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Immer einmal wieder schenken wir Ihnen eine Kurzgeschichte. Heute entführen wir Sie ins Erzgebirge, in den Winter. Der steht ja auch bei uns vor der Tür – besser, sich schon mal einzustimmen!

Der Schneekönig von Oberwiesenthal

Sie hatten sich lange Jahre aus den Augen verloren, durch einen Zufall, der nichts zur Sache tut, wiedergefunden und nun der alten Zeiten zuliebe in Oberwiesenthal verabredet: Andreas und Theo.

Theo und Andreas (*)

Sie waren beide um die 65, aber noch tüchtige Skifahrer; das Wochenende versprach prächtig zu werden, und Schnee gab es reichlich. Endlich einmal wieder ein richtiger Schneewinter!

Oberwiesenthal, die höchstgelegene Stadt Deutschlands und Standort der ältesten Seilschwebebahn – nur Zahnradbahnen hatte es schon vorher gegeben – hatte sich verändert und war doch dieselbe geblieben. Sie logierten in unterschiedlichen Hotels, man war sich nicht sicher gewesen, ob man so weit harmonierte, dass man auch gemeinsam frühstücken wollte. Schließlich hatte man sich über 50 Jahre nicht gesehen, ein halbes Jahrhundert, das war schon eine lange Zeit! Und auch früher hatte man sich nicht gut verstanden, aber davon redete man vorsichtshalber nicht.

Skifahren kann man noch lange, wenn man früh genug damit begonnen hat (*)

Theo hielt an der Talstation Ausschau nach seinem Partner. Andreas arbeitete in der Bücherbranche und sah für sein Alter noch recht gut erhalten aus. Na ja, wer drei Frauen in seinem Leben verbraucht hatte, der hatte viel erlebt, das hielt jung. Theo selbst hatte schon manches Zipperlein, seine Arbeits- und Aufbaujahre waren hart gewesen und er hatte sich nicht geschont. Am meisten machte ihm seine linke Hüfte zu schaffen, aber er hatte vorsorglich eine Schmerztablette genommen, wollte sich keine Blöße geben.

Wo ist die Seilbahn? (*)

Halt, da war Andreas ja! Er winkte heftig.

Eingesperrt wie in einer Sardinenbüchse glitten sie nach oben. Herzhafte sächsische und slawische Klänge ertönten, Hochdeutsch, Bayrisch und natürlich das altvertraute Erzgebirgisch — ein Dialekt mit ostfränkischem Einfluss, der dazu geführt hatte, dass er sich in seiner neuen Heimat Nürnberg sogleich zu Hause gefühlt hatte. Theo ließ sich in wohlige Erinnerungen fallen, Andreas rieb ein Guckloch in der beschlagenen Scheibe frei. Nicht ohne Mühe rüsteten sie sich im Freien, traten in ihre Bindungen, bückten sich nach den Stöcken — der Bauch, das Kreuz! — kommentierten den Neubau des imposanten Fichtelberghauses und kurvten dann im lockeren Neuschnee zu Tal. Andreas mit knappen, etwas eckigen Kurzschwüngen, Theo mit runden, bedächtigen Bögen. Zuerst wählten sie die leichten bis mittelschweren Pisten, fuhren auch links und rechts an einem der drei Schlepplifte herunter, nahmen sich aber dann die Rennstrecke direkt unterhalb der Seilbahn vor. Vor dem Kaffee in den >Erzgebirgsstuben< wollten sie den rückwärtigen Hang des Fichtelbergs meistern, da musste man durch das ehemalige Kanonenrohr — früher eine gefährliche Engstelle. Theo war zwar ein wenig zögerlich, seine Hüfte begann, sich leise ziehend zu melden, wollte aber nicht nachstehen.

Es kam, wie es kommen musste: Andreas preschte forsch voran, Theo hinterdrein, er musste sich beeilen, fuhr über seine Verhältnisse, geriet tief zwischen die Fichten, übersah einen Baumstumpf, prallte zurück und brach mit einem Schmerzenslaut zusammen. Wieder winkte er heftig. Andreas bemerkte es und stieg zu ihm herauf. Er versuchte, Theo unter die Achseln zu greifen und ihn hochzustemmen, aber der Versuch misslang; Theo konnte den schweren Oberkörper auf seinen wackeligen Knien nicht halten.

