Die Guten und die Starken

Die Guten und die Starken: in unserer Reihe Other Stories folgen wir nun einem Polizisten auf seinen nächtlichen Streifengängen. Zuerst veröffentlicht wurde diese böse Geschichte in

erschienen im Mitteldeutschen Verlag, 2007

Übrigens ist gerade jetzt ein Verbrechen geschehen, das durchaus Gemeinsamkeiten mit unserem ausgedachten Fall aufweist.

Die Guten und die Starken

Polizeiwachtmeister Karo ist ein Mann mit klarem Blick, präzisem Urteil und eindrucksvollem Äußeren. Er ist so breit wie hoch und ähnelt weniger Napoleon als Helmut Kohl. Er ist immer gerne Streife gegangen, das hält ihn dicht an der Realität, denkt er. Erfurt ist eine mittelgroße Stadt wie viele andere – jede Nacht gibt es da viele Gelegenheiten, in denen seine Erfahrung, seine Tatkraft und seine physische Präsenz gefragt sind. Er trennt Streithähne in Lokalitäten, die er privat niemals aufsuchen würde, er rettet Familienmütter vor gewalttätigen Lebensgefährten, schützt Prostituierte vor rücksichtslosen Freiern, sammelt streunende Jugendliche auf und hält betrunkenen Pennern aggressive Skinheads vom ungewaschenen Leib. Er ist damals vor fünfundvierzig Jahren aus Idealismus zur Polizei gegangen, weil er auf der Seite der Guten stehen wollte, und weil er glaubte, die sozialistische Demokratie bedürfe wehrhafter Verteidiger. In den letzten Jahren hat sich ein gewisser Pessimismus bei ihm eingestellt; er freut sich auf den Ruhestand, den er in weniger als drei Monaten erreichen wird.

Die Polizei: Gut, dass wir uns auf sie verlassen können (*)

Heute geht er mit Irmela Lotter Streife. Sie ist ein hübsches Ding, sicher halb so alt wie er. Die Uniform steht ihr gut, sie ist entspannt und gut aufgelegt und geht munter neben ihm auf dem harten Pflaster der Pergamentergasse. Er spürt an ihren Schritten, dass sie eine Frau ist, Frauen gehen anders

Sein Pessimismus hat mit den Frauen angefangen, mit den Frauen in der Polizei.

Da war zum Beispiel diese Franka. Er will sich nicht an ihren wirklichen Namen erinnern, der tut auch nichts zur Sache. Genannt hat er sie bei sich immer Franka, weil sie etwas ähnlich Trotziges im Wesen hatte wie diese Schauspielerin Franka Potente, die seit Lola rennt jedermann bekannt ist. Als er damals auf dem Oktoberfest am Domplatz von einem angetrunkenen Gast mit einer Bierflasche bedroht wurde, hatte sie einfach daneben gestanden und hektisch in ihr Handy getippt.

Da war zum Beispiel diese Erika, die jetzt angeblich bei einer anderen Wache Dienst tut, Gott sei Dank. Als einmal fünf oder sechs randalierende Jugendliche im Stadtpark davon abgehalten werden sollten, noch mehr Papierkörbe aus den Verankerungen zu reißen, hatte sie gesagt, man solle einen Psychologen holen, anstatt sie auf der Stelle zur Raison zu bringen, notfalls mit Gewalt. Aber sechs gegen zwei – man hatte sich zurückziehen müssen, und die Kerle hatten höhnisch hinterher gelacht.

So hat die Erika ausgesehen (*)

Hanne, die aussah wie Hannelore Elsner, aber von deren Chuzpe nicht ein Quäntchen hatte. Unvergessen der Augenblick, als sie, seiner Streife zugeteilt, mit großartiger Geste die Dienstwaffe aus dem Holster gezogen hatte und gesagt hatte: „Die brauche ich nicht mitzunehmen. Ich schieße nicht. Nie. Unter keinen Umständen. Bin Pazifistin.“

Wie sollte man sich da behaupten im Kampf da draußen? Ohne Begleitschutz? Da kann man gleich mit dem Streifengehen Schluss machen. Es macht alles keinen Sinn mehr. Die Frauen haben das Klima verpestet. Lassen die Männer im Stich.

