt. Der Pressesprecher schreibt heimlich an einem Klima-Krimi mit vier Toten. Von den Putzfrauen ist ausnahmsweise keine krank. Das Leben könnte weitergehen. Emmerich jedoch ist und bleibt verschwunden.

Katzenkreuz auf Campus (*)

Am nächsten Morgen findet German Fritz, der sich wegen seines Schlüsselverlustes angewöhnt hat, nur mit hängendem Kopf durch die Landschaft zu schlurfen, ein Handy im Gebüsch in der Nähe des Eingangs des Hauptgebäudes. Eigentlich, so denkt er, hätte der Suchtrupp es finden müssen, wenn es schon vor zwei Tagen dagelegen hätte. Aber dann erinnert er sich an den Terrier von Professor Schönhubers Frau. Der apportiert so gerne. Vielleicht hat der das Teil irgendwo gefunden und mittels Schnauze geliefert. Fritz gibt es im Rektorats-Sekretariat ab.

Die Sekretärin erinnert sich an das Handy, ein ausgefallenes brandneues Ding, ein iPhone, weiß nur nicht mehr, wo und in wessen Hand sie es gesehen hat. Die Studenten und Studentinnen, besonders diejenigen aus Fernost, haben immer das Allerneueste, was Elektronik betrifft. Das Handy verschwindet in der Truhe mit den Fundsachen, wo es zwischen stinkende T-Shirts, Wollmützen und Taschenrechner sinkt und auf einem muslimischen Kopftuch mit Troddeln zu liegen kommt. Der Student, die Studentin, die es verloren hat, wird sich melden, denkt die Sekretärin. Sie melden sich immer, die Handyverlierer, bekommen ihr Gerät aber selten zurück. Handys kann jeder gebrauchen, SIM-Locks wissen sie zu umgehen. Einmal, die Sekretärin erinnert sich belustigt daran, war sogar ein Wecker unter den Fundsachen, der alle vierundzwanzig Stunden ein blechernes Gewieher ausstieß. Er hatte einem pferdeverrückten Mädchen aus Dornbirn gehört – die hatte sich vielleicht geniert … Sie grinst und beißt genussvoll in einen Marsriegel.

Mittags verdunkelt sich der Himmel plötzlich. Die Wolkengebirge schieben sich auseinander und Hagel prasselt auf die Dächer der Hochschule. Innen werden Lichter angeknipst, es ist, als werde es Nacht. Der Kanzler denkt an dem Tempelvorhang von Jerusalem, der just in dem Augenblick zerriss, als Christus am Kreuz starb. Er sinnt über das Bild nach – in Weingarten gibt es Studenten aller nur denkbaren Glaubenszugehörigkeit. Ob sie mit diesem Bild etwas anfangen können? Ob sie wohl bei Wolkenbrüchen auch an die Sintflut denken? Ob Emmerich ertrunken ist? Oder entführt wurde? Irgendwohin? Und eben jetzt sein Leben aushaucht? Das brave, das anständige Beamtenleben? Immer nur Zahlen addieren, Akten durchforsten, peinliche Fragen stellen, Berichte verfassen?

Der arme Kerl dauert den Kanzler; so etwas ist kein Leben. Er streckt sich. Ein Blitz zuckt – über dem Bodensee ziehen sich die Gewitter gerne zusammen. Leise fängt er an zu zählen: ein…und…zwanzig, zwei…und…zwanzig, drei…und…zw… Jeweils drei Sekunden, so hat er es als Schüler schon gelernt, zwischen Blitz und Donner, ergeben in Kilometern die Entfernung zwischen dem eigenen Standpunkt und dem Zentrum der elektrischen Entladung.

Plötzlich klopft es an seiner Tür. Er steht auf, um zu öffnen. Die Herren Schönhuber und Marx stehen da, die Dame Kieferle auch. Begossen wie Pudel im buchstäblichen Sinne – der Weg vom Parkplatz ist nicht überdacht. Sie hätten Dringendes mit ihm zu besprechen. Sie gäben aber zuvor zu bedenken, dass sie sich späterhin auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen wollten. Ob er Zeit für sie habe? Schönhuber müsse demnächst zum Flieger, die Angelegenheit sei aber wichtig. Sie sinken auf die Sessel der Sitzgruppe. Der Kanzler legt die Hände aneinander. Wie Pilatus, denkt er noch, aber da spricht Professor Marx, der Wortführer, schon mitten in seine Gedanken hinein.

Die Geständnisse sind abgelegt; die Hauptfrage, die nämlich nach dem Verbleib von Emmerich, bleibt ungelöst. Man steht auf. Von Ferne erklingt ein Glockengeläut. Der Kanzler gibt sich Mühe, eine zutiefst enttäuschte Miene aufzusetzen. Der Rektor, zehn Meter entfernt und genauso neugierig wie sein Kanzler, öffnet die Tür auf den Flur hinaus. Er trifft dort auf eine Dame und drei Herren, die das merkwürdige Geräusch ebenfalls aufgeschreckt hat. Das Klingelklangel wird lauter. Es tönt aus der Fundsachentruhe im Rektorats-Sekretariat, das sich zwischen den Büros von Rektor und Kanzler befindet. Der Rektor streicht vorsichtig über seine blaue Krawatte mit den gelben Querstreifen, hebt den Truhendeckel, langt zwischen die Kleidungsstücke und fischt das weiße Handy heraus. Drückt verwirrt auf ein Icon.