„Kreuzbandriss!“, sagte Andreas sofort, als er sah, wie sich Theos linker Unterschenkel aus dem Kniegelenk drehte. „Bleib liegen, ich verständige die Bergwacht!“

„Was?“

„Glaub mir“, sagte Andreas, „ich hab das auch schon gehabt. In Serfaus, vor ein paar Jahren. Ist nicht so schlimm, heilt wieder. Aber bewegen darfst du dich jetzt nicht, bleib ganz ruhig liegen.“

schnell die Bergwacht verständigen…(*)

Theo spürte keinen Schmerz, jedenfalls keinen, der nicht auszuhalten gewesen wäre, und wunderte sich über Andreas’ sicheres medizinisches Urteil. Beim Skifahren hatte man kaum Gelegenheit zu Gesprächen gehabt, im Schlepplift hatte man nur über die gemeinsame Grundschulzeit gesprochen, weiter wäre man erst beim Kaffee gekommen. Andreas gab ihm den Flachmann mit Wedelwasser, den er in seiner Anorakbrusttasche bei sich führte, klopfte ihm auf die Schulter und begab sich ins Tal. Er solle mit einer halben Stunde rechnen, rief er über die Schulter zurück, und nicht ungeduldig werden, er habe alles im Griff.

Theo legte sich zurück. Er war nicht alarmiert; er musste sich fügen, er hatte sich schon in so vieles gefügt in seinem Leben. Nur gut, dass er nicht allein unterwegs gewesen war – er war, weil er die Kontrolle über die Hölzer an seinen Füßen verloren hatte, ziemlich weit in den Wald hinein geraten, von der Piste aus würde man ihn weder sehen noch hören können. Überdies fuhren die jungen Leute heutzutage mit Knöpfen im Ohr herum, hörten Rap oder Rock, während sie ihre Schwünge ziselierten oder bretterten wie die Wahnsinnigen, sahen aus wie Außerirdische und blickten weder nach links noch nach rechts.

Die Piste ist in Hörweite, aber doch etwas abseits…(*)

Er hingegen blickte nach oben – betrachtete den graublauen Himmel, unter dem sich schon neue Schneewolken sammelten, und die Wipfel der Fichten, die unter den weichen Lasten leise knarrten.

Theo war zwei Jahre im Fichtelberghaus aufgewachsen, als Pflegekind; eigentlich sollte er hier jeden Stein, jeden Baum und jede Lichtung kennen. Andreas, der aus dem Tal stammte, hatte ja keine Ahnung, wie das gewesen war, damals, in den Fünfzigern. Jeden Morgen waren sie hinunter nach Oberwiesenthal gelaufen, im Sommer in Schnürschuhen und im Winter auf Skiern, oder, wenn es die Mutter nicht erlaubte, weil es zu eisig war, auf den Ranzen gerutscht – manchmal auch direkt in den Hüttenbach im Schönjungferngrund hinein. Einmal hatte er sich dabei sämtliche Jackenknöpfe abrasiert. Er ächzte ein wenig. Wie auf Kommando segelte ein weiches kleines Schneepolster von einem Ast über ihm und zerstäubte zu sanftem Flaum auf seiner Brust. Schnee! Die Eskimos kannten angeblich viele unterschiedliche Namen dafür. Er kannte nur Harsch und Firn und Pulver und Papp…  er dachte angestrengt nach, um sich abzulenken.

Plötzlich erstand vor seinem inneren Auge der Schneepalast des Schneekönigs. Der Schneekönig, das war er gewesen, und seine Brüder auf Zeit des Schneekönigs Diener.

Und Greta die gefangene Prinzessin.