Er geht jetzt schneller. Er hat sich in Rage gedacht. Wo sind die Zeiten hin, als alles noch einfach gewesen ist? Um sich zu beruhigen denkt er an andere, erfolgreiche Momente seiner Karriere. Als sich der Bankräuber am Ilvesgehovener Platz vor Angst in die Hosen gemacht hatte. Als er die drei gewaltbereiten Hartz-Vier-Demonstranten alleine in Schach gehalten hat. Als die verängstigte Sparkassengeisel ihn spontan geküsst hat, als er die Schluchzende in den Arm genommen hat. Wie der Boxer ihn respektvoll angesehen hat, als er ihm einen Schwinger verpasst hat. Wie er den persönlichen Dankesbrief einer Oma – mit einem Scheck! – ­aus dem Briefkasten gefischt hat … die mit dem Damenbart, die er vor einem Handtaschenräuber bewahrt hat.

Damals dieser Bankraub, ja, das war eine tolle Sache…(*)

Er schreitet weiterhin kraftvoll aus, reißt die Beine aus den schmerzenden Hüftgelenken. Franka, nein, Irmela kann nur mit Mühe Schritt halten, recht so. Was trägt sie auch so kleine Stiefelchen? Das waren die kleinen Fische, denkt er. Jetzt die großen: Den Rauschmittelring aus der Clara-Zetkin-Straße hat er zerschlagen, er ganz alleine. Den Fluchtversuch aus der Andreasstraße zu einem jähen Ende gebracht, von dem tagelang in den Zeitungen die Rede war. Der kleinen Jungen aus dem Flutgraben gefischt, ein Orden im Rathaus war die Folge. Der Russenmafia damals ein Schnippchen geschlagen. Alles große Dinger, die ihm Wertschätzung und Ansehen gebracht haben, und nun?

Die Frauen in der Polizei. Sie verderben ihm die letzten Jahre. Die Jahre, in denen er von seiner Erfahrung profitieren wollte. Er knirscht mit den Zähnen. Irmela wirft ihm einen Seitenblick zu: „Is wat, Heinz?“

Nix is. Besser, er denkt an sein Hobby. Angeln. Noch besser: Eisangeln. Draußen am Lago di Alpi, wie der Alperstedter See von den Erfurtern liebevoll genannt wird. Der Lago ist für ihn, was für die Landeshaupthaupt der Domplatz ist. Das Herz der Dinge. Erst recht, wenn er zugefroren ist – dann ist er wirklich sein. Es ist ja merkwürdig, dass man bei strengen Wintern den See plötzlich aus seiner eigenen Perspektive sehen kann: die Uferkante, die Schilfzonen, die fernen Konturen der Ränder seiner Welt. Genau so, wie man in Erfurt auf dem Domplatz stehen kann, den Kopf in den Nacken legen und die oberen Stockwerke der Häuser auf sich wirken lassen kann, so wie sie Erfurt selbst vom Pflaster aus sieht. Was dem See stumme Kiefernwipfel, sind dem Asphalt die Domspitzen. Was dem Asphalt der bleigraue Himmel ist, ist dem See ein wolkenloses Blau. Oder ein schneeträchtiges Wolkengeschiebe. Ach, könnte er jetzt bei seinem Wohnwagen sein!

Draußen am See… (*)

Neuerdings greift ein neuer Sport aus Amerika um sich: Das Eisangeln. Da baut man sich ein kleines Bretterhüttchen über dem Eisloch, in dem die Schnur hängt, und lässt sich’s wohl sein. Man kartelt ein bisschen, trinkt einen kleinen Braunen und noch einen, erzählt sich hin und wieder einen Bullenwitz. Unter Männern kann er darüber lachen, unter Frauen nicht. Und währenddessen schwimmen die Fische um den Köder herum und fragen sich, ob sie zuschnappen sollen. Und wenn sie es dann getan haben, bringt man sie heim zu seiner Alten, oder, wenn die Stimmung gut ist, röstet sie gleich dort auf dem Eis. Wunderbar! Er schnüffelt durch die Nase, als röche er gebratenen Fisch.

