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Oder Das Dorf der Toten Seelen

Walt und Emma waren die ersten. Dann kamen Sören und Finja, aus Schweden. Und schließlich Mara und Max, aus Sibelding, bei Neu-Ulm.

„Wisst ihr eigentlich, was der alte Ortsname bedeutet?“, hatte Sören gesagt, der sich für Geschichte und Sprachen interessierte und ein humanistisches Gymnasium in Uppsala besucht hatte. Man sprach ein Gemisch aus Englisch, Deutsch und Italienisch und zur Verblüffung aller funktionierte das ganz gut.

No“, sagte Emma. „Aber du wirst uns sicher gleich erleuchten.“

Sie saßen bei den Engländern im Garten unter dem lichten Schatten eines Olivenbaums und tranken Bier aus eisgekühlten Dosen.

„Dieser Frieden hier“, sagte Mara. Das sagte sie immer, wenn ihr eine Gesprächspause zu lang wurde. Das war fast so wie das intervallartig auftauchende „Uns geht’s ja noch gold“ bei Tadellöser & Wolff, dem großen Roman von Kempowski, den Max einfach immer wieder lesen konnte. Behauptete er jedenfalls.

gedeckter Tisch
Endlich Ferien! (*)

„Animimorti“, sagte Sören mit fester Stimme, der man eine gewisse Willenskraft anhören konnte, weil er schon bei seiner dritten Dose war und allmählich langsam im Zungenschlag.

„Das heißt doch „tot“, nicht wahr, und „Seelen“, weil es eine Pluralendung hat- animus, animi. Also wohnen wir im Dorf der toten Seelen. Das wurde so getauft, habe ich nachgelesen, weil es hier 246 vor Christus eine Schlacht gegeben hat. Etrusker gegen Römer, schätze ich.“

Indeed, aha“, machte Walt.

Alle im Garten sahen sich um und versuchten, sich so eine Schlacht vorzustellen. Die Römer hatten, so dachte es sich Finja, goldglänzende Helme mit Schweifen darauf und Schilde und Sandalen. Und die Etrusker  sahen aus wie Neandertaler, mit fliehenden Stirnen, zotteligen Haaren und affenartig langen Armen (Max). Sie schwangen Keulen (Mara), riefen heidnische etruskische Flüche (Mara und Max simultan). Es war doch immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Vorstellungswelten langjähriger Paare glichen.

Steinskulptur eines Bauern
Sehen Etrusker etwa so aus? (*)

Emma, Walt und Sören hatten weniger an die Kämpfer, sondern mehr an die örtlichen Gegebenheiten gedacht.

Das Dorf lag am Berg, an einem sehr,  sehr steilen Hang, war rechts und links – oder östlich und westlich, wie der ehemalige Geografielehrer Max sagen würde – und unterhalb, beziehungsweise im Süden, von  Olivenhainen umgeben, im Rücken allerdings hatte es den nackten gelblichen Fels. Es bestand aus sieben, acht, neun, zehn – wer hatte sich eigentlich die Mühe gemacht, sie zu zählen? – verfallenen Gebäuden aus Stein. Alle waren rechteckig, erstaunlich hoch, besaßen einen gestampften Lehmboden und dicke Mauern, deren Natursteine mit Erde und schwarzem Schlamm vermörtelt worden waren. Bei manchen Häusern waren Jahreszahlen in die Türbogen geritzt, 1750 (Walt und Emma) oder 1773 (Sören und Finja). Das Dorf war schon vor Generationen verlassen worden.

„Wüst gefallen“, nannte das Max, weil es die Geographen so nannten in ihren wissenschaftlichen Werken. Alle nahmen an, es handle sich bei dem Dorf um eine Art Alm, die nur saisonal bewohnt worden war.

Walt und Emma hatten Animimorti zuerst auf einer Urlaubsreise in die Toskana entdeckt, waren in den beiden  Jahren darauf wieder gekommen und hatten drei Jahre später beschlossen, sich eine Hütte als Feriendomizil herzurichten. Und dann hatten die anderen die gleiche Idee und so war es gekommen, dass man …

Sie hatten sogar eine neue toskanisch-internationale Tradition entwickelt: gemauerte Schranknischen, die außen an den Häusern saßen, damit die Luft in ihnen zirkulieren konnte und die Gegenstände darin im Frühjahr darauf nicht verschimmelt waren.

Das Mittelgebiet sei eben ein Winterregengebiet, sagte Max immer.

antike Ausgrabungsstätte
Wunderbares, antikes Mittelitalien (*)

Hundegebell durchbrach die Idylle. Böses, aggressives Hundegebell.

Terrible“, sagte Emma. Alle nickten. Walt schlug nach einem Moskito, so heftig, dass die anderen erschraken. Die Schatten der Olivenbäume wurden länger, die Sonne war im Begriff, messingrot im thyrrenischen Meer unterzutauchen.

„Fledermäuse“, sagte Mara träumerisch. „Sie fressen die Moskitos, wir sollten welche anlocken…natürliche, biologische Waffen…oder so…“.

„Vampire“, sagte Emma voller Ingrimm. „Vampire sollten wir haben, tote Seelen, haha, die könnten dieses Gesocks aussaufen, dogs and all.“

Walt ächzte wie er immer ächzte, wenn seine Frau auf ihre Lieblingslektüre zu sprechen kam.

Alle nickten. Nahezu dreißig Jahre war alles gutgegangen. Walt und Emma, Sören und Finja, Mara und Max hatten Animimorti als junge Paare entdeckt und waren Sommer für Sommer in seinen besonnten Mauern älter geworden. Ihre Kinder hatten hier gespielt, hatten sich in den Außenschränken versteckt, das Pinkeln im Stehen erlernt (die Jungen), das Schwimmen (Jungen und Mädchen), das Tauchen, das Flirten, hatten ihre Freunde und Freundinnen hier geküsst und alle, alle hatten Animimorti ein Paradies genannt. Und selbst die italienischen Steuerbehörden hatten mitgespielt und nach fünfzehn Jahren Inbesitznahme endlich Bescheide geschickt.

Und dann war der erste Hund gekommen.

ein eiförmiger verbeulter Wohnwagen
Hm, was ist das? (*)

Den hatte man noch toleriert, denn er erschien in Begleitung einer hübschen, wenn auch etwas aufgedunsenen jungen Frau.  Der Aussprache nach war sie Amerikanerin, und sie besaß einen eiförmigen  Wohnwagen, den sie an die schattige Stelle setzte, an der Sören immer sein Auto parkte. Das hatte ihm zwar nicht gefallen, aber schließlich gehörte ihm diese Stelle nicht, jeder durfte dort seinen Wohnwagen hinstellen, jeder.