Greta, die kleine Blonde., die sie alle so gemocht hatten (*)

Schnell schob er den Gedanken an Greta beiseite, wie immer. Sieben oder acht waren sie damals gewesen, unschuldige Kinder, die spielten. In manchen Wintern, wenn der Wind aus Nordnordwest über die Schlosslichtung – so hatten sie sie getauft – gefegt war, war der lockere frisch gefallene Schnee gegen die Fichten getrieben worden. Während des Transports hatte die Fracht aus Schneekristallen ihre Spitzen verloren und war dichter gepackt als zuvor an den Fichtenstämmen angelandet, hatte sich aufgetürmt zu mächtigen Schneewehen, immer mehr, immer mehr. Nach Tagen waren die Wechten riesig, reichten – er erinnerte sich genau – bis an die Wipfel. Es glich einer Schneemauer, die, wenn die Wetterbedingungen günstig waren, so stabil wurde, dass sie die leichten Kinderkörper auf ihren einfachen Skiern trug. Dann waren sie vorsichtig hinaufgestiegen zu dem Wipfel der Palastfichte, die sie ausgewählt hatten als Palasttor. Das Tor war ein Loch, das sie gruben, dicht am Stamm, in zwei, drei, vier, fünf Metern Höhe.

Wälle und Mauern aus dicht gepacktem Schnee (*)

Dicht am Stamm, genau.

Dort, wo zwischen den Ästen Hohlräume entstanden waren, kletterten sie hinunter in die darunter liegende Höhle. Die Schneemauern waren fest und meterdick am Erdgrund. Schwarz wie die Nacht war es da, aber auch warm, so schien es den Jungen. Und Greta. Innen war es warm. Warm? Nein, warm war es wirklich nicht, aber die Stille, die sie nach dem tosenden Wind draußen umfing, fühlte sich so an. Dann gebot er, Theo, als Ältester und deshalb weisungsberechtigt, seinen Dienern, Licht zu machen. Sie knipsten die Taschenlampen an.

Theo hatte die Augen geschlossen gehalten, damit ihm der herab segelnde Schnee nicht Schmutz in die Augen trieb in seiner hilflosen Lage, jetzt riss er sie auf. Der Himmel war unverändert, obwohl mehrere Minuten vergangen sein mussten, oder doch schon eine halbe Stunde? Er versuchte, auf seine Uhr zu sehen, aber es gelang ihm nicht, in seine Hosentasche zu greifen, ohne seine Lage zu verändern und jetzt fühlte er doch, wie sein Knie anschwoll und seine Hüfte pochte.

Er starrte nach oben und sah doch mehr als dort wirklich zu sehen war: Im Schneepalast wuchsen zentimeterlange Stiele aus Reif heran, spitze, lange Nadeln, die rund um die Äste saßen, zauberschön wie Schmuck, der eigens für den Schneekönig herangeschafft worden war, auf dass sein Palast prächtig werde.

Schööön, das…(*)

Theo der Prächtige.

Er erinnerte sich genau an das Funkeln und Gleißen der Nadeln, die wie die Spitzen eines Igels hervorstachen im Licht der Taschenlampen. Es war sein verwunschenes Reich gewesen, angefüllt mit Strass und Bergkristall, unendlich wertvoll. Und durchzogen von kleinen Rauchsäulen aus Atemluft und unsäglicher und doch glockenreiner Stille. Seine Brüder wurden angewiesen, zu graben und sie gruben Gänge und Durchlässe zu den Nachbarbäumen und der Palast wurde größer und größer, ganz so, wie es in wirklichen Palästen war. Stundenlang hatten sie da gespielt und die Zeit vergessen – außerhalb von jeder wirklichen Welt. Dabei war ihnen die Kälte in Finger und Knochen gekrochen, unmerklich; sie hatten alles, alles vergessen.

