Femmes Fatales

In unserer Reihe der Other Stories wenden wir uns heute der Türkei zu. Diese ächzt im Augenblick unter großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Hätte es Corona nicht gegeben, wäre mein Nachbar jetzt dorthin gefahren, um Urlaub zu machen. So aber haben wir uns nur über die schwierige Situation der Menschen am Bosporus unterhalten können. Und damit fiel mir eine alte Geschichte wieder ein, die damals unter dem Namen Alles, was auf den Kopf kommt veröffentlicht wurde.

Lesen und sehen Sie selbst:

Femmes Fatales

In unserer Familie gibt es seit Generationen Geheimnisse. Fatale Geheimnisse. Aber gewusst hat das bisher niemand. Aufgepasst, jetzt kommt eine tolle Geschichte. Die Geschichte der alten Istanbuler Familie Öztürk, meiner Familie. Ich kann selbst  immer noch nicht richtig glauben, was ich gestern herausgefunden habe. Mama, hörst du mich da auf deinem Krankenbett in St. Nikolaus?

Die Familiengeschichte beginnt natürlich viel früher, aber ich setze mit meinem Bericht 1780 ein, in Istanbul, das damals noch Konstantinopel hieß. Unsere Familie bewohnte in jener Zeit ein schön verziertes, rotbemaltes Holzhaus mit Innenhof am Bosporus. Vater, Mutter, Kinder, Onkel und Tanten, Neffen und Nichten lebten alle beisammen. Wir waren, so heißt es, wohlhabend.

Byzanz, Konstantinopel, Istanbul

Istanbul, die Perle am Bosporus (*)

Zu Geld kam die Familie mit dem Pinienkernhandel – unsere Familie besaß drei Pinienhaine nördlich von Izmir; aber nicht Bauern waren wir, sondern Städter, Händler. In Nüssen und Gewürzen. In jenen Zeiten gab es keine Familiennamen, aber viel Familiensinn: Zu jeder Stunde des Tages konnten weit entfernte Verwandte kommen und bei uns leben. Seit 1934 tragen wir den Familiennamen Öztürk. Das bedeutet “Reine Türken”. Danach fingen wir an, weniger zahlreich zu werden.

Wichtig ist jetzt die Sache mit Onkel Adil

Vieles weiß ich von den Vorfahren, wenig zwar von den Frauen der Familie, mehr von den männlichen Mitgliedern. Wichtig ist jetzt die Sache mit Onkel Adil. Der war, so wurde erzählt, ein außerordentlich schöner Mann. Besaß, obschon von zierlicher Gestalt, feine aristokratische Gesichtszüge und ausgesucht gute Manieren.

Männerportrait
Auf der Federzeichnung sieht er ein wenig so aus wie dieser Mann (*)

Er flanierte gerne auf den Avenuen von Konstantinopel, hübsch gewandet in Pluderhosen, Pelzkragen und Turban. Und nie lag er ohne seine Jasminrohrpfeife mit dem Bernsteinmundstück auf dem Diwan. Die Frauen, so heißt es, mochten ihn – sie suchten seine Gesellschaft, denn er konnte an den Kohlebecken von wunderbaren Abenteuern erzählen, die er entweder selbst gesehen oder erlebt oder sich ausgedacht hatte. Genau wusste das keiner. Aber, so hat es meine Mutter von ihrer Urgroßmutter gehört, sein Turban soll der fein geschlungenste im ganzen osmanischen Reich – in meiner Familie übertreibt man gerne! – gewesen sein. Oft steckte er Halbedelsteine hinein, die in der heißen Mittagssonne funkelten. Er brauchte Stunden, bis er sich so geschmückt hatte. Man drehte sich um nach ihm in den Straßen; er soll sehr auffällig gewesen sein. Man flüsterte hinter seinem Rücken, was, weiß ich nicht. Wenn ich meine Mutter frage, dann verdreht sie die Augen und sagt: “Still, Kind, still! Das fragt man nicht.” Bei mir nenne ich ihn den Turbanonkel; es gibt natürlich keine Fotos von ihm, aber eine Federzeichnung, die meine Eltern in der Kommode mit den Dokumenten der gesamten Familie aufbewahren. Von den Frauen in jener Zeit erfährt man nichts, oft nicht einmal die Namen.

alte Frau im fenster
Eine meiner vielen Tanten lebt noch in unserem alten Viertel (*)

Der Sultan hat eine Idee

1826, in der Regierungszeit des glücklosen Sultans Mahmud II, gab es plötzlich den Versuch, die Mode zu wandeln. Der Sultan erließ das Gebot, die Turbane im Schrank zu lassen und stattdessen auf dem Kopf einen Fez zu tragen.