Man versuchte, Kontakt mit ihr zu bekommen, aber sie verhielt sich einsilbig. Sie fütterte ihren Hund, einen rassigen Jagdhund, gefleckt, mit schmaler Schnauze und geschmeidigem Gang. Sie hielt sich immer im Camper auf, man wusste nicht, was sie dort trieb; vielleicht verschlief sie die heißen Tage. Nachts sah man lange Licht in den verhängten Fenstern, aber vernahm keine Stimmen, keine Musik, noch nicht einmal ein kleines Schnarchen. Anfangs fragte man sich, ob sie wohl je hinunter zum Strand ginge, aber keiner hatte sie je dort gesehen und bald vergaß man sie. Natürlich hoffte man, dass sie die Einsamkeit hier oben in Animimorti bald leid sein würde und mit ihrem verbeulten Wohnwagen samt ihrem klapperigen Peugeot  wieder abzöge. Niemand blieb den Winter über dort, es wurde ab Oktober kalt und nass. Und eklig neblig, wie Walt nie hinzuzufügen vergaß, der einmal bis in den November hinein da geblieben war, einer größeren Ehekrise wegen.

Im nächsten Jahr war der Wohnwagen immer noch da, verlassen, mit platten Reifen und zersprungener  Frontscheibe und Türen, die schief und halbgeöffnet in den Angeln hingen. Der Peugeot war weg.

„Gottseidank!“, rief Mara, als sie im Mai die Serpentinen hinauffuhren, den Mercedes voll mit deutschem Schwarzbrot, Schwarzwälder Schinken, Ulmer Goldochsenbier und Allgäuer Butter. „Sie ist weg.“

„Aber den Schrott einfach stehenzulassen!“, antwortete Max missbilligend. „Keine Kinderstube, das habe ich ja gleich gesagt.“

„Die Amis sind eben nicht so umweltbewusst wie wir“, sagte Mara besänftigend. „Den entsorgen wir, Hauptsache, sie ist weg. Ich hatte immer ein bisschen Angst vor dem Hund.“

Einen Tag später kamen Walt und Emma, und nur Stunden danach – es war unglaublich, wie die lebendigen Seelen der Dorfbewohner international zusammenspielten – die Schweden. Im Schlepptau Klein-Ole, den jüngsten Enkel. Mara deckte die Empfangstafel im Haus, denn es war abends noch kühl, Max grillte draußen.

Frau, die Sonne anbetend
Dieser Frieden hier! (*)

„Dieser Frieden hier“, sagte Mara, als alle Teller mit einem grillgestreiften Stück deutscher Lebenskraft gefüllt waren.

In die Stille, die hierauf entstand, glucksend und saftig wie das Fleisch auf Tellern und das Bier in den Mägen, bellte ein Hund. Und ein zweiter antwortete. Beide klangen böse. Sehr böse. Und dann wimmerte etwas hoch und hysterisch.

Die Tafelrunde erstarrte.

„Sakrament!“, zischte Max. Das war ein bayerisch-schwäbischer Fluch oder auch vielleicht auch ein toskanischer. „Die hat den Hund hiergelassen!“

„Und der hat sich einen einheimischen Partner gesucht…“.

Man aß weiter, aber das Fleisch war eigentlich zu dunkel geworden, das Bier noch zu warm und die Kartoffeln waren etwas wässrig. Man trennte sich früh, die Neuankömmlinge waren müde von der langen Fahrt. Die Männer schliefen tief und fest und machten dabei Armbewegungen, als ob sie Lenkräder bedienten, aber die Frauen schliefen unruhig und träumten von einer chinesischen Feuerwerksfabrik (Emma), einem Autorennen in Monza (Finja) und einer lauten Schiffsmaschine irgendwo auf dem Mittelmeer (Mara).

Am nächsten Morgen entdeckten sie das Ausmaß des Angriffs. Zunächst akustisch. Ein lautes Knattern zerstörte die dreißigjährige Stille und den dreißigjährigen Frieden.

„Was kann das sein?“

„Keine Ahnung.“

„Lasst uns nachsehen!“

„Aber alle kommen mit“, sagte Sören unschwedisch autoritär.  Obwohl Walt sein bekanntes, gespieltes Protest-Ächzen hören ließ, gehorchten sie, brachen auf, folgten dem unerklärlichen Rattern. Weit brauchten sie nicht zu gehen, nur um die Felsnase. Die Amerikanerin hatte sich eines der verfallenen Häuser hergerichtet und an der Hauswand eine Klimaanlage und auf dem Dach eine rostige Satellitenschüssel montiert. Beides sah aus, als habe sie es in einem Sperrmülllager – gab es die überhaupt in Italien? – entwendet.

alter Air Condition Apparat
air condition (*)

Apropos Sperrmüll – rund um das Haus lagen unzählige Dinge, die nur eines gemeinsam hatten: Sie waren unsagbar hässlich. Ein Tisch mit drei Beinen, ein Rattansessel, der von Mäusen angenagt schien, ein Porzellanklo mit Sprüngen, verdreckte Teppichstücke, zertrümmerte Töpfe. Schuhe. Und was das Allerschlimmste war: Um das Haus herum war ein Zwinger errichtet worden, in dem nicht weniger als fünf – Sören zählte sorgfältig und mit gerunzelter Stirn – Hunde lagerten, kauerten oder raubtierhaft mit schlagendem Schwanz hin- und her tigerten.

Als die sechs Dorfbewohner sich näherten, brachen sie in heftiges  Gebell aus und warfen sich gegen die schütteren Zwingerwände, so dass Mara aufschrie. Sofort öffnete sich die Haustür und ein junger Mann mit Zopf und einem deutlich sichtbaren Hängebauch über der zerfransten Hose trat heraus. Er brüllte die Hunde an, die nach und nach ruhig wurden. Er würdigte die Dorfbewohner keines Blickes und verschwand wieder im Haus.

Hunde hinter Gittern
Sind die gefährlich? (*)

„Mein Gott!“, sagten Sören und Finja wie aus einem Mund, obwohl sie bekennende Agnostiker waren. „White trash“, sagte Walt und spuckte auf den Boden. Mara wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und Max fluchte wieder, stärkeren Tobak diesmal, der hier nicht wiedergegeben werden soll. Emma sagte gar nichts. Sie konnte es nicht leiden, wenn Walt spuckte. Das war primitiv, fand sie.