Seine Enkelin war ganz ähnlich, Theo dachte an Rita, die Kleine seines Sohnes, die stundenlang im Wasser planschen konnte und schließlich von den besorgten Eltern mit Gewalt an Land gebracht werden musste, und zähneklappernd und blaulippig behauptete, ihr sei überhaupt nicht kalt. Kinder waren eben so – sie hatten noch nicht gelernt, auf ihren Körper zu hören. Taub für Gefahren. Auch seine Eltern damals hatten sicher geahnt, dass die Spiele nicht ungefährlich waren, aber sie hatten sie gewähren lassen, jedenfalls so lange sie pünktlich vor Einbruch der Nacht wieder zum Fichtelberghaus gekommen waren. Oftmals hatten sie den Ausstieg aus dem Palasttor kaum mehr geschafft, so kalt und empfindungslos waren die Hände und Füße geworden, mit denen sie den Aufstieg zu bewältigen hatten. Man musste an den Ästen der Palastfichte wieder hoch klettern, um ins Freie zu kommen, eine Anstrengung, die man immer wieder aufschob, wenn man so richtig ins Spielen gekommen war, und dann nur noch mit Mühe schaffte. Die meterdicken Außenmauern der Schneewechten am Boden zu durchgraben, wäre unmöglich gewesen. Was, wenn sich jemand ein Bein gebrochen hätte beim Herabrutschen?

Mutter ruft, es wird schon dunkel (*)

Oder einen Kreuzbandriss zugezogen?

Theo schüttelte den Kopf. Er langte nach dem Flachmann, den Andreas griffbereit in den Schnee gelegt hatte, und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. Es nägelt, so hatten sie das genannt. Gemeint war damit das Gefühl, das sich einstellte, wenn das Blut in den Händen wieder zu fließen begann – dann, wenn man in der Wanne von der Mutter warm abgebraust wurde. Ja, ja, eine Badewanne gab es im Fichtelberghaus schon seit 1910! Die Mutter hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Knaben samt Kleidung in die Badewanne zu stellen, weil die selbst gestrickten Wollsachen mit Schneebällchen und Eisklümpchen durchsetzt waren, wenn man wieder einen Nachmittag draußen verbracht hatte.

Draußen, wo es pfaarisch kalt, war, wie die Erzgebirger das nannten. Wenns pfaarisch kalt war, blieben solche wie dieser Andreas drinnen in der warmen Stube, flohen Eis und Schneetreiben, lernten in ihren Büchern oder lasen. Oder hutzten mit den anderen, quatschten mit Freunden; Fernsehen gab es damals ja noch nicht. Von dem Leben auf dem Fichtelberg selbst hatten die Stubenhocker keine Ahnung.

Und vom Schneepalast auch nicht, der war das bestgehütete Geheimnis der ganzen Schule. Theo, der Schneekönig‚ wollte das so — zu niemandem ein Sterbenswörtchen, hatte er seinen Brüdern befohlen. Und die hielten sich daran. Nur Greta war eine Ausnahme gewesen, die Sechsjährige des Waldarbeiters aus Böhmen, der seinem Pflegevater zuarbeitete.

Theo spürte, dass seine Gedanken sich jetzt in eine gefährliche Region zu bewegen begannen. Er wehrte sie ab; nicht jetzt. Jetzt sollte die Rettungsmannschaft mit dem Akja oder der Schneekatze zumindest schon an der Bergstation sein. Er wurde ungeduldig, wo blieb Andreas so lange? Die Schmerzen waren erträglich, doch ihm wurde langsam kalt. Er nahm noch einen Schluck. Als er die Flasche wieder absetzte, sich über die Lippen fuhr und sie zuschraubte, sah er die ersten Flocken heran tänzeln. Jetzt würde es auch noch zu schneien beginnen, lange konnte er hier nicht mehr bleiben.

Vielleicht sollte er doch rufen?

Was, wenn Andreas selbst gestürzt war?

Nein, das war doch zu unwahrscheinlich; er wollte sich auch nicht lächerlich machen vor all den Skifahrern, die da am Hang ihren Spaß hatten. Er rief nicht, er wartete. Das Jungvolk von heute kannte nur das Internet, Discos, Handys und Smartphones, zappte sich zu Tode, lebte nur aus zweiter Hand. Eine Jugend wie diejenige, die er gehabt hatte, war heute nicht mehr denkbar. Man redete zwar über die Natur, aber man kannte sie nicht. In Drei- oder seinetwegen Vier-Sterne-Hotels war man zu Hause, aber was ein Wald war, sommers eine grüne Hölle, winters eine weiße, davon hatte man keinen Schimmer.

