#lebenschreibenatmen

Im Blog Stehlblüten habe ich eine Rezension von Doris Dörries neuem Buch gefunden und mich deshalb ans Werk gemacht, mich bei ihrem Gewinnspiel zu beteiligen. Ich möchte das besprochene Opus nämlich zu gerne lesen…

#lebenschreibenatmen von Doris Dörrie [pinkfish]

Ich nehme Gemüse, kein Brot. Und hier ist mein Text dazu.

#lebenschreibenatmen: Der Spargel

Mein Vater mochte Spargel. Er mochte alles, was gut schmeckte. Im Krieg hatte er in der Normandie Austern kennengelernt.

„Die müsst ihr unbedingt probieren“, sagte er Anfangs der Fünfziger zu seiner Frau und deren Schwester.

„Das sieht komisch aus“, sagten die.

„Ich bestelle mal für jeden ein Dutzend“, sagte er. Natürlich gruselten sich die Damen und er aß vergnügt seine und zehn von jeder Dame dazu. Ob ihm hinterher schlecht geworden ist, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass es so etwas wie einen Zink-oder Eiweiß-Schock geben kann.

Mit dem Spargel war es anders. Der war ja Gemüse und deshalb ungefährlich. Das mochten auch die Frauen. Er bestand außerdem zu 80% aus Wasser. Aber das tat die Auster auch. Und der Mensch sowieso.

Mein Vater ist schon lange tot, viel zu früh gestorben. Was hätte er noch alles kennenlernen können an kulinarischen Genüssen… Schnecken mochte er, und Täubchen und Stubenküken und Rebhühner und Stopflebern. Und Kaviar natürlich. Wachteleier. Perlhuhneier. Aber Knickerbocker mochte er auch und fand sie chic, und das waren sie nun wirklich nicht, eher eine echte Geschmacksverirrung. Aber vielleicht war daran auch meine Großmutter Babette schuld, sie hatte ihm eingeredet, dass Knickerbocker auf Frauen unwiderstehlich wirkten. Und meine Mutter hatte ihn genommen, trotz seiner absonderlichen Beinkleider. Und ganz ohne zu zögern, wie sie später immer behauptete.

Spargel also. Er ruhte nicht eher als bis im Garten, weit unten an der Buchenhecke, ein Spargelbeet eingerichtet wurde. Er wollte seinen eigenen Spargel –  wenn ihm schon eine Austernzucht mangels Meer verwehrt blieb. Es gab Spargel damals, Anfang der Fünfziger, noch eher selten in den Läden.

Der uheimliche Graben

Schon das Anlegen der Beete war eine Sache für sich. Unser Boden war nämlich keineswegs sandig und trocken, so wie es der Spargel liebt, sondern rot-lehmig und zäh. Die einen halben Meter tief und exakt ausgestochenen Rinnen waren uns Kindern sofort unheimlich. Es wimmelte darin von Getier: Füllige Regenwürmer, durch den Spaten grausigerweise halbiert, krochen davon, Maden lagen da, von Maikäfern vielleicht, bleich und eklig, und ein Maulwurf zeigte kurz seine menschenähnlichen Patschhändchen. Man konnte sich vorstellen, dass in solchen Gräben wer begraben werden würde, jemand, der klein war, Säuglinge, Kleinkinder, Zwerglein oder Marsmännchen, falls es so etwas überhaupt gab (was ich bezweifelte). Kompost wurde hineingelegt und schwarzer Boden darauf geworfen. Am unteren Ende der so brachial und gleichzeitig so geometrisch-akkurat aufgeschürften Erdkruste lag der ausgehobene Lehmberg, fett und schwer und rot und klebrig. Dann wurde gepflanzt, Grünzeug mit spinnennetzartig ausgebreitetem Wurzelwerk. Dann bedeckt. Dann gedüngt. Dann gewässert. Dann gewartet. Gewartet.

Der Zauberspruch

„Drei Jahre dauert es“, sagte mein Vater gewichtig. Wir rollten mit den Augen. Das erschien uns unmöglich. „Drei Jahre“, wiederholte er und es klang plötzlich wie ein Zauberspruch. Sesam, öffne dich – und so hatte sich die Erde geöffnet. Drei Jahre – und dann würden wir ja schon fast erwachsen sein; – mutabor, sagte der Kalif im Märchen immer mit seiner sonoren Schallplattenstimme. Tatsächlich, das fällt mir jetzt gerade ein, landete in jenem Sommer ein Storch auf unserem Dach. Alle Blicke der Erwachsenen wanderten hinüber zu meiner Mutter, die schon vier Kinder hatte. „Du schon wieder…?“, hieß es. Sie wurde rot. Am Ende war nicht sie es gewesen, sondern eine unverheiratete Cousine, die im Münchner Fsching ausgelassen gefeiert hatte. Aber das wusste damals noch niemand (außer ihr) und den kleinen Flo liebten wir später alle.

#lebenschreibenatmen: das Spargelkraut

Im Spätherbst wurde die filigranen Spargelbäumchen geschnitten und fortgebracht, im Frühling wurde gejätet und im Sommer gedüngt. Spargel gab es erst mal keinen.