„Is wat, Heinz?“, fragt seine Partnerin wieder. Er röchelt jetzt laut und stark, um sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen. Was will die kleine Schnepfe von ihm?

„Du hast ja Haare in den Nasenlöchern“, sagt sie, „kein Wunder, dass du keine Luft kriegst. Es gibt da so kleine Scherchen, extra dafür, wusstest du das?“

Überall Mädels… (*)

Was erdreistet die sich? Dass sie ihn duzen darf, obwohl sie um viele Jahre jünger ist als er, ist schon schlimm genug, aber nicht zu ändern. Aber dies?

„Kümmer dich um deine eigene Schönheit“, sagt er unwirsch und dreht sich weg von ihr.

Draußen am See gibt es keine Weiber. Im Sommer schon, aber im Winter nicht. Da ist es ihnen zu kalt, da sitzen sie lieber daheim und stecken die Füße in die Puschen. Gut so, passt ihm. Fische sind besser als Frauen. Stumm, kümmern sich nicht um Nasenhärchen und andere Schönheitsfehler. Er geniert sich jetzt ein wenig – hat er sich schon so lange nicht mehr im Spiegel angesehen? Diese Irmela hängt wahrscheinlich den ganzen lieben langen Tag davor, anstatt Schießübungen zu machen. Wahrscheinlich ist das auch so eine, die aus Prinzip keine Waffe …diese Pazi-Tussen und Friedensfuzzis sind ihm ein Leben klang zuwider gewesen.

Sein Winterhüttchen, ach, da wärs jetzt schön (*)

Er äugt zu Irmelas Hüfte, kann aber nichts erkennen. Natürlich ist das Waffentragen bei Streifengängen Pflicht, aber diese Weiber reden sich immer auf Gewissensangelegenheiten hinaus, wenn es hart auf hart kommt. Verlassen kann man sich keinesfalls auf sie, Waffe oder nicht.

Auf der Moritzstraße ist alles ruhig, es ist so kalt, dass sich selbst die Obdachlosen verzogen haben. Ein paar Polen in pelzbesetzten Anoraks, ein paar blutjunge Mädchen, die selbst bei dieser Kälte ihren Nabel zeigen. Wenn sie dann von den Jungen angemacht werden, denen sie ihre herausfordernde Mitte präsentieren, quiecken sie wie die Schweinchen und auf der Polizeiwache sind sie dann glubschäugig und stumm. Ach Gott, wie er das alles über hat.

Wahrscheinlich hat auch diese Irmela einen Bling-Bling im Nabel und eine obszöne Tätowierung auf dem Schulterblatt. Man kann sich ja heutzutage bei der Polizei nicht mehr aussuchen, wen man bekommt. Keinerlei innere Berufung haben die jungen Dinger, sondern nur die Kohle im Kopf und allenfalls eine Fernsehkommissarin vor Augen. Die Demokratie verteidigen? Die Menschenrechte durchsetzen? Für Recht und Ordnung sorgen? Fremdwörter für sie. Die wollen nur ihren Dienst abreißen, die Trennungszulage, die Beamten zusteht, und auf die Frühpensionierung hinleben. Oder die Mutterschaft. Er selbst hat übrigens fünfundvierzig Dienstjahre auf dem Buckel, jawoll.

Irmela, die von seinem Groll nichts wissen kann, steuert jetzt einen Imbissstand an: Thüringer Rostbratwurst. Im Dienst essen? Auch so etwas, das ihm gegen den Strich geht. Überhaupt, die Lebensmittelzufuhr im Gehen und Stehen ist ihm immer schon ein Dorn im Auge gewesen, er hält das für unkultiviert. Es macht nur Müll und außerdem bekommt man auf der Stelle wieder Hunger.