Sie drehten sich um und gingen nach Hause, jeder in seines. Die Klimaanlage ratterte und die Felswand warf das Geräusch in das Dorf wie ein Fischer sein Netz über einen Schwarm. Walt stieg mit der Leiter auf sein Hausdach und besah sich die Katastrophe von oben. Den Müll, die Hunde, den Zwinger, die rostige Schüssel und den riesigen Air-Condition-Kasten.

Konnte man an den Bürgermeister schreiben? Gab es überhaupt einen, der zuständig war für Animimorti? Sie hatten sich ihr Wasser  von einer Quelle weiter oben in die Häuser geleitet, hatten Sickergruben angelegt und kochten mit Flaschengas. Vorhanden gewesen war nur die Elektrizität, die jetzt solch unerträglichen Geräuschmüll zeitigte. Walt schüttelte den Kopf. No, no, never, so konnte es wirklich nicht bleiben.

Die nächste Nacht wurde fürchterlich. Die Klimamaschine sprang gegen fünf Uhr an und just zur gleichen Zeit musste ein Hund den Zwinger gesprengt haben, denn die Amerikaner brüllten schrille Kommandos in die schwarze mondlose Nacht hinein. Alle wachten auf und lauschten. Man hörte Hundepfoten über Steine flutschen, Menschen rennen, eine Frauenstimme sich überschlagend kreischen, klatschen und knallen und schlagen und krachen. An Schlaf war nicht zu denken.

An diesem Tag blieb jedes Paar für sich. Die alteingesessenen Animimortis standen unter Schock. In der Casa Americana schliefen sie und auch die Hunde – jetzt waren es wieder fünf, Finja schlich hin und zählte nach –  dösten erschöpft im Schatten. Hin und wieder öffnete sich die Haustür und ein Arm mit einer Hand daran warf rohes Fleisch hinter die Gitter, worauf ein rasch ersterbendes Wimmern und Knurren entstand.

Schrott und Müll
Schrott und Müll (*)

„Rattengift?“, sagte Walt am Abend.

„Schrot?“, sagte Sören.

„Ein Messer“, sagte Mara böse.

„Dynamit“, sagte Max.

„Pfefferspray“, sagte Finja.

„Aber davon gehen sie ja nicht tot“, widersprach Mara.

Finja nickte. Man könne es vorhalten, meinte sie vernünftig, bis man einen guten Plan gefasst habe. Nur so zum Schutz. Es sei ja nur eine Frage der Zeit, bis einer der vierbeinigen Ausreißer auf dem eigenen Grundstück erschiene, während man ahnungslos in perfekter Opferhaltung im Liegestuhl lag und las. Mara fasste sich erschrocken an die Kehle.

zähnefletscher Hund
uah! Angst! (*)

Fortan konnte sich Mara nicht mehr entspannen im eigenen Garten und selbst der mutige MaxSörenWalt sah sich um, bevor er sich auf den Weg zum einige Schritte entfernten WC-Haus machte. No, no, Walt hatte recht, so konnte es wirklich nicht bleiben. Man musste an Baby Oles Sicherheit denken. In jedem Land Europas waren schon Kleinkinder durch Hundebisse ums Leben gekommen. Und fast jede Nacht gab es nun Radau, vom unmenschlichen Dauerrattern ganz abgesehen.

Man fuhr nach Siena und beschaffte sich Pfefferspray und nach einigem Drucksen auch Rattengift. Eine riesige Portion. Proportional korrekt in Bezug auf die Größe der zu beseitigenden Tiere. Die Hunde – was für Sorten waren das eigentlich? – gingen ihren Besitzern mindestens bis zur Taille: Eins (Ratte) zu Fünfzehn (Hund)? Oder gar zu Dreißig? Und alles multipliziert mit Fünf?

„Zuerst müssen wir mit ihnen reden“, schlug Sören vor. „Walt, das machst du. Die Staaten waren doch mal englisch, oder etwa nicht? Vergeltung für die Boston Tea Party, Kumpel!“

Walt erklärte sich heroisch bereit und in drei Häusern wurde der Atem angehalten, während er in kolonialen Abmahnungen unterwegs war. Es half nichts. Er hatte vor der Tür gerufen, der Mann war erschienen, hatte unter ohrenbetäubendem Hundegebell Unverständliches, aber Ärgerliches gerufen und die Tür wieder zugeknallt. Im Hintergrund der Hütte war die Frau zu sehen gewesen. Dies nahm besonders Mara erleichtert zur Kenntnis, denn sie hatte schon befürchtet, sie sei womöglich verfüttert worden. Seit Tagen nämlich wunderten sie die Dorfbewohner darüber, auf welche Weise der Amerikaner sich die rohen Fleischlappen beschaffen mochte. Der Wohnwagen war schließlich nicht fahrtüchtig. Und die Frau niemals zu sehen.

Dies Geheimnis sollte ein paar Tage später gelüftet werden. Zwischen Zwinger und Haus befand sich eine Nische, in der ein Motorrad schattig stand. Komisch, dass man es nie fahrend beobachtet hatte, fand Finja, beschwichtigte aber seltsame Gedanken damit, dass die Klimaanlage sowieso jedes Motorradgeräusch übertönt hätte. In den folgenden Nächten war es ruhig und man war dabei, unter dem Duft der Glyzinien, dem Violett der Bougainvilleén und der immer dichteren Sonnenglut die ganze Sache milder zu beurteilen. Man mochte die Amerikaner nicht, no, nein, net, aber man war tolerant. Man würde es aussitzen müssen, nicht wahr? Irgendwann würde sich das Problem von selber lösen. Der kauzige Schweizer damals vor fünfzehn Jahren war auch von selbst gegangen.

Hund und Motorrad
Na, bewachst du das Motorrad? (*)

Dann kam die Vollmondnacht. In der die Amerikaner auf einem wackeligen Dreibein draußen grillten. Die Tiere, die wegen des Mondes sowieso unruhig waren, rochen den zischend verbrennenden Fleischsaft und drehten durch. Das Gebell suchte Animimorti heim wie ein gewaltiger Gewittersturm, den ein zorniger Jupiter vom Berg herab gesandt haben musste. Wilde Hunde in den unbegehbaren toskanischen Schluchten antworteten mit Geheul. Es kam langsam näher.