Das gefährliche Messer

Aber zu Weihnachten gab es neben dem obligatorischen Schweinekrustenbraten und den Mehlklößen, die mein Vater so liebte und meine Mutter gar nicht mochte, ein Geschenk für die ganze Familie: ein Spargelstechmesser mit Holzgriff. Spargel-Stech-Messer – wie das schon klang! Wie ein Bajonett! Und war der Spargelernter dann ein Spargelstecher? Nur ein Stecher? Oder gar ein Messerstecher? In dieser Weihnachtsnacht schlief ich schlecht. Dunkle Kapuzenmänner schlichen durch meine Träume, schwangen Spargelstechmesser wie Macheten und köpften kleine bleiche Engerling-Kinder. Wie Herodes seinerzeit auf dem Fresko in unserer Kirche.

Der Winterwahn

Im nächsten Jahr entdeckte meine Mutter, dass ihr Ehering verschwunden war. Sie trug ihn nicht an jedem Tag, aber immer, wenn die Eltern ausgingen. Und so fiel ihr der Verlust erst nach Tagen oder vielleicht Wochen auf. Sie sprach nicht darüber, aber sie suchte. Suchte überall im Haus. Und wir Kinder wollten ihr helfen, konnten aber nicht, weil sie uns nicht verriet, wonach sie suchte. Man konnte schon denken, dass sie irgendeinem unaussprechlichen Wahn verfallen war: Wie sie sie unablässig Schubladen aufzog, Körbe durchwühlte, den Nähkasten, das Handschuhfach, die Werkzeugkiste auseinander nahm. Hätte ich damals schon Shakespeare gelesen, hätte ich vielleicht an Macbeth gedacht… Penibel war sie nie gewesen und so mahnten uns die Häufchen ausgeworfener Gegenstände, die meist erst Tage später wieder eingeräumt wurden, stets: Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung in diesem Haus. Wir machten uns Sorgen. Alle.

In diesem Frühling wurden neben dem Spargelfeld auch zwei Mistbeete angelegt, die tief ausgehoben wurden, am Rand herum betoniert und mit vom Schreiner angefertigen jeweils dreiteiligen Glashauben belegt. Hinein kam Salat und Petersilie und man konnte die schweren Glasdächer anheben und einklinken, wenn die Sonne gar zu stark wurde. Oder man darunter gießen wollte. Zum Jäten musste man sie allerdings zu zweit nebenan ins Gras legen.

Durch die neuen Errungenschaften war der Lehmhaufen an der Buchenhecke, der schon etwas zusammengesackt gewesen war, wieder angewachsen und im Winter darauf konnten wir ihn mit Plastiktüten unterm Hintern hinunterrutschen, sofern Schnee darauf lag. Spargel gab es noch immer nicht. Aber die Wahnkrankheit meiner Mutter war abgeflaut, sie musste meinem Vater den Verlust gestanden haben und der musste es gnädig aufgenommen haben.


#lebenschreibenatmen: das Spargelgemüse

Und irgendwann, viel viel später dann, gab es endlich Spargel. Zuerst nur eine Handvoll. Zarte Stängel mit bläulichen Schuppenhäuptern, die weihevoll ins – komischerweise mit Salz und Zucker gewürzte – Wasser glitten. Und natürlich aß mein Vater die erste Portion ganz alleine auf. Wir andern saßen am Tisch und schluckten trocken mit. Als wir ihn dann endlich selber probieren durften, Tage später, waren wir enttäuscht. Wie fanden es gar nicht göttlich, sondern fade. Und selbst das war noch ein Kompliment. Aber wenn Eltern nur lange genug verzückt Geschmack und Konsistenz und Farbe preisen, ändert man seine Meinung allmählich.

Am Tollsten aber war das Spargelstechen.

Einen fast unsichtbaren winzigen Sprung in der Lehmkruste zu entdecken, mit dem Kinderfinger nachzuspüren und ein kleines hartes Köpfchen vorzufinden, das glich der Entdeckung eines Goldnuggets im Sieb (wir lasen damals die verbotenen Donald-Duck-Heftchen und wussten also, was in den Rockies so los war). Und dann das Spargelstechmesser fest mit der Rechten zu greifen, während die Linke vorsichtig das Köpfchen am Hals packte und das Gerät in den harten Boden zu stoßen bis es tief unten sein Ziel fand und dann – ratsch! Man kam sich nicht vor wie ein Bauer oder ein Soldat, sondern wie ein Henker.

Morgens und abends wurde gestochen. Die Geschwister langweilte es bald, nicht aber mich. Ich liebte es. Ich war selten mit meinem Vater ohne die anderen zusammen, und also schritten wir – er stolz, ich eifrig –  schweigsam die wenigen Reihen entlang und sammelten ein Paket Spargel für unsere Mutter. Ich liebte übrigens auch das Pilzesuchen – das verschaffte, so man fand, ein ähnliches Triumphgefühl.

Bis Johanni also gab es Spargel bei uns, in manchen Jahren mehr, in manchen weniger. Immer waren sie blauköpfig und würzig und viel dünner als die heutigen fetten weißen Spargel. Das mag auch mit dem Boden zu tun gehabt haben, der eigentlich nicht spargelgeeignet war.

Am liebsten aß ihn mein Vater als Salat – kalt, über Nacht in Essig und Öl und Spargelwasser eingelegt.

Etwa ein Jahr, nachdem mein Vater gestorben war, war meine Überraschung groß, als ich einen Stängel mit einem güldenen Halsschmuck stach – der Ehering, den Mutter beim Jäten verloren haben musste. Sie weinte, als ich ihn ihr brachte, aber dann ließ sie das Spargelbeet umgraben. Ihr hatte er eigentlich nie besonders geschmeckt.

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Ein kleines, feines Geschenk? Nicht zu aufdringlich? Unsere 4 Jahreszeiten!

Letzes Bild von unsplash , danke!

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