Erlebnisse mit Tieren: Mein Galopp-Trauma

Unsere Fragerunde zu Tieren hat Susanne Stukenberg inspirieren können: Sie schickte uns zu diesem Thema folgenden Beitrag:

Mein Galopp-Trauma

Ich liebe Pferde! Alle Rassen und bin ein Verfechter von Horsemanship. Was bedeutet, dass die Pferde freiwillig mit dem Menschen arbeiten, mit Motivation lernen, nicht mit Druck & Gewalt. Pferdetechnisch groß geworden bin ich mit Islandpferden. Eine gute Schule, diese Rasse ist sehr selbstbewußt aber ehrlich allem voran.

Auf einer Tangoreise, die ich selbst mit Kollegen in Tunesien und in einem Resort in Hammamet organisiert habe, habe ich mir ein Reit-/Galopptrauma zugezogen. In einem sogenannten „Touristikreitbetrieb“ eines großen Hotels. Die 14jährige Teenagetochter eines Reiseteilnehmers hat diesen Stall ausfindig gemacht und die Reitbegeisterten der Gruppe für einen Strandritt in unserer Gruppe aquiriert. Ich hatte zu Beginn ein ungutes Gefühl. Warum: ich kenne diese Touristengruppen, die regelmäßig am Strand entlang zuckeln. Sehe die abgestumpften Pferde, die sich ausgeschaltet haben um die Schmerzen nicht zu spüren. Zugefügt von den touristischen Reitern, oft mit Übergewicht, durch scharfe Gebisse, die nur in die Hände von Profis gehören, oft in schlechtem Gesundheitszustand. Diese Pferde sind meistens tunesische Berber, eine Rasse die in Europa heißbegehrt ist aufgrund ihrer Eigenschaften, wie Mut, Charakterstärke und Genügsamkeit. So ein Pferd kostet in Europa ab 5stelligen Summen mit Papieren / Stammbaum.

Zurück zum Ritt: mein Pferd stand am Nachmittag noch gesattelt und getrenst vom Vormittagsritt in seiner Box als wir um 16 Uhr mit der Gruppe am Reitstall hinter dem Hotel eintrafen. Ich bekam Bauchschmerzen. Wollte nur noch weg. Aber…ich war „Chef du groupe“ und die Teenager, die zu meiner Gruppe gehörten waren minderjährig und ich verantwortungsbewußt, wollte lieber dabei sein, für den Fall der Fälle…wenn etwas passiert. Das ich diejenige war, der etwas passieren würde, hätte ich nie gedacht. Los ging´s! Klassischer Touristenritt mit stahlhartem Pferd, dass nicht mehr reagierte auf mich als Reiter, sich komplett ausgeschaltet hatte. Alle Pferde liefen dem Anführer hinterher, ihr „Leittier“. Da kaum jemand reiten konnten und sein Pferd ernsthaft kontrollieren, kam irgendwann der obligatorische „Einzelgallop“: Die Gruppe bleibt geschlossen stehen, der erste Reiter und Anführer prescht los, die anderen nach und nach hinterher. So kommt jeder Reiter, unabhängig seines Könnens auf sein „Galopperlebnis“, egal wie hart er dem Pferd in den Rücken fällt. Warum man das so macht? Es ist nicht leicht Pferde in diese Gangart zu bekommen, wenn sie sehr abgestumpft sind, oder man nicht reiten kann. Mit etwas Glück bleiben die Reiter auch meistens oben. Beim Einzelgalopp greift der Herdentrieb. Kein Pferd will alleine zurückbleiben und unbedingt der Gruppe hinterher laufen. Ich mag diese Galopps nicht. Warum: weil ich wusste, wie es abläuft.

Somit habe ich mit Unsicherheit gekämpft, abzusteigen, die Gruppe zu verlassen, aber war mir nicht sicher, wie ich das anstellen sollte. Mein Pferd hat meine Nervosität gespürt. Wurde immer aufgeregter, bis ich die letzte der Gruppe war und es kaum noch halten konnte. In rasendem Galopp lief es über den unebenen Strand, an spazierenden Touristen vorbei im Visier seine Herde in einiger Entfernung. Beim Erreichen der anderen Reiter stellte es abrupt seine seine Beine in den Boden und stoppte. Gefühlt von KM 100 / Stunde auf 0. Ich landete auf dem Hals und hatte einen Muskelfaserriss am Rücken, Quadratus Lumbago, sagte der Sportarzt. Schlimmer war, dass ich mich furchtbar fühlte nach einem Ritt, auf dem ich mein Pferd nicht kontrollieren konnte. So etwas ist mir nur einmal passiert, auf meinen durchgehenden Isländern damals, die ein Wettrennen laufen wollten.

Ich bin abgestiegen, gab dem Anführer die Zügel meines Pferdes und verabschiedete mich. Das akzeptierte er allerdings nicht. Ich ließ mich überreden, mit seinem Pferd zurück zum Stall zu reiten, akzeptierte sein Angebot . Sein Pferd war unverdorben, ganz fein, reagierte auf alle Hilfen, dennoch, galoppieren, traben, eine schnellere Gangart wollte ich nicht mehr, auch wenn es vermutlich schön gewesen wäre. Mein Trauma vom Galopp davor saß tief. In wenigen Minuten zugezogen – und hielt lange an.