Die Bewohner flüchteten sich in die Häuser, Mara schloss sogar ab.

Klein-Ole brüllte.

Man duckte sich, umklammerte das Pfefferspray und fürchtete um sein Leben. Über Stunden flitzten Hunde um die Hausecken, trafen sich und gingen einander an die Gurgel oder anderswohin, knurrten und jaulten, ob aus Schmerz oder Vergnügen, wer wusste das? Es schienen auf einmal Hunderte zu sein… wahre Höllenhunde.

Vollmond!
Vollmond! (*)

„Das Rattengift!“, sagte Walt am nächsten Morgen.

Alle stimmten zu. Es gab keine andere Lösung. Man würde die braunen Brocken in Mengen über den Zwingerzaun werfen, in der Nacht, und sehen, was passierte. Der Verkäufer hatte nicht gewusst, ob das Gift auch bei großen Hunden wirken würde, glaubte es aber. Die Substanz verdünnte das Blut – wenn sich die Hunde wieder gegenseitig unterm Vollmond an die Gurgel gingen, durfte man hoffen, dass die Wunden bis zum Morgen … es war tatsächlich fast ein bisschen wie bei Vampiren, dachte Emma, die alle Biss-Romane verschlungen hatte. Man loste unter den Männern aus – Klein-Ole natürlich ausgenommen – wer der Überbringer der grausamen Fracht sein würde: Max zog das kürzeste Streichholz.

„Du, natürlich wieder“, sagte Mara, küsste ihn aber innig vor dem Gang, ganz so wie Andromache ihren Hektor vor der Schlacht. Wie Sören, der immer behauptete, die Ilias in Teilen im Original gelesen zu haben, düster anmerkte.

Den Inhalt dreier Schachteln mit brauen Brocken restlos über dem Zwingerzaun auskippen und wegrennen, war eins. Natürlich tobten die fünf Raubtiere, aber Max hatte ein „Miau, miau“ geprobt, und die Amerikaner, so schien es, kauften ihm das Fake (Emma) ab. Niemand erschien an Tür oder Fenster – vielleicht duschten sie ja auch gerade.

In dieser Nacht blieb alles still, obwohl der Mond so betörend schien wie zuvor. Von den sechs alteingesessenen  Animimortis plagten nur Finja Gewissensbisse, alle anderen baten ungerührt ihren Schöpfer, ein paar seiner weniger gelungenen Kreaturen zu sich zu nehmen. Hoffentlich fraßen sie alle Bröckchen auf, damit kein Verdacht auf die Täter fiel.

Als die Sonne am nächsten Morgen über den Berg kletterte, fand sie drei der Tiere tot, eines apathisch und das fünfte mit funkelnden Augen in eine Ecke gepresst. Womöglich – der Gedanke kam Max erst später – war sie die Mutter und die vier Welpen eines einzigen Wurfes. Konnten Hunde innerhalb eines Dreivierteljahres so groß werden? Wahrscheinlich schon. Fleisch war doch ein Stück Lebenskraft… War das Muttertier klüger gewesen als ihr Nachwuchs und hatte von der unbekannten Nahrung nicht genommen? Und die drei waren innerlich verblutet, wie der Drogist gesagt hatte, und das vierte rang mit dem Tod?

Emma beobachtete vom Dach aus, wie die Hundemutter dem gequälten vierten die Nüstern leckte und die Ohren und den After – vermutlich trat da das dünnflüssig gewordene Blut aus. Hoffentlich würde alles vorbei sein, wenn die Amerikaner erwachten. Wie gut, dass Hunde nicht reden konnten! Emma kämpfte nun doch gegen ein plötzlich in ihr aufquellendes Schuldgefühl an.

Bahngeleise
Il treno (*)

An diesem Tag frühstückten sie hastig und nahmen dann alle zusammen den Frühzug nach San Gimignano. Sie wollten auf keinen Fall anwesend sein, wenn das Amerikanerpärchen die Katastrophe entdeckte. Als sie abends zurückkamen, mit einem Druck im jeweiligen Magen, sahen sie sofort die ausgefahrene Reifenspur und die Erdklümpchen an der Schaufel, die an der Hauswand der Casa Americana lehnte. Der Zwinger war leer.

In der folgenden Nacht träumte Mara davon, wie ein hässlicher Motorradfreak  mit einer Hundeleiche quer über dem Benzintank sich knatternd durch die Serpentinen mühte, um irgendwo ein Stück Erde zu finden, das sich ausgraben ließ. Walt schlief mit dem Gedanken an ein loderndes Feuer ein und begriff spät in der Nacht, als der abnehmende Mond über sein Gesicht leckte und ihn weckte, dass er die beunruhigenden Bilder von brennenden Kuhkadavern auf dem Höhepunkt der BSE-Krise nicht vergessen hatte. Max wachte auf, weil er glaubte, ein dumpfes Plopp gehört zu haben. Der Traum, der mit diesem seltsamerweise grausigen Geräusch endete, hatte von einer Felsschlucht gehandelt, in die ein Wohnwagen gestürzt war. Sören träumte nichts, aber seine Frau sah ihn im Traum mit einem Motorrad am nächtlichen Strand mit Vollgas ins Meer hinaus fahren. Und Emma träumte von einer Hundegruft, die sie ganz allein zubetonieren musste.

Am Morgen weckte sie Hundegebell. Dünnes trauriges heiseres Bellen. Die einzige Überlebende des Massakers hatte im Haus schlafen dürfen und wurde nun herausgelassen. Ein Herz hatten sie also doch, diese Amis. Ob sie ahnten, dass es keine ansteckende Krankheit war, die ihre Lieblinge dahingerafft hatte? Sie sagten jedenfalls nichts, ließen sich wie immer nicht blicken.

Cinque, die Fünf(te),  – die Mörder hatten sie so getauft – hielt sich kurz im Zwinger auf, wurde aber nach kurzem Aufenthalt im Freien wieder ins Haus geholt. Man sah nur den tätowierten Arm des Mannes, der ihr winkte.

Kelinkind
Klein Ole (*)

„Ole!“, schrie Finja. „Was hast du da? Spuck das sofort aus!“

Klein Ole, blond wie seine beiden Eltern in Uppsala, saß auf der Steinterrasse der Casa Svenska und stopfte sich braune Bröckchen in den Mund. Er war in diesem Alter, in dem kleine Menschen die Welt mit dem Mund erfahren. Was hatte man ihm nicht schon alles aus den Zähnchen gepult: rostige Nägel, Kronkorken, Oleanderblüten, Schneckenhäuser. Man musste höllisch aufpassen, immer. Es gab Risiken, die Eltern eingehen mochten, aber es gab keine Risiken, die Großeltern erlaubt waren. In großelterlicher Obhut durfte einem Kleinkind nichts passieren, das war Gesetz.

