Other Stories: Zum Tode Gorbatschows

Anlässlich seines Todes habe ich eine Geschichte wiederaufleben lassen, die ich immer sehr mochte. Wie übrigens ihn auch. Möge seine Seele Frieden finden.

Kaviar und Blinis

Ich reiste einmal mit dem Regionalzug der deutschen Bahn von Nürnberg nach Stuttgart. Kurz nach der Wende muss das gewesen sein, Winter 1990/1991 vielleicht. Draussen troff Regen vom Himmel und man sah Frauen unter Schirmen über Zebrastreifen huschen und im fernen Russland zerfiel das Riesenreich der ehemaligen Sowjetunion. Das beschäftigte mich aus vielerlei Gründen – einer davon war mein lange zurückliegendes Staatsexamen gewesen, in dem ich über die vielen Klimazonen des ehemaligen Zarenreiches geprüft worden war.

In Ansbach stieg ein Mann ein, der sich seltsam benahm. Er sah eher unauffällig aus, wie ein Lehrer oder Kanzleiangestellter, aber er wirkte hektisch und nervös, wie verfolgt. Ich musste an Kafka und seinen Prozess denken. Jetzt, da ich mich zurückerinnere, meine ich, dass er vermutlich der äußeren Erscheinung nach dem tatsächlichen Franz Kafka, die Sie alle kennen, ähnelte: kleines mausiges Gesicht, abstehende Ohren, Stirnfalten, Mittelscheitel.

Franz Kafka altes Foto
Franz Kafka (**)

Er verstaute umständlich eine große Reisetasche und einen kleineren schwarzen Lederkoffer in der Gepäckablage über unseren Köpfen. Er setzte sich und zog die Hemdmanschetten aus seinen Anzugärmeln. Er stand auf und wühlte in seinen Taschen nach einer zerdrückten Zigarettenpackung, zog sie heraus, musterte sie sehnsüchtig und steckte sie wieder ein.

In deutschen Zügen darf man nicht rauchen. In deutschen Zügen reist niemand mehr mit Lederkoffern. In deutschen Zügen sind auch Anzüge und Hüte selten geworden.

Er kreuzte die Beine. Er rang die Hände, ließ die Knöchel knacken. Er strich sich nervös über die Stirn. Er begann, mir  leid zu tun. Ein Fremder in Franken. Kein leichtes Schicksal, dachte ich und begann ein Gespräch, wo er hinfahre, woher er komme, wie es ihm gehe. Er antwortete langsam und bedächtig und in einem etwas altmodischen Deutsch. Mit einem kleinen Akzent, den ich nicht zuordnen konnte. Schließlich kam es heraus: Er war Russe, kam direkt aus Rostow am Don, war Professor für deutsche Literatur an der dortigen staatlichen Universität und zum ersten Mal in Deutschland. Dem Land, dessen Literatur und Kunstsinn er verehre, wie er sagte. Er reise kreuz und quer durch die Landschaften, um alles zu verstehen und in sich auf zu saugen. Aber teuer, teuer sei das alles hier, sagte er und seufzte tief. Devisen, Devisen…

Ich nickte. Das konnte ich mir vorstellen. Dann hatte ich eine Idee.

„Wenn ich aus Russland käme“, sagte ich, „dann hätte ich Kaviar mitgebracht – der ist hier so unermesslich teuer und bei Ihnen vielleicht nicht… Damit könnte man sicher einen Aufenthalt im Westen finanzieren.“

Ich muss zu meiner Ehrenrettung anmerken, dass damals das Problem der Überfischung und Aus-plünderung des Kaspischen Meeres noch kein Thema war. Aber ich liebte Kaviar, und die alte Meldung von der im Taxi transportierten Kaviar-Pfunddose für Helmut Kohl oder vielmehr dessen Frau war mir wieder eingefallen. Der Mann sprang auf, als hätte ich ihm das Stichwort gegeben, auf das er lange schon gewartet hatte.