Die Thüringer Rostbratwurst – einfach köstlich! (*)

Am Lago, ja, da wäre es etwas anderes. Er stellt sich plötzlich vor, wie er diese Irmela in sein Hüttchen bringt, wie er einen frisch gebratenen Zander vor sie hinstellt und ihr einschenkt, und wie sie kaut und schmatzt, und wie er ihr erklärt, was es mit der Polizeiarbeit auf sich hat. Nichts da mit Prüfungen und Tests, die gelingen diesen Weibern ja, sondern mit der Praxis. Was es bedeutet, hinzustehen, was es bedeutet, Respekt zu erzwingen, was es bedeutet, das Gewaltmonopol des Staates zu verkörpern. Wie befriedigend es ist, der Stärkere zu sein, die Uniform mit Stolz zu tragen. Und wie gut es tun kann, auch einmal zuzuschlagen. Sie wird mit großen Augen zu ihm aufblicken und zuhören. Und lernen.

Ob er auch eine Bratwurst will? Nein, danke, er isst nicht in Uniform. Nicht auf der Straße. Egal, auch wenn ihm der Magen knurrt. Er wartet, während Irmela sich eine große Menge Senf auf die Wurst streicht. Am liebsten würde er weglaufen; hungrig ist er doch. Aber Weglaufen ist noch nie sein Ding gewesen.

Weglaufen wie diese Brigitte. Die war Polizistin und einfach über Nacht verschwunden. Hatte Koppel und Dienstmarke auf ihrem Schreibtisch liegen gelassen, ein emotionales  weinerliches Kündigungsschreiben verfasst und sich davon gemacht. Eine Zarte, Sanfte war das gewesen. Nachts zuvor war sie mit ihm Streife gegangen – das war jene Nacht, als er den jungen Kerl aus Pankow, der sich anschicken wollte, Reifen aufzustechen, zur Rede gestellt hatte. Als der ihn kommen sah, hatte er das Messer weggeworfen und zu fliehen versucht. Aber er hatte ihm nachgesetzt, und ihn an der versifften Jeansjacke festgehalten. Und nun, hatte er gedacht, nun brauchst du einen Denkzettel, den du nie mehr vergessen wirst. Der Junge hatte herausfordernd gegrinst.

So ein Opel… (*)

„Darf man sich nicht einmal mehr ein Reifenprofil ansehen?“, hatte er gesagt.

Karo hatte gespürt, wie seine Stirnadern platzen wollten. Lügen sind ihm zuwider. Er hatte gesehen, was Sache war, da half kein Leugnen. Andererseits – noch war ja nichts geschehen, was auch justiziabel gewesen wäre. Er musterte den frechen Kerl und griff dann in dessen Jackentasche. Der Junge machte einen Satz zurück, aber er hatte, was er wollte: Das Handy. Ein ultramodernes von Motorola.

„Siehst du das?“, sagte Karo und hielt dem Jungen das Handy vor die Nase.

Der nickte, wusste nicht, was das bedeuten sollte.

„Was dem einen sein Handy, ist einem anderen sein Opel“, sagte Karo, ganz langsam, sehr deutlich und laut. „Und weißt du, was ich mit den Dingen mache, die dir so wichtig sind wie einem anderen sein Auto?“

„Da“, er warf das Handy auf das Pflaster und trat kurz, aber heftig mit dem Stiefel darauf. Das Ding sprang auf und enthüllte seine rätselhaften Eingeweide.

Und jetzt nochmal kräftig druff! (*)

„Aber“, protestierte der Junge unter Tränen, „Das dürfen Sie nicht!“

Karo zertrat die Einzelteile mit Schmackes. Es knirschte grässlich.

„Siehst du“, sagte er dabei, „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Ein altes Sprichwort.“ Er nickte dazu.

Der Junge schaute ihn ungläubig an.

„Und jetzt lauf“, sagte Karo scharf, „wenn du nicht sofort die Beine in die Hand nimmst, mache ich eine Anzeige. Sei froh, dass du so davon kommst.“

Der Junge lief.