Auf Greta hatte der Schneekönig ein Auge geworfen, und nicht nur er. Andreas auch. Und Zwack, der Krauskopf. Aber die hatten das Mädchen nur stumm angestiert auf dem Pausenhof, er hingegen hatte es entführen lassen. Diese Macht besaß nur der Schneekönig, keiner sonst. Gekidnappt würde man heute sagen, Gott ja, Kids waren sie gewesen. Kinder, die spielten, Kinder, die nichts Böses im Sinn hatten.

Wie hätte er denn wissen sollen, dass…nein, nein, nicht daran denken.

Es war gut gewesen, dass Greta, die jahrzehntelang durch seine Träume gegeistert war, endlich verschwunden war in der Mitte des Lebens. Aufgetaucht war sie erst wieder, als Rita geboren worden war, ähnlich blond wie Greta, aber viel gesprächiger. Seither dachte er wieder gelegentlich an sie, die schweigsame Kleine aus Böhmen, die zu ihnen gekommen war und die sich immer vor den großen Buben versteckt hatte.

Greta also. Jetzt war es sowieso egal. Die Flocken begannen, dichter zu fallen. Seine Mütze musste schon weiß sein, seine blaue Anorakbrust verschwand unter dem Schnee, sein böses Knie auch, der einzige Punkt an seinem Körper, in dem es heiß war.

Schneekristalle, wunderschön (*)

Andreas! Wo blieb der Bursche nur?

Früher hatte sich Oberwiesenthal das sächsische Sankt Moritz genannt, da konnte es doch nicht sein, dass die Rettung so lange brauchte, bis sie einen Verletzten barg. Das kam doch sicher alle Tage vor  bei den Menschenmengen‚ die sich bei schönem Wetter auf den Pisten tummelten, seit die neuen Lifte gebaut worden waren. Er dachte an Harry Olsen‚ den Norweger, der Ende des letzten, nein, des vorletzten Jahrhunderts, hier gewesen sein sollte mit seinen Riesenskiern und die Jugend im Tal erst auf den Geschmack gebracht hatte. Und an Fleischmann, den Sohn des Fichtelbergwirts, der 1890 dann ernsthaft damit angefangen hatte, das am Sächsischen Nordpol zu treiben, was heute Wintersport hieß. Und an den Inder, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier erfroren sein sollte.

Palastgespräche unter Jungen, wenn alle Gräben gegraben waren und man sich beim Schein der Lampe, oder um Batterien zu sparen, im diffusen Licht, das durch den Ausstieg fiel, wispernd unterhalten hatte. Er nahm noch einen Schluck – ja, wenn sie damals Alkohol gehabt hätten! Aber nein, dafür waren sie noch viel zu jung, das war erst später gekommen.

Greta, flüsterten die Zweige um ihn herum, Greta.

Greta also — Bor und Hannes hatten sie aus dem Schuppen, wo sie nach den Hühnern zu sehen hatte, geraubt, ihr die Augen verbunden und sie auf Skiern zur Schlosslichtung geführt, dann hinauf bugsiert und ihr erst zum Herabklettern die Binde abgenommen. Der Schneekönig hatte im Palast gesessen und gewartet, dass sie ihm die Beute brachten. Die Beute war unter kleinen spitzen Schreien am Baumstamm herab geplumpst und hatte sich staunend umgesehen. Theos Erinnerung war da ganz scharf, war es immer gewesen: Ihre dunklen Augen hatten sich geweitet, die Mütze hatte ihre feinen Augenbrauen zusammengedrückt, ein Finger war ihr in den Mund geschlüpft.

„Schöööön“, hatte sie andächtig gesagt.

Er hatte mit großer Geste auf seine Krönungshalle gewiesen, die Nadeln hatten wie ein Feuerwerk gefunkelt.

„Willst du mehr sehen?“

Zusammen waren die beiden durch die Tunnel gekrochen und hatten die Nachbarhalle betreten. Sie hatten sich aufgerichtet, die Wände zeigten von innen eine Tapete aus herab gebogenen Fichtenzweigen und filigranen rotgrauen Nadeln. Ein wenig ähnelte es einem hohen Zeltpavillon.

„Schön“, hatte sie wieder gesagt.

