Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es? Was sagt unsere Runde dazu?

die Stadt Böblingen

Wir haben uns wieder getroffen – virtuell natürlich und uns, während draußen im romantischen Allgäu die Nacht herniederfiel, Gedanken zum Thema alt sein oder besser: älter sein? gemacht:

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

Nessa fragt: Ihr Lieben, ich frage mich, ab wann das Alter beginnt. Wann empfindet ihr jemanden als alt? Kann man eine Siebzigjährige noch eine ältere Frau nennen oder ist das eine alte Frau? Oder ist erst der Achtzigjährige ein alter Mann? Im Mehrgenerationenhaus haben wir die ganz Alten die Hochbetagten genannt. Aber wann beginnt es? Ab 85? ab 90? (vermutlich gibt es eine verbindliche Definition, aber die will ich erst mal außen vor lassen).

Nun kann man ja immer mit der Antwort kommen, die in die Richtung geht, man sei so alt wie man sich fühle. Aber das meine ich nicht. Wenn ihr von jemandem erzählt, den ihr nicht persönlich kennt (also nicht
einschätzen könnte, ob der oder die jugendlich daherkommt), wann nennt ihr den oder die alt? Älter? Hochbetagt?

Lasst es mich wissen…

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

ich erinnere mich, wie meine – damals schon kranke – Mutter beim Anblick meines Vaters, als er die Straße überquerte, sagte: Er geht wie ein alter Mann. Das war ein Vorwurf! Meine Antwort: Er ist ein alter Mann. Da war er 75 und hatte schon einen Teil der Pflege meiner Mutter gewuppt. Das geht nicht spurlos an jemandem vorüber und an einem über 70-Jährigen erst recht nicht. Meine Mutter nahm mir den Satz sehr übel.

Meine Großmutter ging ab Mitte 70 gezielt und ausdrücklich zum “Altenkreis”. Sie hat sich darüber – und einige der Mitglieder – lustig gemacht und alles; aber es war eine Abwechslung, für die nicht ihre Familie eingespannt werden musste. Das war ihr wichtig.

Das ist jetzt alles schon was her. Aber ich finde, Menschen über 70 als “älter” zu bezeichnen, um nicht “alt” sagen zu müssen, schwierig. Alt zu sein, hat seine eigenen Bedingungen – gute und negative. Es gehört vieles dazu, sehr unterschiedliche Aspekte: neben Zipperlein auch das Gefühl, es werden immer weniger um mich herum, die ich lange kenne – und das Gefühl: Ich will noch mal was ganz Neues wagen oder mich so richtig einbringen. Wenn ich das Alter weiß, sehe ich alte Menschen – in unterschiedlichen Fitnessgraden, aber alt. Und das beinhaltet auch das Recht, nicht immer up to date oder fit sein zu müssen. Das ist ja gut, wenn es gut klappt. Aber wenn nicht, ist es eine Überforderung. Meine Mutter ist übrigens keine 75 Jahre alt geworden … Ich selbst sehe mich im Matronenalter – klar, mache ich Sport, bin geistig aktiv, lebhaft, redelustig und voll im Einsatz. Aber es gibt Tage, da spüre ich genau, dass ich keine 30 oder 40 mehr bin. Und das darf dann auch mal so sein.

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

Ich bin Anne, Mathematikerin und Lebenskünstlerin aus Passion mit einem Technikfaible und ewiger, grenzenloser Neugierde.

Anne sagt:

Alt ist relativ.  Mit 16 fand ich 30Jährige uralt. Jetzt nicht mehr. Gegenüber 90Jährigen sind 70 Jährige zumindest erheblich jünger.In Bezug auf Methusalem sind wir jung…
Ausserdem gibt es ein inneres und ein äußeres Alter, ein Alter im Denken und ein Alter im Fühlen. Das äußere Alter ist das von den Anderen wahrgenommene. Innerlich fühle ich mich manchmal wie 25, manchmal wie 102. Das kann schnell wechseln. Das innere Alter kann sich von dem äußeren Alter unterscheiden.
Bin ich neugierig auf Neues wie ein Kind und flexibel, so könnte man denken, ich wäre erst 6 Jahre  alt. Kann ich meine Einstellungen überprüfen und gegebenenfalls ändern, so bin ich alterlos…Wenn ich gesund bin und mich wohl fühle, interessiert mich mein Alter nicht.

Übrigens lasse ich mich gerade weil ich mich intensiv mit Mathematik beschäftigt habe, von Zahlen nicht dominieren….

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

Ich heiße Barbara und bin nach der Juristerei auf die Kunst gekommen. Eine Kunst, die zum Nachdenken und Loslassen anregen soll und die ich mit Leidenschaft betreibe.