Hastig griff er nach dem abgeschabten Lederkoffer, legte ihn auf den Polstersitz und nestelte an den Schnappverschlüssen. Mit seinem schmalen Anzugrücken verbarg er den Inhalt des Koffers vor mir, aber ich sah seine zuckenden Arme, die darin herumwühlten.

„Voilà!“, rief er triumphierend aus und hielt mir eine kleine Dose Kaviar entgegen. „Es gibt auch größere“, sagte er. „Wir essen ihn mit Blinis und Sauerrahm. Und Wodka, natürlich.“

Ich schaute mich um. Irgendwie war mir nicht wohl bei der Sache. Aus anderen Abteilen blickten mich interessierte Augenpaare an. War das Schwarzmarkthandel? Verbotener Export von Kulturgütern? Warum war er so nervös? Was war da noch alles in seinem Koffer? Reiste er womöglich in Sachen Spionage?

Vor Jahren hatten wir einmal Besuch eines merkwürdigen Schweizers bei uns zu Hause gehabt, der ebenso unruhig und verhuscht gewesen war und anschließend hatte mein Vater gemurmelt, dieser Mensch sei in gefährlichen Geschäften unterwegs und man möge seine Anwesenheit gleich wieder vergessen. Das war mir wochenlang im Kopf herumgegangen und als ich später vorsichtig nachgefragt hatte, war die Antwort: „Na, ein Spion könnte der gewesen sein“. „Für wen?“ „Keine Ahnung, Kind.“

Hm. Ich zögerte. Der Mann sah mich erwartungsvoll und gleichzeitig demütig an. Ich war in einer Position, in der ich nicht sein wollte. Aber ich hatte den Vorschlag gemacht und musste nun dazu stehen. „Wieviel?“, fragte ich.

Er nannte mir seinen Preis, und da ich schlecht mit Zahlen und Ziffern bin, habe ich es vergessen. Summe und Dosengewicht – ich weiß es nicht mehr. Ich nickte, nahm die Dose und steckte sie ein und er drehte sich wieder zu seinem Delikatessenkoffer herum und übergab mir mit einer kleinen Verbeugung ein Fläschchen mit grüner Aufschrift und kyrillischen Buchstaben: Wodka. „Auf Ihr Wohl!“, sagte er und lächelte nun endlich entspannt. Schnell zückte ich mein Portemonnaie.

Tja, so war das gewesen. Daheim stellte ich die Dose auf den Tisch und suchte nach einem Kochbuch. Russische Blinis, was war das gleich noch? Aus Buchweizen müssen sie sein, diese kleinen Pfannkuchen, nicht aus Mehlpulver, sondern aus feinem Schrot. Mit Hefe fluffig gemacht, in der gebutterten Pfanne gebraten, durch Hochwerfen gewendet.

Wie es geschmeckt hat? Es war köstlich. Statt Sauerrahm Crème Fraîche, statt Wodka Krimsekt. Der Dreiklang ist ein Fest für die Geschmackspapillen: das salzige Zerplatzen der leicht fischig schmeckenden Kaviarperlen zwischen Zunge und Gaumen, der fette weiße unberührte Schnee der Crème Fraîche, das brotig-derbe Geschmack des Buchweizens in der Mundhöhle. Und natürlich das Warten vor der Pfanne: bis das nächste Buchweizenrund angebräunt war und kleine Blasen auf der Oberfläche warf, erfolgreich einen Luftsalto vollführt hatte und auf meinem Teller landete.

Ich weiß nicht warum, aber in der Nacht danach träumte ich mich in ein gotisches Gewölbe. Ich trug ein nachtblaues Abendkleid aus Samt und saß an einem Tisch mit flackerndem Kerzenlicht und einem Porzellan-Tiegel voller geeistem Kaviar. Ein Mann saß mir gegenüber und handhabte kundig das kleine Pfännchen auf einer Gasflamme. Er servierte mir die Blinis und wir unterhielten uns angeregt. Er zupfte die Manschetten aus seinen Anzugärmeln und mein Blick glitt von seinen Handgelenken über die Falten der Innenseiten seiner Anzug-Ellenbogen hinauf zu seinen Schultern und schließlich zu seinem Hals und Gesicht. Es war nicht der Deutschprofessor aus dem Zug, es war Gorbatschow. Auf seiner Stirn glühte das Mal.  Er wirkte bekümmert. Wie anders kann man sich fühlen, wenn einem soeben ein Großreich unter den Fingern zerronnen ist?