Er hatte ihre Hand genommen: »Du fürchtest dich auch nicht?“

Sie hatte so energisch den Kopf geschüttelt, dass ihre blonden Zöpfe hin- und hergeflogen waren.

„Weiter?“

Sie waren in den Aufenthaltsraum der Diener geschlüpft, dorthin, wo seine Brüder eine Blechdose mit Haselnüssen aufbewahrten. Er bot ihr eine an, aber sie war so steif gefroren, dass man sie nicht essen konnte. Also taten sie so als ob, und es mundete köstlich.

„Mein Reich“, verkündete er mit tiefer Stimme, „mein Palast, meine Speisen, meine Kronleuchter, meine Diener. Wenn du meine Prinzessin sein willst, soll dies alles auch dir gehören.“

„Und was muss ich dafür tun“, fragte sie. Sie wusste offenbar damals schon, dass es im Leben nichts umsonst gab.

„Einen Schwur leisten, nein zwei. Erstens, niemandem davon erzählen. Es ist unser Geheimnis. Und zweitens, niemals allein hierher kommen. Nur mit uns. Schwörst du das beim Leben des Jesuskindes?“

Brav hob sie zwei Finger. Sie schwor. Sie war seine Prinzessin. Alles war gut. Die Operation geglückt. Er fühlte ein Triumphgefühl in sich aufwallen.

„Schau hier“‚ sagte er und deutete auf eine dunkle Höhlung, „hier werden wir dein Prinzessinnengemach errichten, morgen.“

Sie spähte in die Ecke, die er ihr wies.

Eigentlich hatte er Ke-me-nate sagen wollen, ein Wort, das kürzlich sein Vater gebraucht hatte und das er abends im Bett mehrmals wiederholt hatte, aber das hätte sie nicht verstanden.

nein, so ein Diadem hatten sie nicht, wäre aber schön gewesen (*)

„Zurück“, sagte er barsch, „wir wollen neben meinem Thronsessel einen zweiten bauen.“

Sie gehorchte.

Sie bauten. Oder vielmehr, die Diener gruben Schnee ab und schafften ihn herbei, Prinzessin und König strichen ihn glatt. Dann setzten sie sich und spielten Befehle erteilen, Greta zaghaft, Theo unduldsamer als sonst, weil er Eindruck schinden wollte. Das war es gewesen, ein wunderbarer Nachmittag im Eispalast, den er nie vergessen würde.

Am nächsten Morgen in der Schule hatten Andreas und Robert sehr schnell eine Ahnung davon, dass ihre Herzensdame ihren Meister erwählt hatte. Sie wich kaum von Theos Seite und verschwand nur widerwillig in ihrem Klassenzimmer der Kleinen, als die Pause zu Ende war. Das war der Anfang eines Wintertags, der schrecklich enden sollte. An diesem Nachmittag bekamen sie keinen Ausgang, der Wind blies heftig, man sprach davon, dass es arktisch kalt werde, der Vater hatte das im Urin. Er befahl den Jungen, im Haus zu bleiben, und so sägten sie am Sperrholz für die neue Pyramide, die sie der Mutter zu Weihnachten basteln wollten — mit einer klitzekleinen Nachbildung des Fichtelberghauses und den Familienmitgliedern als Personal. Erst als zum Nachtmahl aufgetischt wurde, hatte die Familie des Waldarbeiters bemerkt, dass Greta fehlte. Die Fichtelberghausleute hatten geglaubt, sie sei bei ihren Eltern, um mit dem Strickliesel zu arbeiten, Gretas Eltern ihrerseits hatten gedacht, sie helfe beim Weihnachtsbasteln.

Alle wurden dick eingepackt und man lief hinaus, um sie zu suchen. Erregung lag in der Luft – so empfanden es die Kinder, große Sorge – die Erwachsenen.

„Greta, Greeetaaa“, riefen sie ums Haus, fuchtelten mit Fackeln und Taschenlampen herum und suchten und suchten.

Nichts.

