Was empfindest Du heute anders als noch vor 20/30 Jahren? Wir fragen unsere Frauenrunde


Wir haben uns wieder getroffen – virtuell natürlich. Und uns – und die Männerrunde – mit folgender Frage beschäftigt:

Was empfindest du heute anders als noch vor 20, 30 Jahren?

Mit 18 Jahren war ich in der Stuttgarter Kunstakademie, seither bin ich das, was man Freischaffende Künstlerin nennt mit Schwerpunktthema „Mensch“. Froh bin ich über Literatur und glücklich, wenn ich ein schönes Buch in Händen halte.

Darüber habe ich jetzt immer wieder nachgedacht in den letzten Tagen. Aber wenn es um Empfindungen geht, dann hat sich da eigentlich nichts verändert. Geändert hat sich mein Umgang mit den Gefühlen. Erst mal innehalten, nachdenken, drüber schlafen. 
Die Empfindungen, die ich angesichts des Krieges habe, lassen sich allerdings nur mit großer Mühe bändigen. Und gerade da stelle ich fest, dass sich nichts geändert hat in mir.
Gewalt und Ungerechtigkeit lösen in mir immer noch die gleichen Emotionen aus.
Grüße in Zeiten des Schreckens.

Ines


Was empfindest du heute anders als noch vor 20, 30 Jahren?

Barbara sagt:

Ich heiße Barbara und bin nach der Juristerei auf die Kunst gekommen. Eine Kunst, die zum Nachdenken und Loslassen anregen soll und die ich mit Leidenschaft betreibe.

Liebe Nessa,   heute klinke ich mich aus, zuviel zu tun.

In Zuversicht und unter Nachsicht deinerseits grüßt Barbara    


Was empfindest du heute anders als noch vor 20, 30 Jahren?

Ich bin Lea, Altruistin, Misanthropin, halb freiberufliche Texterin und Übersetzerin für Leichte Sprache, halb Geschäftsführerin eines gemeinnützigen Vereins, ohne menschlichen Anhang, dafür wunderbar fest verbunden mit dem unglaublichsten Profiplüschtier der Welt, meiner Blindenführhündin Arzu.

Vor 30 Jahren war ich 10, das lassen wir also mal 😉

Vor 20 Jahren, also mit 20, war ich Studentin und kämpfte für freie Bildung, ein
durchlässiges Bildungssystem und gleiche Chancen für Alle. In NRW waren
gerade Pläne zur Einführung von Studiengebühren laut geworden und
dagegen formierte sich an den Hochschulen großer Protest. In dieser Zeit
habe ich mich politisiert und mich stark für Gerechtigkeit eingesetzt.
Daraus erwuchs auch mein späteres Friedens-Engagement. Aber damals war
ich, wie wohl eigentlich alle Menschen in der westlichen Welt, fest vom
Frieden überzeugt. Der kalte Krieg war lange vorbei, die Waffen lagen
allenthalben noch rum, aber waren keine gefühlte Gefahr mehr.
Politisches Engagement hatte etwas Unschuldiges, Kraftvolles, Kraftgebendes. Wir glaubten, wirklich etwas bewegen zu können. Die Klimakrise war noch nicht im Bewusstsein angekommen, die Kriege auf der Welt waren alle weit weg.
Heute sind die Kriege wieder eine direkte Bedrohung, ein Atomkrieg winkt
schon von der anderen Straßenseite herüber und das Klima bricht mehr und
mehr zusammen. Ich hätte mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können,
einmal so zynisch und pessimistisch zu werden, wie ich es heute bin, und
dennoch mit all meinen Kämpfen fortzufahren, obwohl ich doch so genau
weiß, dass ich nichts mehr retten werde.

Liebe Grüße

Lea


Was empfindest du heute anders als noch vor 20, 30 Jahren?

Ich bin Anne, Mathematikerin und Lebenskünstlerin aus Passion mit einem Technikfaible und ewiger, grenzenloser Neugierde.

Anne sagt:

Lange musste ich über die Frage nachdenken. Ich hab mich gewundert, dass ich das Meiste noch genauso sehe, wie vor 20/30 Jahren oder auch mit 20 hab ich über Vieles so gedacht wie heute. Nur das Älterwerden hab ich unterschätzt. Früher dachte ich, wenn unsere Vorfahren sich darüber beklagt haben, wie stellen die sich denn an! Meistens hab ich weggehört.


Und jetzt: es kommt die Angst vor dem Verlust der Autonomie, die realen Einschränkungen, meist körperlich, und überhaupt diese Zunahme der Angst, die sehr lähmt.Der Verlust von geliebten Freunden, etliche sind gestorben oder schwer erkrankt. Ich könnte rund um die Uhr, mich mit Erkrankten beschäftigen und mit eigenen Krankheiten. So hab ich mir das nicht vorgestellt!Das Suchen nach den Freuden des Lebens wird zunehmend schwerer und komplizierter…

Viele liebe Grüße von Anne 


Mich kennen Sie natürlich. Ich bin Nessa Altura, die Betreiberin dieses Blogs. Und ich bin diejenige, die hier die Fragen stellt.

Was empfindest du heute anders als noch vor 20, 30 Jahren?

Mir fällt auf, dass ich nach anfänglicher, eher studentischer Monumental-Kritik am deutschen Staatswesen dann doch fand, dass wir insgesamt gar nicht so schlecht abschneiden in unserer Daseins-Fürsorge: sich bilden, arbeiten, sich versorgen, wohnen, gesund sein oder wieder werden, mobil sein, Recht bekommen, etc. – jedenfalls, was den internationalen Vergleich betrifft.

Inzwischen aber habe ich massive Zweifel bekommen, ob das stimmt. Mir kommt es jetzt eher so vor, als lebten wir vom guten Ruf, den wir haben, stemmten aber die Sachen nicht mehr so richtig.

Wir versagen zB bei Großprojekten wie BER oder Stuttgart 21 (wieso können wir das nicht organisieren?) oder der Durchführung von Prozessen wie dem Bahnverkehr, der Brückensanierung, der Energietrassen, der Bepreisung des Autoverkehrs, sinnvoller und durchschaubarer Besteuerung, usw. Was ist daran so schwer?

Beim Sommermärchen Fussball WM haben wir organisatorisch noch ein letztes Mal groß aufgetrumpft (wenn auch unter Korruption, wie man mittlerweile weiß), seither ist uns nicht mehr viel gelungen.

Wir versagen auch dabei, Entscheidungen zeitnah zu fällen und die föderative Verwaltung des Landes sinnvoll zu nutzen (zB die unsäglichen “Missverständnisse” zwischen den Länder-Polizeien).

Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Gesellschaft relativ verächtlich auf die Beamtenschaft blickt, die vieles davon umsetzen. Und dass die Beamtenschaft in Reaktion darauf auch keinen Stolz mehr auf ihre Arbeit hat. Mir fällt jedenfalls auf, dass viel mehr Fehler als ehedem vorkommen…

Sicher ist eines der Probleme auch, dass komplexe Fragen nicht immer auch komplexe Antworten verlangen. Manchmal genügen auch simple Lösungen (wie zB ein analoges Pickerl bei den Straßengebühren, ein Einheitstarif beim Personennahverkehr).

Vielen Dank für eure hilfreichen Antworten, ihr Lieben! Schaut euch auch an, was die Männer so dazu gesagt haben…

Nessa

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