Ines Scheppach: gemalte Bilder
Kaviar und Blinis by Ines Scheppach (***)

Die baltischen Staaten, Armenien, Georgien, Ukraine, Weissrussland, naja, gut,  Belarus, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Turkmenistan, Kasachstan – alles feine sowjetische Blini-Fladen, die vom großen Teller Russland geflutscht waren.

Seit jener Nacht esse ich einmal im Jahr Blinis mit Kaviar. Magische Bezeichnungen wie Beluga, Sevruga, Ossietra schmücken den echten Kaviar – schwarze Zaubersprüche für Gourmets.

Doch echten Kaviar kann man sich nicht mehr leisten – der Stör im Kaspischen Meer und anderswo ist so selten geworden, dass der Export strengstens geregelt werden musste. Wildfang ist generell verboten – von den 27 Störarten gelten 17 als ausgestorben. Kaviar unbestimmter Herkunft sollte keinesfalls gekauft und verzehrt werden.

Heutiger Kaviar kommt aus Zuchtanstalten in aller Welt; bei uns häufig aus Italien. Früher wurden die urzeitlichen Fische getötet, weil der Rogen unreif sein muss, wenn er die Körnigkeit behalten soll; seit 2014 hat das Alfred-Wegener-Institut ein Patent entwickelt, wie man den Rogen herausstreifen kann, ohne das Tier zu töten.

Nun gibt es daneben auch erschwinglichen Kaviar aus anderen Quellen. Lachsrogen, Forellenrogen, Seehasenrogen – nicht schwarz, sondern grau oder  rot-orangefarben. Auch gut. Auch fischig. Auch salzig. Für mich gut genug. Die Magie der Perlen wirkt auch da.

Und jedes Jahr frage ich mich neu, mit wem ich diesen Kaviar verzehren will. Helmut Kohl war nie dabei, obwohl der sicher nicht abgelehnt hätte… Aber Angela Merkel habe ich einmal eingeladen, und Alice Munro und Martin Luther und Wolfgang Amadeus Mozart. Natürlich ist keiner gekommen, natürlich habe ich keine Einladungen verschickt.

Nur Fragen habe ich gehabt und davon geträumt, Antworten zu bekommen. Aber immer mit Blinis und Kaviar und immer unter einem gotischen Fenster.

Aus: Lobster Tales, ein Lesebuch für die Küche.  2020, erschienen beim Autorenexpress. Texte von Nessa Altura, Illustrationen von Ines Scheppach

Zur Erinnerung an den Mann, der jetzt gestorben ist, ein gelungener Werbespot von Pizza Hut:

Wir werden sie vermissen: Unsere Heroes und Sheroes! Wir sammeln ein paar wenige Nachrufe auf einer Seite. Es gäbe noch viele andere, aber niemals reichen Platz und Zeit für alle…leider!

Wir sammeln alle Geschichten und Foto-Erzählungen auf einer Seite. Einen Monat lang werden sie zu lesen sei; danach nur noch auf Anfrage in einem passwort-geschützten Bereich.

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Die meisten unserer Illustrationen sind Fotos von Unsplash, worauf wir mit einem (*) hinweisen. Wir danken hier allen Fotograf*innen für die großzügige Überlassung. Bilder, die mit (**) gekennzeichnet sind, stammen aus dem Bundesarchiv von media commons. Bilder mit (***) sind selbst aufgenommene Fotos oder selbst gezeichete Illustrationen. Gemälde großer Meister kommen vom Useum (****). Danke!

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