Der Sultan mit seinem neuen Kopfschmuck (**)

Wisst ihr, wie ein Fez aussieht? Ein roter Filztopf ist das, ähnelt einem mit der Öffnung nach unten aufgestellten Blumentopf und hat eine dunkelblaue Quaste auf der Oberseite. Er steht den wenigsten Männern, ich finde, er sieht eher ulkig aus. Weshalb der Sultan das befahl?

Verstehe einer die Männer!

Es ging ihm, so sagte mein Vater, der sich in unserer türkischen Historie, besonders aber in der Periode der osmanischen Zeit wohl auskannte, darum, die alttürkische Tracht loszuwerden und die europäischen Kostüme, die man für fortschrittlicher hielt, einzuführen.

Zuerst hatte der Herrscher den Dreispitz im Sinn, aber als man ihn darauf aufmerksam machte, dass dieser die christliche Dreifaltigkeit symbolisiere, wurde er als guter Moslem nachdenklich. Just zu dieser Zeit wurde eine Ladung Feze aus Tunesien ausgeladen und was er sah, gefiel dem Sultan. Er berauschte sich an dem satten Rot, das damals noch aus der Kermes-Schildlaus gewonnen wurde und nicht wie später aus der Chemie. Er befahl, dass Feze von nun an im ganzen Reich von den Männern zu tragen seien.

Mein stilbewusster Onkel Adil

Mein stilbewusster Onkel Adil hasste diese absurde Kopfbedeckung aus Nordafrika.

Männerportrait
Adil, der Verweigerer, muss als junger Mann so ähnlich ausgesehen haben wie dieser Mann (**)

Fortan ging er nie mehr aus dem Haus. Blieb im Innenhof, in den Salons, im Schlafgemach, gern geduldet bei den Frauen im Harem, die nur durch ein Gitter in die Außenwelt blicken durften. Und, wenn sie denn einmal auf die Straße gelassen wurden, unter Schleiern höchstens die Nasenspitze zeigten. Und dann und wann, aber nur wenn jemand verwegen war, eine unter dem Schleier hervorgezupfte Locke.

Onkel Cemil, mein Fez-Onkel

1875 wurde ein anderer geheimnisvoller Onkel in unserem Haus geboren: Onkel Cemil, mein Fezonkel. Auch er war von zarter Gestalt, band sich den Oberkörper und rasierte sich, so wird es erzählt, Kopf- und Brusthaar; ein Exzentriker, so sagt man.

Der Pinienkernhandel gedieh, Cemil lebte in Pracht und Prunk. Es sah immer darauf, dass mehr Agas, also Diener, im Raum waren als Gäste. Verlangte nie weniger als zwanzig Essensschalen. Machte Musik oder kaufte Musiker ein. Er trug nur Feze aus dem böhmischen Niederland, die damals die am besten verarbeiteten waren. Seine Röhrenhosen, so nannte man die engen Beinkleider, die die Pluderhosen ersetzt hatten, waren aus feinstem Tuch, er parfumierte und schminkte sich sogar. Auch er war ein Liebling der Frauen und verbrachte viel Zeit im Serail. Wenn von ihm die Rede ist, wird immer von seinen schmalen Handgelenken gesprochen, er soll sich – wie die Frauen der Vergangenheit das zu tun pflegten – die Handinnenflächen mit Henna-Ornamenten gerötet haben.

Handinnenflächen mit henna
Cemils Hände müssen so ausgesehen haben (*)

Er schrieb Gedichte, die, so erzählt man sich in der Familie, einfühlsam die Schönheit des Marmarameers und der Prinzeninseln besangen und das Los unglücklicher türkischer Frauen beweinten, poetischer und schöner als dies die Frauen selbst konnten.

Cemil hat, ebenso wie Onkel Adil zuvor, niemals geheiratet. Er starb, ein Liebling der Götter, jung. Um seinen Tod gibt es Gerüchte, von Opium und Drogen ist die Rede, mehr weiß ich nicht. Aber seine Gedichte gibt es noch, von ihm selbst herausgegeben, in einem schmalen Bändchen, – nur leider konnte ich sie nie lesen, die Familie hielt sie unter Verschluss. Es war mir immer so, als schäme man sich für Cemils Exzesse – sie sollten wohl den Kindern der späteren Generationen kein Vorbild sein. Und doch, wenn meine Großmutter von ihm erzählte, leuchteten ihre Augen.