Brigitte, die dem Ganzen zugesehen hatte, sagte empört: „Aber das dürfen wir wirklich nicht!“

„Wer hat’s gesehen?“, fragte er, „Du etwa?“

„Ja, ich“, sagte sie.

„Und du wirst es melden?“

„Ich, ich weiß nicht“, sie zögerte, „ich will keinen Ärger, aber ich will auch keine Selbstjustiz.“

Selbstjustiz! Er schnaubte wie ein Walross. Und dann, auf der Wache, hatte er gesehen, wie sie nach dem vorschriftsmäßigen Beschwerde-Formular suchte.

Während Irmela die Mausezähnchen in die saftige Schweinswurst schlägt, bringt ihn die Beobachtung von Irmelas Lippen, die sich um die Rostbratwurst schließen, auf Abwege.

Hm, wunderbar…. (*)

Die Thüringer Rostbratwurst ist für Erfurt und Karo das, was die Currywurst für Gelsenkirchen ist: Heimat. Hier, genau hier in dieser Stadt wurde diese mächtige, gut gewürzte Wurst erfunden, vor Jahrhunderten schon, aber erst seit 2004 ist der Name patentiert. Ein Symbol thüringischer Männlichkeit – im zarten Schafs- oder Schweinsdarm, gute zwanzig Zentimeter lang, gerade oder gekrümmt, nicht zu grob und nicht zu fein, rassig gemacht durch die Zugabe von Knoblauch, Kümmel, Majoran, gebräunt auf der Holzkohle, beste Ausgangware vom Schwein, immer frisch … „Rost brennt“, grinst Irmela… und Karo leckt sich die Lippen. Dann ruft er sich zur Ordnung. Er denkt an die Fische im Lago und an die Anomalie des Wassers. Es gelingt ihm, seine Gedanken um ein anderes Problem zu gruppieren. Es ist doch unglaublich: Während es draußen zwanzig Grad minus und mehr haben kann, hält sich im See die Temperatur konstant bei vier Grad, weil der Austausch zwischen kaltem Oberflächenwasser und warmem Tiefenwasser stille steht. So können die Fische durchhalten, was der Mensch nicht schafft: Auch im eisigsten Winter leben sie stumm und zufrieden vor sich hin, zumindest so lange sie zu fressen finden.

Die Fische im See (*)

Und dass ihnen der Stoff zum Leben nicht ausgeht, dafür sorgt Karo schon. Und nicht zu knapp. Was den Thüringern die Rostbratwurst ist, ist den Fischen anderes Fleisch. In seinem Hüttchen hat er neben dem ungarischen Bolleröfchen auch Brennholz gebunkert, einen Faltsessel von Obi, und ein paar Flaschen Hochprozentiges, die auch bei den tiefsten Temperaturen nicht einfrieren. Soll er heute Abend noch hinausfahren? Im Fernsehen kommen heute die Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften, die wird seine Frau sehen wollen. Da ist es egal, wann er Sonntagabend nach Hause kommt. Er sehnt sich schon wieder nach der Freiheit, die der See ihm bedeutet. Das Eis kann so unterschiedlich aussehen, je nach Wetterlage, dass es eine Lust ist: mal strahlend hell und wie von weißem Sternenstaub bedeckt, mal, wenn Regen in der Luft liegt, kontrastreich im Zweiklang zwischen blaugrauer Fläche und dunkel-schwarzen Kiefern, mal so, als ob die Oberfläche atmet – kleine Dunstfäden steigen dann auf und tanzen in den kaum wahrnehmbaren Böen wie winzige Derwische.

Imela ist jetzt fertig mit ihrer Thüringer und leckt sich genießerisch die fettigen Finger. Sie legt Wert auf Nagelpflege, das hat er beobachtet. Hirnrissig, aber nicht unattraktiv. Für einen Moment stellt er sich vor, wie diese gepflegten Hände in den Locken ihres Liebsten wühlen, wenn die beiden … nichts da, was geht ihn Irmelas Privatleben an?