Was fand Ole nur daran, Erde zu essen? Das hatte er schon öfter getan, das schien ihm zu schmecken. Oder, Moment mal, war das etwa getrockneter Tierkot? Es gab immer einmal wieder Ziegen, die glöckchenklingelnd über die Grundstücke zogen. Oder…? Finja stieß einen gellenden Schrei aus.

Sören rannte aus dem Haus, wo er altitalienische Verbformen konjugiert hatte. „Was ist los? Warum schreist du so? Ole? Willst du ihn umbringen, Weib?“

Seine Frau stand da, den kleinen Körper zwischen den braunen Knien eingeklemmt und versuchte, so schien es Sören jedenfalls, das Kind zu erwürgen. Sie fuhr mit einem Finger in seinem Rachen herum und schüttelte ihn gleichzeitig so heftig, dass seine weißblonden Locken hin- und her flogen.

„Rattengift“, flüsterte Finja heiser. „Ich glaube, er hat Rattengift geschluckt.“

„Bist du sicher?“ Sörens Herz war plötzlich eine Sonne geworden, ein heißer, heftiger Klumpen, auf dessen Rand kleine Eruptionen stattfanden. Er rang nach Luft, presste eine Hand auf die Brust und sank in die Knie. Er wollte protestieren. Konnte nichts tun. Nichts denken, nichts sagen.

„Bin ich nicht“, schrie Finja. „Es kann auch Erde sein. Mit Speichel vermengt sieht es anders aus. Aber wenn doch…? So hilf mir doch!“

Sören schüttelte den Kopf.

Ole erbrach sich jetzt gelblich.

Sören kippte auf die Seite.

Aber Max kam herbei gerannt. Gefolgt von Mara. Und Emma. Walt, der ein wenig zu dick war, kam auch, Sekunden später, mit dem Auto. Ein kluger, geistesgegenwärtiger Mann. Krankenversicherungsvertreter im wirklichen Leben. Gewesen.

Get in!“, brüllte er. „Sören, Finja, Ole. Und Emma, du auch. Vielleicht hat er einen Herzinfarkt.“

„Nein, vergiftet“, flüsterte Finja, als die Türen zugeschlagen waren.

Was? Um Himmels willen! Ich habe immer gedacht, ihr liebt euch! , flüsterte Walt sichtlich geschockt.  Finja erklärte hastig, was sich zugetragen hatte, unterbrochen von Klein Oles Würgehusten und Sörens Stöhnen. Emma hatte dem Schweden das Hemd aufgerissen und massierte seine magere Brust, wozu, das wusste nur sie allein.

„Magen auspumpen“, sagte Finja. „Spritze für Sören. Kammerflimmern.“ Sie sprach nur noch in Stichworten. „Genoveva Hospital. Hinter Kreisel. Links rum. Kreuzung. Schneller. Vielleicht doch Erde. Vorsicht, Radfahrer. Sicher ist sicher. Jon. Handy. Jetzt rechts. Ole, bitte, halte durch.“

Jon hieß ihr Sohn, Oles Vater. Walt nickte, während er um die Kurve schlingerte. „Hast du noch was von dieser Erde, die er gegessen hat?“, fragte er. Finja schlug sich mit der Hand vor die Stirn: „Nein, natürlich nicht. Das Ausgekotzte, ich Idiotin.“

„Egal“, sagte Walt und trat das Gaspedal durch.

„Nicht so schnell, ich will nicht sterben“, rief Emma vom Rücksitz.

„Ich auch nicht“, sagte Sören ohne Ton.

„Schneller“, sagte Finja kalt. Walt ächzte, dies eine Mal nicht in gespielter, sondern in echter Verzweiflung.

italienische Stadtansicht
Wo ist bloss das Hospedale? (*)

Der Arzt in der Krankenhausambulanz fand nichts. Weder Rattengift in Oles Magen, noch Anzeichen für einen Herzinfarkt in Sörens Brust. Er entließ sie mit Rezepten für harmlose Medikamente und ein pflanzliches Beruhigungspulver. Kindsvater Jon nahm die Telefonbotschaft gelassen auf, aber man hatte ihm wohlweislich auch nicht die ganze Geschichte erzählt.

Aber als sie die Serpentinen wieder hinauffuhren, ins nachtschwarze Animimorti, wussten sie plötzlich, dass der Krieg nun erklärt worden war. Es war unbegreiflich, aber in diesem ganz bestimmten Augenblick erkannten die drei Zurückgebliebenen in den Häusern und die Drei im Auto, dass nun alles, alles anders war.

Dreißig Jahre Frieden waren vorbei. Als sie einrollten ins Dorf, ließ  die Hündin Cinque ein tiefes, gutturales Grollen aus ihrer Kehle steigen, das sich in den Felswänden vervielfachte.

„Die toten Hundeseelen“, murmelte Max und auf Maras sonnengebräunten Armen stellten sich die kleinen feinen Härchen steil. In dieser Nacht schlief nur Klein Ole gut.

In der folgenden Woche ereigneten sich Dinge, die Mara als Nadelstiche klassifizierte: Badehandtücher verschwanden von der Leine, in Walts Garten brannte plötzlich trockener Reisig, bei den Schweden verstopfte das Klo, Sörens Auto sprang nicht an, die Hoflampe mit dem hübschen gelben Glas hatte plötzlich einen Sprung.

Es war nicht so, dass dies tatsächlich beunruhigende Vorkommnisse waren – der Wind konnte die Handtücher verweht haben, eine Glasscherbe konnte den Brand ausgelöst haben, Klein Ole konnte etwas ins Klo geworfen haben. Aber Walt hatte sich beim Löschen eine böse Brandblase zugezogen und Mara zögerte jetzt immer nachts vor dem Griff zum Lichtschalter und Emma trocknete ihre Höschen lieber drinnen und Finja ließ ihren Enkelsohn niemals mehr eine Sekunde aus den Augen. Was wahrhaft anstrengend war. Die Männer schwiegen dazu, aber sie ahnten, dass Frauen feinere Antennen besitzen, was Gefahren betrifft, und sie lachten sie nicht aus. Es war, als habe der Sommer plötzlich einen Stich ins Giftiggelbe bekommen… und als sei dies noch lange nicht alles.