Männerportrait mit Fez
Cemil, der schöne, feine… (**)

Nun gibt es eine weitere Geburt, vom der ich berichten will: Tante Fariye. Von den Frauen in unserer Familie hört man erst seit den Tagen des Kemal Atatürk – es ist, als habe es sie vorher überhaupt nicht gegeben. Sie war die Nichte Cemils, geboren 1901, als dritte Tochter, hinter den Holzgittern des Harems in unserem roten Haus. 1926, als Fariye fünfundzwanzig war, war sie bei Verwandten in Kastamuni am schwarzen Meer zu Besuch. Natürlich durfte sie das Haus nicht verlassen. Aber die Männer der Familie erzählten ihr von einem unglaublichen Ereignis.

Es erschien der Herr des Landes, Kemal Pascha,

Es erschien der Herr des Landes, Kemal Pascha, der siegreiche Vertreiber der griechischen Invasionsarmee, am Hafen mit einem Panamahut auf dem Kopf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten alle Türken den Hut als albernes Merkmal der Franken – so nannten sie die Europäer damals – begriffen. Er galt als hässlich und böse, verriet den Unreinen, den Christen, den Ausländer.

Kemal Pascha also stolzierte plötzlich mit einem Panamahut umher und sagte: “Das ist ein Hut. Das trägt ein Gentleman. Setzt eure Feze ab! Sie bedeuten Dummheit und Rückständigkeit. Alle Türken sollen fortan Hüte tragen!”

Den Panama-Hut gibts bis heute (*)

Fariye war zuerst schockiert. Es war ihr, als habe sich ein König vor aller Augen nackt ausgezogen. Aber dann begann ihr, die Hutmode zu gefallen. Allein, Panamahüte gab es nirgendwo zu kaufen.

Kemal Atatürk hatte sie allen Staatsbediensteten verordnet und die Hutmacher in aller Welt kamen mit den Lieferungen nicht nach. Fariyes Bruder plünderte zusammen mit anderen das Warenlager eines armenischen Händlers in dem Dorf, bei dem unsere Pinienhaine lagen, und setzte sich einen Damenhut auf den Kopf. Wie wurden die Männer ausgelacht!

Ich weiß nicht, wie es zuging, aber von diesem Moment an, war Fahriye verschwunden – keiner kann mir sagen, wohin.

im Bazar von Konstatinopel
Hier irgendwo ist Fahriye untergetaucht (*)

Fahri, mein Panama-Onkel

Zur gleichen Zeit erscheint in den Familienerzählungen Fahri, ein weiterer Onkel, ein entfernter Verwandter, der in unserem Haus Zuflucht suchte. Den nenne ich den Panamaonkel. Auch um Fahir wird viel geflüstert. Fahir soll sich den kemalistischen Modernisierungen alsbald begeistert angeschlossen haben. Wie sein Vorbild trug er stets Anzüge, Spazierstock und Hut und bereiste die ganze Welt. Er soll in sogar in Saudiarabien gewesen sein, aber auch in Amerika, in der Schweiz und in Russland. Man sagt, er sei mit Annemarie Schwarzenbach in Persien zusammen gekommen und habe Erika Mann gekannt, wenn nicht sogar sich in sie verliebt. Auch er hat nie geheiratet, auch ihn umhüllt ein Familiengeheimnis. Gestorben ist er alt, achtzigjährig, im Januar 1981 in seinem Apartment in unserem Haus. Warum ich das so genau weiß? Weil ich am selben Tag geboren bin, in Istanbul, am selben Ort. Zwanzig Jahre später ist unser Familienhaus abgebrannt, als sie die neue Gasleitung legen wollten. Aber die Dokumentenkommode konnte gerettet werden, sie war das Wichtigste für meine Eltern, die so stolz auf ihre Herkunft sind.