Wie ich es verarbeitet habe

Durch mein Tunesien-Netzwerk bin ich auf eine Ranch auf der Insel Djerba gekommen, mein jetziger Kooperationspartner für Reiturlaube und unser Seminar und Herzprojekt, Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden und Tango. Die Ranch ist niederländisch-tunesisch geführt und und die Pferde, 10 Berberhengste haben mich schon auf den Fotos der Webseite stark beeindruckt! Als ich dann in der Beschreibung las „..wir sind kein Touristikreitbetrieb“, war mir klar, wenn ich jemals wieder ein Pferd besteigen würde, ist es eines dieser Ranch.

Die Hengste werden alle pferdegerecht gehalten, in kleinen Gruppen und Paddocks, toben und spielen den ganzen Tag, wenn sie nicht gerade fressen. Das macht sie besonders ausgeglichen und freundlich dem Menschen gegenüber. Ranchgäste sind in der Regel Profireiter aus der ganzen Welt, die das Gefühl eines Ausritts auf unbebautem Strand wie man ihn auf Djerba, auf der Halbinsel „Flamingoisland“ findet geniessen wollen.

Mein erster Ritt fand gleich nach der Ankunft statt, das war im Jahr 2016. Ausgesucht wurde für mich ein hübscher, kleiner „Palomino“ Hengst von der Farbe her, Stockmaß 1,48m, also fast noch Ponymaß. Man meinte, das würde einem Isländer sehr nahe komme von der Größe und er sei auch der bravste Hengst von allen. Womit man nicht gerechnet hat: die Kleinen haben es auch „faustdick hinter den Ohren“ und einen typisch selbstbewußten Ponycharakter. Beim Ausritt gab es immer mal wieder Freudensprünge während des Galopps und die Ecken wurden auch gerne abgekürzt. Alles Tatsachen mit denen ich klarkam – nur nicht mit der Größe: Isländer sind dicker und runder, somit saß ich immer wie im Stuhl auf diesen Ponys, bequem.

Nassim, mein Berberhengst hingegen war rank und schlank, rassebedingt. Meine Beine hingen lang runter. Fazit: ich war WUND am Abend. Das ist sehr unangenehm – und man teilte mir für den nächsten Tage ein anderes, großrahmiges Pferd zu auf dem ich dann hoffentlich besser saß.

Ein wahnsinnig schöner Dunkelfuchs, mit zauberhaftem Namen Zafrane, so war auch seine Farbe, fast safranorange. Unser Ritt ging los, ich war leicht nervös auf so einem großen Pferd zu sitzen, 165cm cm Stockmaß ist für mich groß. Ich habe auf Isländern reiten gelernt. Das Pferd hat meine Nervosität schnell gespürt und die Stimmung zwischen uns kippte. Im Trab musste ich ihn so sehr zurückhalten, dass ich mich auf einen Galopp unmöglich einlassen konnte. Das hat er gespürt und wurde immer schneller, ich konnte ihn nur mit Mühe halten. Pferde mögen keine nervösen Reiter wie mich. Das habe ich gemerkt. Nach einem anstrengenden Ritt – und unbefriedigend für die anderen, weil sie nicht galoppieren konnten wegen mir – kamen wir wieder auf der Ranch an. Nach dem absatteln, beschloss ich meinen Reiturlaub abzubrechen. Mir war es egal, ich wollte lieber mit meinem Galopptrauma leben, als weitere Ritte mit großer Angst hinter mich bringen und alle Mitreiter und Pferde verrückt machen.

Die letzte Chance auf Heilung: Das schnellste Pferd im Stall

„Bitte gib nicht auf! Einen habe ich noch für dich“, sagte die Ranchbesitzerin. Ich willigte ein, ich bin ja ein „Steher“ und gebe mich nicht so schnell geschlagen. Ihr Vorschlag: Zarrouk, das schnellste Pferd im Stall und ein ehemaliges Rennpferd aus Tunis. Der einzige Vollblutaraberhengst und ein echter Rennprofi, das hat mich beeindruckt. Auch seine Coolness. Er war so gar nicht hippelig, tänzelnd, wie ich mir Rennpferde vorstellte. So schnell wie er war, so cool und fein war er auch. Mit dem Gewicht konnte ich ihn kontrollieren und lenken, er war im Galopp 100%tig bei mir, hat sofort gespürt, wenn es langsamer oder schneller gehen sollte. Manchmal hat er auch meine Gedanken gelesen, glaube ich. Vom ersten Ritt an war er die ganze Zeit bei mir und mit mir verbunden, so wie ich es von meinem Islandwallach kannte. Fazit: ich bin nicht abgereist und habe meinen Reiturlaub bis zum Ende, 10 weitere Tage exklusive mit diesem Hengst verbracht – und viele weitere. Er ist mein Traumapferd und hat eine besondere Rolle in meinem Leben eingenommen. Bei jedem Projekt auf der Insel, sei es ein Seminarurlaub oder eine Inseltour ist er immer für mich reserviert, obwohl heiß begehrt von anderen Reitgästen! Dafür bin ich unendlich dankbar.

Zu den Seminarreisen auf Djerba zusammen mit Susanne und mit Pferdecoach Katharina Haupt von Pferdemomente geht es hier! Und da gibt es ein Interview mit ihr! Und um Tango geht es auch…

Sie mögen unsere Runde? Dann folgen Sie ihr! Alle bisherigen Beiträge unserer Runde können Sie auf einer Seite nachlesen. Und wie wärs, wenn Sie mitmachten?

Sie feiern auch so gerne Feste? Dann mal nachschauen, was bei uns alles so los war!

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