Barbara sagt:

Seit ich denken kann, habe ich diese Frage immer wieder gehört. Ich habe nie recht verstanden, inwiefern die Beantwortung dieser Frage im Leben eine maßgebende Rolle spielen soll. Soll es mich in eine Kategorie pressen? Soll es mich darauf aufmerksam machen, dass nun endgültig betreutes Wohnen oder – viel schlimmer – Altenheim angesagt ist?  Natürlich registriere ich, wenn jemand viele Falten im Gesicht, einen wenig unsicheren Gang oder weiße Haare hat. Da sieht man die Alterung eines Menschen, die mit der Geburt begann, deutlicher. Dann nenne ich  diesen Mensch auch älter. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Menschen ab einem bestimmten Alter als alt bezeichnet hätte. Das Wort alt hat für mich in diesem Zusammenhang einen ausgrenzenden Charakter. Die  Gruppe der Hochbetagten jenseits der Älteren beginnt für mich da, wo das Alter keine Rolle mehr spielt.  Für heute verabschiedet sich mit diesen Worten eine Ältere …

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

Ich bin Eva und habe einst Jura studiert und schreibe heute für Brot und die Kunst. Damit verhelfe ich Anwaltskanzleien zu erfolgreichem Marketing und meinen Blog- und Buchleserinnen hoffentlich zu dem einen oder andern Aha-Erlebnis.

Ich tendiere dazu, die Alten auch alt zu nennen. Bei den Grünen, wo ich seit kurzem Mitglied bin, gibt es eine Organisation, die nennt sich stolz und selbstbewusst “Die Grünen Alten” und das Alter ihrer Mitglieder beginnt irgendwo in den Fünfzigern und endet dort, wo das Leben endet, also zuweilen hoch in den Neunzigern. Sie sind stolz auf ihre Lebensleistung und ihre Rolle als erfahrene oder gar weise RatgeberInnen, sind aber gleichzeitig auch noch MacherInnen. Würde man sie fragen, ob sie alt seien, würden sie sagen: “Ja, alt an Lebensjahren, aber jung im Kopf.” Eine Verniedlichung wie “ältere Frau” anstelle von “alte lebenskluge und nach wie vor tatkräftiger Frau” würden die grünen alten Frauen, die ich kennengelernt habe, entrüstet ablehnen. Ich selbst würde eine Person, die das Rentenalter oder mehr erreicht hat, entsprechend als alten Mann respektive alte Frau bezeichnen. Mit einer Einschränkung: Weil in Deutschland anders als in Japan “alt” für sich genommen nicht respektvoll klingt, würde ich das “alt” präzisieren. Zum Beispiel würde ich sagen: “alt, aber voll im Leben stehend” oder “alt und lebenserfahren”. Und wenn die alte Person von der Zukunft nix wissen will und über Greta Thunberg meckert anstatt über die Verursacher des Klimawandels, heißt sie bei mir “sturer alter weißer Mann” oder “alt und trotzdem nix dazu gelernt”.

Älter werden, alt werden, älter sein, alt sein – wann beginnt es?

Vielen Dank für eure Antworten, ihr Lieben. Der Grund meiner Frage: Ich überlege, ob ich eine Feldpost entwerfen soll, die sich an Ältere/Alte richtet: Das Siebzigste Jahr – so lautet mein Arbeitstitel. Man begibt sich ja mit jedem neuen Jahrzehnt in eine neue Ära – jetzt in die Zwanziger Jahre des ersten Zweitausenderjahrhunderts und privat vielleicht ins 4., 5., 6.,7. oder 8. Jahrzehnt des eigenen Lebens. Sollte so ein Zehner-Wendepunkt nicht ganz besonders gewürdigt werden? Ist man da nicht gerade offen für Gedanken, die nicht nur kurzfristig, sondern auch längerfristig orientiert sind? Und genau deshalb habe ich mich gefragt, ob vielleicht mit 70 das Alter* beginnt…

Liz Taylor: I don’t get older, I get better.

Liz Taylor auf einer Pressekonferenz am Flughafen Shipol (**)

Bild(er) von unsplash (*) oder wikimedia commons (**) oder selbst geschossen (***), useum (****)danke!

* Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt als alt, wer das 65. Lebensjahr vollendet hat. In Deutschland und auch in Amerika wird von einem “geriatrischen Patienten” erst ab einem Alter von 70 Jahren gesprochen.

Am 28.1.2020 habe ich eine weitere Definition gefunden, die mir sinnvoller erscheint:

Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt 50 % der Gruppe der Gleichaltrigen bereits gestorben sind, ist man alt. (Das betrifft heutzutage eigentlich nur über 80-Jährige.)

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