So ähnlich hat unser rotes Haus am Bosporus damals ausgesehen (**)

Ich war immer ein wildes Kind. Ein Mädchen, das nicht so ist wie es sein soll. Nicht wie die Frauen des Hauses, die zu Zeiten meines Turbanonkels nur in Pantoffeln auf die Straße hinaus konnten. Nicht so wie die Frauen des Hauses zu Zeiten meines Fezonkels, die sich noch Jungfräulichkeitstests unterziehen mussten. Nicht so wie die Frauen zu Zeiten meines Panamaonkels, die vor allem als Mütter geschätzt wurden und denen nur darum der Zugang zu Büchern ermöglicht wurde. Ich wollte immer die Welt mit eigenen Augen sehen können und nicht nur von ihr erzählt bekommen.

Ich studiere. Ich habe eigenes Geld. Ich höre von neuen Gesetzen zur türkischen Kopfbedeckung. Nicht für Männer dieses Mal, für Frauen. Kopftuch oder nicht? Draußen auf den Straßen tragen sie Plakate herum … Wie kommt es, dass in diesem Land das, was wir auf dem Kopf tragen, von so großer Bedeutung ist? Ob bei Frauen oder Männern? Wenn man bedenkt, dass der alte Sultan die turbantragenden Janitscharen hinrichten ließ und Atatürk 78 Hutverweigerer, dann fragt man sich, warum wir so versessen auf  Kopfbedeckungen sind, dass wir sie gesetzlich regeln müssen. Und Verstöße mit drakonischen Strafen ahnden.

Ich tue das, was manche Frauen in meiner Familie immer getan haben: Ich nehme mir die Welt, die ich will. Ich bin eine moderne Frau, ja, sogar eine Femme Fatale. So sagte jedenfalls mein Vater immer, wenn ich ihm einen neuen Verehrer vorstellte. Ich liebe nach meinem Geschmack; ich trage Hosen; ich bin mutig; ich reise. Ich nehme mir meine Onkels zum Vorbild: den geselligen Adil, den verschwenderischen Cemir, den fernwehsüchtigen Fahri. Von allen habe ich etwas. Und ich bin die älteste Tochter im Hause Öztürk, mein Vater ist tot, meine Mutter krank, Brüder habe ich keine. Ich liebe meine Stadt, wie alle in unserer Familie. Ich könnte niemals irgendwo anders leben als hier am Bosporus.

Frauenportrait
Das bin ich (*)

Gestern ist meine Mutter zu einer Behandlung in eine Zürcher Klinik gereist. Sie hat mir – für den Fall, dass sie die Operation nicht überleben sollte – den Schlüssel zur alten Dokumentenkommode gegeben. Als sie im Flugzeug saß, habe ich die knirschenden Schubladen aufgeschlossen. Den blauen Turban von Adil herausgehoben, nach Mottenpulver stinkend, den roten Fez von Cemir mit seiner zerfaserten Quaste, den löchrigen weißgelben Panamahut von Fahir. Den Gedichtband. Den alten Koran. Liebesbriefe. Schleier, Pantoffeln, Handschuhe und Schmuck. Getrocknete Rosen. Und das Familienbuch, das seit Urzeiten geführt wird.

unsere Dokumentenkommode (*)

Und dann habe ich es gesehen: Es gibt keine Neugeborenen, die unter den Namen Adil, Cemil und Fahir eingetragen wurden. Es gibt nur Adile. Geboren 1780 in Konstantinopel als Mädchen, gestorben als Adil in Konstantinopel, am Fieber. Cemile, geboren 1875 als Mädchen, gestorben als Cemil in Istanbul 1910 an der Syphilis. Fahriye, geboren als Mädchen 1901 in Istanbul, gestorben als Fahri 1981 in Istanbul, an Herzversagen. Weibliche Geburtshelfer, weibliche Totenwäscher … alles geschieht innerhalb der Familie.

Femmes Fatales à la turque. Was die Verschwiegenheit türkischer Frauen möglich machen kann, was man in der Abgeschlossenheit eines Harems aushecken kann, um an die Welt zu kommen …

Femmes Fatales à la turque

Was Familien für Geheimnisse hegen. In Gedanken höre ich meine Mutter leise lachen. Gewiss hat sie mir den Schlüssel gegeben, damit sie nicht zur Verräterin werden musste. Ich sollte es selbst entdecken. Es gibt Gebote und Verbote, aber es gibt auch immer die Möglichkeit, sie zu umgehen, nicht wahr?

Schlüssel
Der Schlüssel zu den Familiengeheimnissen (*)

Bild(er) von unsplash (*) oder wikimedia commons (**) oder selbst geschossen (***), useum (****)danke!

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