„Wolln wir wieder?“, fragt er.

Irmela nickt. Stumm stapfen sie nebeneinander her. Wenn es der Willy gewesen wäre, dann hätten sie jetzt klönen können. Nicht so, wie es die Frauen tun, mit Wortschwällen. Sondern so, wie es unter Männern üblich ist. Hier und da ein Wort, und man weiß sofort, wo der andere sich in Gedanken aufhält. Willy hätte das mit dem Eisfischen verstanden. Aber Willy ist schon weg. Pensioniert. Gondelt jetzt mit einem Wohnmobil am Darss herum oder sonst wo.

„Haste mal ne Fluppe?“, fragt Irmela. Er windet sich innerlich. Der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache ist ihm ein Anliegen. Aber er langt gehorsam in die Uniformjacke und bietet ihr seine Schachtel Marlboro an. Man weiß schließlich, was sich einer Dame gegenüber gehört. Aber seine Abneigung gegen seine Streifengefährtin wächst. Er denkt flüchtig an Franka, flüchtig an Hanne, flüchtig an Brigitte. Sie alle hatten dem Polizeidienst Adieu gesagt, Gott Lob. Sind einfach nicht brauchbar gewesen für die harte Arbeit an Recht und Gesetz. Haben mehr Schaden als Nutzen verursacht.

Irmela raucht – das gefällt Karo nicht (*)

Plötzlich bleibt er stehen. Da vorne ist etwas nicht so, wie es sein sollte, das spürt er, das hat er im Urin. Sein Herz tut einen Sprung. Hier wird er gebraucht. Fünf Jugendliche bilden einen Pulk auf dem Gehsteig, laute Worte sind zu hören, Hilferufe.

„Los“, ruft er Irmela zu und setzt sich in Bewegung. Als er näher kommt, sieht er, was sich in der Mitte der Menschen befindet: ein hilfloser Rollstuhlfahrer, der wild mit den Armen gestikuliert, während die jungen Männer sein Gefährt zum Schaukeln bringen.

„Hände weg!“, brüllt er und fasst nach seinem Schlagstock.

Die Jungen sehen auf, lassen sich aber nicht stören.

„Was willste, Bulle?“, zischt einer von ihnen.

Das kommt ihm gerade recht. Er packt ihn am Schlafittchen und zieht ihn zu sich her:“ Hast du etwas gesagt?“

„Bulle!“, spuckt der aus und entwindet sich seinen Händen. Die anderen rühren sich nicht. Fünf zu eins, das sieht nicht gut aus. Wo ist Irmela?

Der angegriffene Rollstuhlfahrer wimmert. Wie kann man derart über Schwache herfallen? Er spürt, wie der alt vertraute Zorn in ihm aufzuwallen beginnt.

Er setzt nach und ergreift den Burschen erneut am Kragen. Die andern vier stehen dabei und rühren sich nicht. Ihm kommt die ganze Szene wie eingefroren vor: Karos erzürnter Blick und die aggressiven eiskalten Augen seines Gegenübers. Er zieht dessen Gesicht ganz nah zu sich heran. Nur kein Zögern zulassen jetzt. Der andere zuckt nicht mit der Wimper, sondern starrt nur ausdruckslos zurück.

Immer auf die Schwächsten … wie die Welt verroht! (*)

Wo ist, verdammt noch einmal, Irmela?

Er muss jetzt handeln. Er holt kurz mit dem Kopf aus und lässt mit Schwung seine Stirn gegen die des jungen Mannes knallen. Was Zidane kann, kann er auch. Der Überraschte ist nicht ausgewichen, so dass es zu einem herzhaften Zusammenprall kommt. Der Junge sackt in die Knie und sinkt zu Boden. Dort liegt er ohnmächtig und wie tot. Die anderen vier glotzen.

„Der Irre hat ihn umgebracht!“, schreit derjenige, der sich zuerst gefasst hat und sie drehen sich um und türmen. Lassen ihren Kameraden im Stich! Der Rollstuhlfahrer bekommt vor Aufregung einen Schluckauf.