Objekt der Begierde (*)

“Si”, sagt eine herrische Stimme, gefolgt von einer Wortkanonade, die sich spanisch anhört. Einzig ein Wort kann der Rektor heraushören, ein Wort, das in der Hochschule nur allzu bekannt ist: Emmerich, es klingt wie “Ämärick”. Er lässt das Handy fallen, als sei es plötzlich heiß geworden – ein Beweisstück!

Im Nu ist der Kanzler an seinem eigenen Telefon und verständigt Hopfen, dem es tatsächlich gelingt, auf die Schnelle einen Beamten beizubringen, der des Spanischen mächtig ist. Ein Polizeiwagen rauscht durch den Regen wie ein Motorboot, wirft Wasserfontänen auf graue Beinkleider von unschuldigen Passanten. Mit Plastikkondomen über den Fingern wird das Handy professionell vom Teppichboden aufgenommen und das Rückrufsymbol gedrückt. Ein Palaver entsteht zwischen dem Beamten und dem fernen Gegenüber. Man telefoniert mit Kolumbien. Aha. Die drei Professores, sowie Rektor und Kanzler lauschen mit geneigten Köpfen, verstehen aber außer Ämärick kein Wort. Es wird aufgelegt.

Es sei um eine Wohnung gegangen, verrät der Beamte. Hopfen weist die Herrschaften an, ins Kanzlerzimmer zurück zu gehen, während er mit seinem fremdsprachkundigen Ermittler im Vorzimmer das Gespräch analysieren wird. Wenig später steckt er den Kopf durch die Tür und bittet den Kanzler, einen Ort namens Guillerama in Kolumbien im dem Atlas herauszusuchen, der im Studentensekretariat auf dem Regal steht, alldieweil man ja hier Anmeldungen von Studenten aus aller Welt einer sorgfältigen Prüfung unterzieht.

Die Professores suchen mit angefeuchteten Zeigefingern im Index, blättern, flüstern Großbuchstaben und Ziffern, und werden fündig. Guillerama ist ein Nest mitten in Kolumbiens Pampa. Von, sagen wir, ebenso vielen Einwohnern, wie sie Weingarten hat. Kommissar Hopfen tritt ein. Aller Augen ruhen auf ihm, er räuspert sich. Ein Architekt sei das gewesen, sagt er, ein Senhor Wild, der die Fertigstellung einer Eigentumswohnung gemeldet habe, die er im Auftrage Senhor Emmerichs und seiner Frau Angelina in einem modernen Gebäudekomplex gebaut habe. Angelina? Die Sanduhrformen von Angelina Jolie erscheinen plötzlich hinter Männerstirnen. Eine Komplex mit Säulen, so viel er verstanden habe. In Guillerama in der Pampa. Stallgebäude seien auch dabei, eine Bullenzucht, Rindfleischexport, man verstehe. Emmerich sei ja sachkundig, Landwirt im Nebenerwerb, von der Behörde in Karlsruhe durchaus genehmigt.

Die Frau von Emmerich heißt Erika, Hopfen weiß das. Diese Angelina Catahari müsse seine kolumbianische Geliebte sein. Seine Beamten hätten diesbezügliche, heiße Mails gelesen, aber man habe nicht ermitteln können, woher sie gekommen seien. Das Internet sei perfekt geeignet, um Spuren zu verwischen, nicht wahr? Er ist ein wenig rot im Gesicht, als er diese Worte spricht. Er muss diese Mails übersetzt und gründlich studiert haben. Und Emmerich? Der habe sich wohl  abgesetzt, um jenseits des Ozeans ein neues Leben anzufangen.

so schön könnts Leben sein… (*)

Caramba!“, sagt Professor Marx. Es klingt neidisch.

Ama et fac quod vis“, rezitiert Schönhuber versonnen den großen Augustinus.

Die Kieferle rechnet blitzschnell aus, wie viele Säulen sie selbst bezahlt hat und beißt sich so jäh auf die untere Zahnreihe, dass die Kieferknochen stark hervortreten, was ihr etwas Hamsteriges verleiht.

Rektor und Kanzler sagen nichts.

In diesem Augenblick zischt ein Sonnenstrahl durch die Gewitterwolken. Die Campushochschule liegt glänzend da – wie frisch gewaschen, aller Sünden ledig. Besser hätte es auch das Putzfrauengeschwader nicht gekonnt, denkt der Kanzler. Morgen wird er einen ordentlichen Abschlussbericht in der Post haben, mit kolumbianischen Briefmarken auf dem Couvert, auf denen das Konterfei Präsident Uribes zu sehen sein wird. Aber das weiß er jetzt noch nicht.

Kommissar Hopfen reicht der Dame, den Herren die Hand.

Rural place“, meint er zum Abschied, “but…, und dann zwinkernd, “global case!”

Bild(er) von unsplash (*) oder wikimedia commons (**) oder selbst geschossen (***), useum (****)danke!

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