Nur die Klimaanlage ratterte ungerührt weiter. Aber nun hatten die Ohren der drei Paare sozusagen ihre Unschuld verloren. Sie lauschten auf das Geräusch so wie früher die toskanischen Bauern auf das Schlagen der Kirchturmsuhr gelauscht haben mochten. Wenn sie dann endlich ansprang, die veraltete Apparatur der Air Condition, wehte ein Seufzer der Erleichterung durchs Dorf. Der nur kurz währte – wenn der Schmerz, den man gefürchtet hat, endlich eintritt, entspannt man für einen Augenblick -, danach spürt man ihn: Max bekam Kopfschmerzen davon und Finja Migräne, Walt bildete sich Tinnitus ein und Sören lief nur noch mit Wattebällchen in den Ohren herum, was dazu führte, dass er schlecht hörte, wenn seine Frau ihn um etwas bat. Emma beschrieb einen Eisenring, der sich vibrierend um ihre Stirn lege und Mara entwickelte ein nervöses Lidzucken, sobald der Kasten röhrte. Eine neuerliche Abordnung marschierte um die Felsnase, um die Amerikaner zu bitten, auf den Apparat zu verzichten oder ihn doch wenigstens zu dämmen. Diesmal traf es Emma und Mara.

Cinque fletschte die Zähne, als sie sich näherten. „Hello“, rief Emma und schwenkte eine Flasche Rosé. „Peace!

Die Haustür wurde von innen aufgerissen. Emma und Mara versuchten freundlich zu lächeln. Sie hatten  zuvor erwogen, eine mitleidsvolle Frage nach dem Verbleib der Hunde eins bis vier zu stellen, sich dann aber dagegen entschieden. Es war jetzt sowieso viel zu spät für einen Kondolenzbesuch. Die Frau erschien, mit ungepflegtem Haar, und in Shorts voller Löcher. Und, wie Mara und Emma entsetzt feststellen mussten, einer Menge Blutergüsse auf Oberschenkeln und Oberarmen. Sie sah verwahrlost aus und mehr als ein Jahr älter als im letzten Jahr.

What happened?“, fragte Emma. „Can we help?”

You of all people?”, entgegnete die Frau und fletschte die Zähne genauso wie Cinque. „Verpisst euch – sonst lass ich den Hund los!“

„Wir wollten doch nur…“, stotterte Mara, aber die Frau machte Anstalten, den Zwinger zu öffnen und den beiden blieb nichts weiter übrig, als die Beine in die Hand zu nehmen.

Hund mit aufgerissenerem Maul
Hilfe! (*)

„Schraubenzieher“, sagte Finja.

„Hammer“, sagte Sören. „Oder Säure“.

„Dynamit“, sagte Max.

„Aber nur, wenn sie weg sind“, sagte Emma. „Ich habe Angst vor ihnen, vor den Menschen und dem Hund. Die sind asozial. Denen ist alles egal. Er prügelt sie. Sie saufen. Sie sind unberechenbar.“ Das waren alles nur Spekulationen, geschlüpft aus einem Sack voller westeuropäischer Vorurteile. Alle wussten das. Und dennoch nickten sie.

„Wir müssen sie fortlocken“, schlug Mara vor.

„Und wie, bitte sehr?“, sagte ihr Mann. Seine Frau blieb die Antwort schuldig.

Danach gab es eine Hitzewelle, drei, vier Tage lang, so wie es in der Toskana im Hochsommer manchmal geschieht. Mensch und Tier rührte sich nicht, alles lag wie tot im glitzernden Licht des gnadenlosen Feuerballs am Bleihimmel. Die Dorfbewohner ruhten des Nachts in ihren Hängematten, weil es im Zimmer zu stickig zum Atmen war, Moskitonetze in die Olivenzweige gehängt. Sie lauschten der Klimaanalage und Neid quoll in ihnen empor wie glibberige Quallententakeln. Das Pack hatte es kühl, und sie mussten mit dem Collateralschaden dieser künstlichen Kühle leben wie die Knechte beim Bauern, die in der Scheune schliefen, während der Herr wohlig in Daunenfedern träumte.

Und dann geschah es, dass die Amerikaner das Motorrad hervorholten und umständlich bestiegen. Sechs Augenpaare folgten ihnen, als sie schwankend den Hang hinunterrollten, ohne Motor, vermutlich, um Benzin zu sparen.

„Endlich baden die mal“, sagte Finja.

„Eins, zwei, drei, los!“, sagte Sören. So war es abgesprochen. Max trug die Leiter, Walt den Werkzeugkasten, Sören unverständlicherweise eine Uhrmacherlupe. Die Frauen eine Plastikwanne mit Herz, Leber und Nieren. Und Kutteln. Sie fütterten Cinque, während die Männer an der Rückseite des Hauses die Leiter anlegten, hinaufstiegen und flüsternd am Air-Condition-Kasten laborierten.

„Sabotage!“, sagte Mara befriedigt.

Doch halt, war da nicht ein leises Summen in der Luft? Hornissen? Oder…? Finja sprang ein paar Meter die Dorfstraße hinunter, umrundete die Felsnase und tatsächlich – ein Staubwirbel in der Luft und ein Motorradgeräusch tiefer unten. Die Amerikaner auf dem Rückweg. Schon?

„Finito! Presto!“, brüllte Finja und die Männer und Frauen beeilten sich, eine unverdächtige Entfernung zwischen die Casa Americana und sich zu legen. Cinque wedelte mit dem Schwanz dazu. Die Leiter verschwand zwischen den Blättern, als das Pärchen abstieg, einen Sonnenbrand auf den feisten Schenkeln. Max humpelte in die Rosmarinbüsche. Er hatte sich beim hastigen Sprung von der Leiter den Knöchel verstaucht.

Leiter an hauswand
Hält die Leiter? (*)

In dieser Nacht gab es keinen Mond. Er war zwar da, wie alle Dorfbewohner wussten, aber nicht zu sehen: Neumond. Absolute Schwärze.  Die Nähe des Ozeans mit seiner lichtlosen Tiefe schluckte jegliches Hell. Man konnte, der Satz stimmte tatsächlich, dachte Mara, die Hand nicht vor den Augen sehen. Keine Klimaanlage, kein Rattern. Absolute Stille.

Nein, so war es eben nicht.