Keine Greta, nur der unaufhörliche Wind. Schließlich eilte Theos Vater zum Telefon, um den Bergrettungsdienst zu alarmieren, Gretas Vater wollte weitersuchen. Der Bergrettungsdienst! Später wurde er in Bergunfalldienst umgetauft, weil seine Abkürzung BRD gelautet hatte, was politisch nicht gewünscht war. Die DDR — Theo war auch jetzt noch froh, dass er rechtzeitig in den Westen gegangen war. Es war so kalt gewesen, pfaarisch kalt, dass kein Kind draußen die Nacht überstehen konnte. Die zurückgebliebenen Kinder wurden ins Haus geholt und peinlich befragt. Wussten Theo und Bor und Hannes denn nicht, wo das Mädchen sein konnte?

wo ist das Kind nur? (*)

Im Wald?

An der Rodelstelle?

Gab es ein geheimes Versteck?

„Im Schneepalast,“ schlug Theos Mutter schließlich vor. Die Buben zuckten zusammen und sahen Theo ängstlich an. Keiner hatte das Wort Schneepalast je im Haus in den Mund genommen. Theo funkelte böse zurück.

„Greta weiß nichts davon“, sagte er bestimmt.

„Sie könnte ihn von allein gefunden haben“, sagte Gretas Mutter langsam. „Wo ist dieser Palast denn?“

Nun half es nichts, das Geheimnis war entdeckt. Widerstrebend schnallte Theo unter dem Hoflicht die Skier an und brachte die beiden Frauen und Gretas Vater zur Schlosslichtung. Die Palastmauer sah in der Nacht ganz fremd aus, geradezu unheimlich und riesig und nicht von dieser Welt. Weiß und starr und turmhoch wuchs sie im Mondlicht empor wie ein Spuk. Sprachlos sahen die Erwachsenen zu‚ wie Theo sich vorsichtig in Kehren in die Höhe schraubte, die Skier vom Fuß löste und verschwand.

Kein zweites Paar Skier stand hier — Greta konnte gar nicht da sein.

„Nicht folgen“, rief er, als seine Füße den ersten Ast gefunden hatte. „Alles bricht zusammen, wenn ein Erwachsener drauftritt!“

Er hörte noch, wie sie sich erregt berieten, als er auch schon hinunter sauste, die Zweige waren eisglatt und er war aufgeregt.

Unten war es totenstill wie immer. Keine Greta. Ihn überraschte das nicht, sie hatte ja geschworen. Aber um seine Pflicht zu tun, leuchtete er den Thronsaal ab, die Nachbarhalle und schließlich das Dienstzimmer seiner Untertanen. Kein Geräusch, niemand war da. Er war unendlich erleichtert, als er wieder nach oben kam. Er hatte es doch gewusst!

Zurück am Fichtelberghaus erwartete sie schon ein Trupp von Männern und Kindern, auch Andreas war darunter. Die Suche begann. Mehr oder weniger systematisch wurde um den Gipfel des Fichtelbergs herum gesucht, auch einen Hund hatten sie dabei.

Andreas stellte ihn bei dem Baum, in den im letzten Jahr der Blitz eingeschlagen hatte.

„Du hast etwas mit ihr gemacht“, sagte er herausfordernd. „Das weiß ich doch!“

„Nichts weißt du“, sagte Theo.

„Doch“‚ sagte Andreas, „du bist fei net nur huunacket, du bist gemein.“

Ersteres hieß so viel wie hinterlistig. Theo sprang ihm an die Gurgel. Der Kampf war schnell vorbei, die Knaben waren zu erschöpft, die Situation zu ernst, um lange zu kabbeln. An den Rest der Nacht hatte er wenig Erinnerung, er war hundemüde und wurde schließlich heimgeschickt. Gefunden wurde Greta nicht.

Theo war auch jetzt todmüde. Der Schnaps und die Aufregung, der sanft fallende Schnee und die Angst waren einfach zu viel für ihn. Ob er würde wach bleiben können, bis die Helfer kamen? Oder doch noch rufen sollte? Diesmal tat er es, aber seine Stimme krächzte nur und ihm war klar, dass sie nicht weit tragen konnte. Ja, wenn es Wind gegeben hätte… aber stattdessen schneite es jetzt heftiger, große wolkige Flockenstücke und zusammengeklebte Schneelappen. Er gab es schnell auf, es brachte nichts. Wenn er wenigstens sein Handy bei sich gehabt hätte.