Karo fasst sich augenblicklich und geht auf den Rollstuhlfahrer zu, um ihn zu beruhigen. Doch der zuckt ängstlich zurück, als erwarte auch er einen Schlag.

Der Junge auf dem Pflaster rührt sich immer noch nicht. Das dauert aber lange, bis der zurückkommt in die wirkliche Welt, denkt der Polizeiwachtmeister erstaunt und geht ächzend in die Knie. Er wird doch nicht …? Ist er unglücklich auf den Hinterkopf gefallen? Atmet er noch? Jetzt bekommt es Karo plötzlich mit der Angst. Es wird doch nicht, so kurz vor der verdienten Pensionierung, ein Unglück gegeben haben?

Es gibt ja Angstträume, in denen so etwas vorkommt, jeder Streifenpolizist kennt sie: Ein Delinquent wird gestellt, er wendet aus Notwehr Gewalt an, der Böse kommt zu Schaden, und ihm, dem Verteidiger des Rechts, wird der Prozess gemacht. Entsetzt beugt er sich über den Oberkörper des Jungen und legt sein Ohr an die Brust des Ohnmächtigen. Und diese Irmela steht dabei, als ginge sie das alles nichts an.

Leichenblass, aber sie beobachtet ihn.

Ups, und jetzt? Was tun? (*)

Zum Glück schlägt das Herz des Opfers laut und vernehmlich und nach ein paar Minuten kommt er wieder zu sich. Aber Karo ist inzwischen der Schweiß ausgebrochen. Sein Herz tut weh wie nie – nicht, weil er Gewalt angewendet hat, das war notwendig gewesen, aber weil er sich auf diese Irmela nicht hätte verlassen können, wenn es zum Schlimmsten gekommen wäre. Diese jungen Burschen können ja kalt wie Hundeschnauze sein, aber dennoch einen Herzfehler haben. Ein Blutgerinsel kann im Kopf entstehen, eine Schlagader abreißen, oder was sonst noch alles möglich ist. Sport treibt ja auch keiner mehr, heutzutage. Die jungen Kerle hängen in den Spielhallen vor den PCs und fühlen sich hernach, wenn sie auf die Straße treten, stark und unbesiegbar. Und halten doch in Wirklichkeit überhaupt nichts aus. Wie auch immer, der Kerl hätte tot sein können und er wäre schuld gewesen.

Unverhältnismäßigkeit der Mittel, oder wie immer das die Rechtsverdreher nennen würden. Auf die Zeugenaussage Irmelas jedenfalls kann er sich nicht verlassen. Der alte Kodex, der zwischen Polizeibeamten immer gegolten hat, ist spätestens seit dem Erscheinen der Frauen bei der Polizei außer Kraft. Natürlich wird sie ihn, wenn der Junge sich aufrappeln und weggelaufen  wird, zur Rede stellen. Auf diese freche, schnippische Art, die immer sein Blut in Wallung bringt. Was weiß so eine junge Frau von der Welt? Dieser da würde jedenfalls so schnell nicht wieder an den Rollstuhl unbescholtener Bürger gehen, das ist gewiss. Und das ist es doch, was zählt, oder?

Es kommt jetzt alles darauf an, was Irmela sagt.

Wenn sie versteht, ist alles gut, wenn nicht, kommt sie zu den Fischen. Wie die anderen drei. Was dem Thüringer die Rostbratwurst, ist dem Fisch das Weiberfleisch. So ist das nun mal in seiner Welt: Nur die Starken überleben. Und die Guten.

Da drunten sind die Fische…und die andern drei…(*)

Bild(er) von unsplash (*) oder wikimedia commons (**) oder selbst geschossen (***) oder auch vom useum (****). Danke vielmals!

Wir sammeln alle Geschichten und Foto-Erzählungen auf einer Seite.

Die Natur ist schön? Dann rasch hin zu unseren 4 Jahreszeiten!

One response

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.