Nach langen Wochen gab es sie endlich wieder, die Geräusche der toskanischen Nacht. Den Ruf des Käuzchens. Das Schlagen von Schwingen. Das Rascheln des Laubes. Das Zischen eines kleinen Nagetiers. Das schläfrige Taubengurren. Das Wispern der Blätter. Das Klopfen einer Kaninchenpfote. Das Fallen von Feigen. Das Glucksen der Quelle. Der Ruf eines fernen Esels.  Zikadenflügelstreichen. Das  Atmen der Wildnis. Das Pulsieren des eigenen Blutes. Das Aufseufzen der Erde nach einem heißen Tag. Sie lagen in ihren Matten und lauschten beglückt. Und schliefen endlich, endlich ein.

Was schon einmal funktioniert hatte, würde wieder funktionieren, dachten sie.

Sie bestiegen frühmorgens Sörens und Maxens Auto, um zum Strand zu fahren. Wenn die Amis an das Reparieren ihrer Air Condition gingen, wollten sie nicht dabei sein. Weil alle so gut und so tief geschlafen hatten, waren sie erholt und fröhlich, sie kitzelten Klein Ole, Walt pfiff ein Seemannsliedchen und Max riss Italienerwitze. Plötzlich brach er ab, noch vor der Pointe: „Was zum Teufel macht der Sören da?“

Sörens blauer Saab flitzte um die Kurven wie Schumachers Ferrari. Staub spritzte. Steinchen sprangen hoch. Max in seinem Mercedes fiel zurück.

„Verdammt, er fährt viel zu schnell“, rief Mara. Im gleichen Augenblick raste Sörens Saab eine Serpentine weiter unten auf zwei Rädern um die Kurve.

„Irgendetwas stimmt mit seinen Bremsen nicht“, flüsterte Emma, die mit ihrem Mann auf der Rückbank saß. Der Saab schleuderte jetzt von einer Straßenseite auf die andere. Sören hatte die Kontrolle verloren. Das Auto würde in den Abgrund stürzen, viele, viele Meter tief, zwei schwedische Rentnerleben wären ausgelöscht. Mara auf dem Beifahrersitz schloss die Augen. Und riss sie wieder auf: Jon und Carlotta würden ihren einzigen Sohn verlieren, dachte sie und betete laut. Max fluchte. Walt schrie. Emma machte ihre Hosen nass. Der Saab hoppelte jetzt wie ein trunkenes Känguru über große Steine. Sören hatte ihn in eine Oliventerrasse gelenkt und musste mit großer Geschwindigkeit ein eingefallenes Mäuerchen passieren. Es gelang, der Saab wurde mit einem Schlag abgebremst und rollte langsamer weiter, bis ihn ein uralter Baum zum Stehen brachte. Mit eingedellter Schnauze. So, als wolle das Blech den Stamm umarmen.

„Die haben die Bremsschläuche durchgeschnitten“, sagte Walt.

„Das glaube ich nicht“, widersprach Finja. „Wann denn?“

„In der Nacht“, sagte Sören. „Als wir alle so tief geschlafen haben. Ich finde das seltsam – immer schlafen wir schlecht, nur diese eine Nacht nicht.“

„Weil die Klimaanlage endlich still war“, sagte Finja immer noch zitternd, aber schon wieder vernünftig. „Deshalb. So wollten wir es doch. Und wegen nichts anderem. Ich glaube, du siehst Gespenster.“

Sören schüttelte eigensinnig den Kopf: „Und die durchgeschnittenen Bremsschläuche? Und das Feuer damals? Das hätte leicht einen Waldbrand geben können, der uns alle vernichtet hätte. Glaubt mir, Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

„Quatsch“, sagte Finja grob. „Du liest zuviel Ibsen.“

„Lasst uns doch erst mal nachsehen“, sagte Max. „Wir brauchen Beweise, keine Vermutungen.“  Die Männer standen unschlüssig herum, weil keiner etwas von Autos verstand und niemand wusste, wo diese Bremsschläuche zu suchen wären. Einen technischen Apparat lahmzulegen war einfacher als einen Fehler im Bremsschlauch-System zu finden. Emma hängte ihre Hose in einen Baum und stieg hinter einem Busch in ein trockenes Bikinihöschen. Finja gab Klein Ole kalten Tee zu trinken. Mara bewegte die Lippen, vielleicht sprach sie ein unauffälliges Dankgebet.

„Wir brauchen eine Werkstatt“, sagte Sören schließlich. „Die müssen den Saab abschleppen und die können dann feststellen, ob… Aber ich sage euch, ich habe eigentlich keinen Zweifel…die sind gemeingefährlich.“

das Meer
il mare (*)

Die zweieinhalb Schweden quetschten sich in Maxens Auto und weiter ging es zum Strand. Man röstete in der Sonne, schwamm im blauen Meer, kuschelte sich in den warmen Sand, picknickte. Es war wie immer im Sommer, aber doch nicht wie sonst.

Der alttestamentarische Satz stand wie eine Luftdrucksäule über jedem Kopf: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Konnte das wahr sein? Wollten die Amerikaner sie vernichten, so wie sie deren Hunde getötet hatten? Vier Hunde waren gestorben, Mara machte sich lang im Wasser und tauchte, während sie diesen Gedanken weiterspann. Eine Hundeseele gegen … einen Anschlag auf Leib und Leben?

Uno: Walt hätte in Flammen aufgehen können. Seine buschigen Augenbrauen, seine gorillahafte Körperbehaarung waren eine echte Gefährdung. Und wo hatte es gebrannt? Nicht bei den Schweden, nicht bei den Deutschen.

Due: Der Giftanschlag auf Klein Ole.

Tre: Der fast-Herzinfarkt Sörens.

Quattro: Maxens Knöchel. Er hätte sich schließlich auch den Hals brechen können…! Und weil das alles nicht reichte: Der geplante Untergang aller Schweden im Auto.

Und was käme als nächstes?

Cinque?

Ein Anschlag auf die Engländer Emma und Walt. Und dann –  sie tauchte auf und schnappte nach Luft  – einer auf Max und Mara. Sie schüttelte sich die Wassertropfen aus dem Haar. Gespenster, hatte Finja gesagt. Mara glaubte an Gespenster. Jedenfalls beinahe. Aber sie hütete sich, ihre Überlegungen auch öffentlich zu machen. Nicht in praller Sonne am Strand! Sie würde abwarten, was passierte. Eine These und deren Verifizierung, so hätte ihr Mann gesagt. Dass ihm vermutlich aufgefallen wäre, dass die Reihenfolge auch eine andere sein konnte, daran dachte sie nicht.