Licht, mehr Licht (*)

Damals hatte es noch keine Handys gegeben, natürlich nicht. Erst nach Tagen hatte man Greta gefunden, ein kleines erfrorenes Häufchen im Schnee. Es war wärmer geworden, um den Schneepalast herum waren zuerst durchsichtige Eiszapfen gewachsen, in denen das Sonnenlicht sich funkelnd brach, und dann hatte Tauwetter eingesetzt und die Schneewechte war ins Rutschen geraten. Hatte einen großen Spalt geöffnet und darin hatte Bor das Mädchen gefunden, die Hände um die Knie gelegt, die Augen geschlossen. Sie musste in der Prinzessinnenkammer gegraben, sich ausgeruht haben und dann vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Und – sie musste ohne Skier den Steilhang der Wechte hinaufgekommen sein. An diesem Gedankenknochen hatte Theo tagelang genagt, so lange bis ihm plötzlich zu Bewusstsein gekommen war, dass er sich damit nur ablenken wollte von dem Eigentlichen: warum er nicht in die Kemenate geleuchtet hatte.

Das Erfrieren im Schlaf sollte gar nicht so schrecklich sein, hatte Theo gehört. Ob das wahr war? Er hatte manchmal darüber nachgedacht, aber nie einen Arzt zu Rate gezogen. Eine eigentümliche Scheu hatte ihn davon abgehalten. Er glaubte, dass es eine Sache des Willens war – wem es gelang, den ohnmachtsähnlichen Schlaf zu bekämpfen, der konnte sich bewegen, konnte dafür sorgen, dass das Blut in den Adern der weniger lebensnotwendigen Körperteile sich nicht zurückzog in die inneren Organe … konnte Blut tatsächlich stocken? Er wusste es nicht. Was er wusste war nur, dass es schmerzhaft nägelte, wenn man wieder auftaute. 

Niemand machte Theo Vorwürfe. Die Kemenate war etliche Fichten entfernt vom oberirdischen Schneepalast und nur Greta und er hatten gewusst, dass es sie gab.

Aber er hatte es gewusst. Und er wusste auch, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hatte. Warum? Warum tun Kinder dies und jenes nicht? Ebenso gut hätte man der Pflegemutter Vorwürfe machen können, die doch über den Schneepalast Bescheid gewusst hatte und dem Spielspaß ihrer Jungen zuliebe geschwiegen hatte. Sie hatte das Risiko, das dem Leben unter meterhohen Schneebergen innewohnte einschätzen können und es getragen. Wie hätte er, der achtjährige Theo anders entscheiden sollen?

Aber nach einem Jahr wurde er zu einer anderen Pflegefamilie gegeben. Komisch, er hatte nie gedacht, dass es vielleicht deswegen gewesen war…?

Er war schon wieder dabei, sich zu verteidigen – so, wie er es wohl auch noch tun würde, wenn er vor seinem letzten Richter stand.

Ach, schlummern können jetzt und nicht mehr denken … sich einfach hingeben dem Weißen, das ihn jetzt fast gänzlich bedeckte. Des Winters ewiges Leintuch …

Er war Greta ganz nah, das fühlte er. Sie schwang ihre Zöpfe. Sie steckte ihren Finger in den Mund. Sie schwor.

Die Dämmerung kommt (*)

Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, schneite es nicht mehr. Es war Nacht. Das eisige Mondlicht fiel zwischen den schneebedeckten Fichtenzweigen auf ihn herab, schlug Schatten in seinen Fichtelberg. Da wusste er, dass Andreas gewonnen hatte. Er würde nicht zurückkommen und ihn holen. Theo schloss die Augen wieder. Greta hatte es leichter gehabt, damals, damals war es wahrlich pfaarisch kalt gewesen, aber bei ihm würde es dauern.  Die Winter waren eben nicht mehr die Winter von früher, nein, wirklich nicht.

Die Nacht fällt herab. Die Temperaturen auch. Die Männer von der Bergwacht sind längst zu Hause. (*)

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