Abends sahen sie die langen Schatten, die die beiden Gestalten auf dem Dach ihres Häuschens warfen. Sie mühten sich offensichtlich, das Aggregat wieder in Gang zu bringen. Es gelang ihnen nicht. Aber die Hitzewelle war endlich gebrochen und man konnte auch ohne Air Condition Ruhe finden. Sagten jedenfalls die Alteingesessenen zueinander.

Das Schicksal änderte die Reihenfolge nicht. Der nächste Anschlag folgte prompt.

Die Casa Inglese war an der Reihe. Walt und Emmas schliefen selig, als leise zischend Gas aus der Küchenflasche entwich, sanft und stetig die Treppe hinaufstieg und unter der Türritze des Schlafzimmers  hindurchkroch, das Doppelbett umwaberte und schließlich den Schlaf der Bewohner in eine Ohnmacht umwandelte. Sie wären hinübergeglitten, wäre nicht Mara gekommen, um zum Frühstück ihre frisch gekochte Brombeermarmelade zu offerieren. Sie schnupperte zuerst, dann begriff sie und dann raste sie nach oben. Riss das Fenster auf, ohrfeigte die Freunde und brüllte nach Max.

Cinque spürte die Panik in der Stimme und bellte wie wahnsinnig in ihrem Verschlag. Alle kamen, man legte die Engländer in fremde Betten und beriet sich. Nun, voller Angst um ihr eigenes Leben und das ihres Mannes, erklärte Mara ihren Verdacht.

2 Gasflaschen
Flaschengas ist so praktisch (*)

Man müsse zur Polizei gehen, sagte Finja. „Zu den Carabinieri. Subito.“

„Das meinst du doch nicht im Ernst?“, sagte Max. „Was haben wir denn schon an Beweisen?“

„Der Bremsschlauch war durchtrennt“, beharrte Mara.

„Aber in der Werkstatt haben sie gesagt, es könne auch ein Marder gewesen sein. Oder ein Siebenschläfer“, sagte Sören.

„Wir haben alle die Gasflaschen immer sorgfältig angeschlossen“, sagte Mara. „Dreißig Jahre lang ist nichts passiert.“

„Beim tausendsten Mal wird man nachlässig“, sagte Finja.

Sie hörten Schritte auf dem Kies. Und schwiegen. Sahen sich an. Mara duckte sich. Die Türklinke senkte sich. Finjas Herz ließ einen Taktschlag aus. Klein Ole nutzte den Moment, um einen Teller zu Boden zu werfen. Der Aufprall hörte sich an wie ein Schuss.

Draußen standen Walt und Emma, bleich unter ihrer Sommerbräune. „Wir haben alles mitangehört“, sagten sie. „Wir waren nicht nachlässig. Ganz sicher ist am Dichtungsring manipuliert worden. Bisher haben wir alle Glück gehabt. Jetzt hat das Schicksal seine Karten ausgereizt. Die nächsten kommen nicht mehr davon.“

Mara und Max duckten sich unwillkürlich. So muss es sein, dachte Mara, wenn einer über mein Grab geht. Das spürt man dann. Sie hatte sich ihr Grab immer in Bayerisch-Schwaben vorgestellt und nicht in Italien. Dort bauten sie kleine Totenstädte aus Beton, weit entfernt vom Dorf. Apropos, wo war eigentlich der Friedhof von Animimorti? Warum gab es keinen? Warum war ihnen allen das nie aufgefallen? Ruhten die Seelen der Einwohner nicht, sondern trieben sich herum?

„Alsdann“, sagte Max. „Es ist entschieden. Wir helfen uns selbst. Vorschläge, wie und wann, bitte heute Abend, zwanzig Uhr. Bei uns. Ich mache Kaninchen mit Oliven, Rosmarino und Kartoffeln. Das mögt ihr doch alle.“

So geschah es. Sie erörterten Einiges. Den Ausschlag gab schließlich das Argument, dass die beiden herumvagabundierende Aussteiger sein mussten. Ohne festen Wohnsitz, ohne irgendwo gemeldet zu sein. Sie hatten nie Besuch empfangen. Vermutlich wusste niemand, wo sie sich aufhielten. Möglicherweise, ja, ziemlich sicher sogar, hatten sie etwas auf dem Kerbholz und versteckten sich vor dem Gesetz. Keiner würde sie vermissen.  Wenn niemand je die Leichen fand, würden die Angehörigen, sofern es welche gab, nicht annehmen, dass ihre Lieben nicht mehr am Leben wären. Nachforschungen würden nicht angestellt. Die Ausweise, so sie denn welche fanden, mussten verbrannt werden. Jeder legte einen Schwur ab, bis in alle Ewigkeit zu schweigen. Und jeder  – bis auf Klein Ole – musste sich verpflichten, seinen Anteil an der Unternehmung abzuleisten.

gedeckter Esstisch
mangiare, mangiare (*)

„Eine Art Arbeitsdienst“, sagte Mara.

„Nachhaltige Notwehr“, sagte Walt.

„Ein Opfer“, sagte Sören. „Zwei Menschenopfer, um vier tote Hundeseelen zu besänftigen.“

„Voodoo“,  sagte Emma.“Auf Toskanisch.“

„Mord“, sagte Finja.

Mauer
hramloses Mauerwerk (*)

Alles geschah wie geplant. Es war nicht schwer. Sie kannten sich ja aus. Einen Naturstein-Außenschrank an die Casa Americana anfügen. Ohne Holztür, dieses Mal, sondern glatt zugemauert. Damit die verwilderten Hunde nicht daran kämen. Aber mit garantierter Luftzirkulation. Ein paar Spuren beseitigen. Ein kleines Feuerchen, auf dem Plastikkarten zerschmolzen.

Als es vorbei war, rollten drei Autos die Serpentinen hinab. Die Insassen warfen keinen Blick zurück auf das stille Dorf, die Zypressen, den steilen Fels, die zunehmende Mondsichel dahinter. Animimorti. Ein wüstfallendes Dorf in den finsteren Bergen der Toskana. Sie würden niemals wieder dorthin zurückkehren. Aber die ganze Nacht durchfahren.

Das einzige, was sie mitnahmen, war Cinque. Die prompt auf die Autopolster kotzte.

ein Hund mit treuen Augen
Cinque (*)

Die prompt auf die Autopolster kotzte.

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